Europäischen Regionen, die stark an Kohle oder kohlenstoffintensiven Industrien hängen, steht ein Strukturwandel bevor. Gelingen kann er nur, wenn die Bevölkerung die Veränderungen unterstützt.
Europäischen Regionen, die stark an Kohle oder kohlenstoffintensiven Industrien hängen, steht ein Strukturwandel bevor. Gelingen kann er nur, wenn die Bevölkerung die Veränderungen unterstützt. Adobe Stock/maresaStocksy

Headline: Positive Kipppunkte für die Transformation zu sauberer Energie in kohlenstoffintensiven Regionen (Tipping+)

Dauer:
bis

Wenn Europa seine Klimaziele für 2030 und 2050 erreichen will, muss es seine Energieversorgung und seine Industrie vollständig dekarbonisieren. Das kann gravierende Folgen für die Wirtschaft und die sozialen Strukturen vor allem jener Regionen haben, die wirtschaftlich stark an der Kohle oder an kohlenstoffintensiven Sektoren hängen. Der Übergang in eine klimafreundliche Zukunft kann dort die Lebensgrundlagen und das soziale und wirtschaftliche Überleben der betroffenen Bevölkerung unmittelbar bedrohen. Im Projekt TIPPING+ untersuchen die Forscherinnen und Forscher, wie ein Strukturwandel ohne sozialen oder wirtschaftlichen Abstieg gelingen kann.

Auf europäischer und nationaler Ebene wird die Dekarbonisierung intensiv diskutiert. Tatsächlich wird sich der Wandel aber in den Regionen und Städten vollziehen. Dort werden die Auswirkungen am stärksten spürbar sein. Deshalb ist die langfristige Akzeptanz der dortigen Bevölkerung von großer Bedeutung. Nur so lassen sich gesellschaftliche Spannungen verringern und Fortschritte beschleunigen.

In TIPPING+ arbeitet ein Forschungsteam daran, ein besseres Verständnis der Transformationsprozesse auf regionaler Ebene zu erlangen. Es wendet dabei das Konzept der sozial-ökologischen Kipppunkte an, um die Rolle der Regionen bei erfolgreichen Transformationen zu untersuchen. Bisher konzentrierte sich die Forschung auf biophysikalische Kipppunkte. Es ging darum zu verstehen, wann kritische Schwellenwerte für Veränderungen in einer oder mehreren Komponenten der biophysikalischen Systeme der Erde erreicht sind, die zu einer großen und irreversiblen Veränderung des Zustands dieses Systems führen können. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive zu Kipppunkten fehlte bislang noch. Das Projekt füllt diese Lücke. Die Forscherinnen und Forscher untersuchen, mit welchen Interventionen Kipppunkte erreicht werden können, die schnelle Systemtransformationen in Richtung einer positiven Zukunft bewirken könnten. Die Forschungsfragen lauten:

  • Warum und wann geraten kohle- und kohlenstoffintensive Regionen auf grundlegend neue Entwicklungspfade und entscheiden sich aktiv für eine kohlenstoffarme Zukunft?
  • Welche Auswirkungen haben solche fundamentalen Veränderungen auf die Lebensgrundlagen und die Nachhaltigkeit regionaler Wirtschaften und sozial-ökologischer Systeme?
  • Warum gelingt es in Prozessen des Strukturwandels in manchen Fällen, Regionen eine kohlenstoffarme, wirtschaftlich und sozial vielversprechende Zukunft eröffnen, in anderen Fällen aber nicht?

Im Projekt Tipping+ analysieren die Forscherinnen und Forscher treibende Kräfte und gezielte Interventionen, die das Entstehen positiver Kipppunkte für die Dekarbonisierung in kohle- und kohlenstoffintensiven Regionen Europas begünstigen. Das IASS ist Teil eines Konsortiums von 17 internationalen Organisationen, die sozialökologische Kipppunkte theoretisch und empirisch untersuchen. In mehr als 20 regionalen Fallstudien werden die Forscherinnen und Forscher dazu Erkenntnisse sammeln.

Dabei identifizieren sie Ereignisse und Prozesse, die unerwünschte Folgen wie den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang oder die Zunahme von Populismus und antidemokratischen Haltungen verhindern. Die Ergebnisse werden in Fachzeitschriften veröffentlicht, aber auch an politische Entscheidungsträger und Interessenvertreter auf mehreren Ebenen in europäischen Regionen verteilt, mit dem Ziel der Förderung von Politikmaßnahmen, die positive sozial-ökologische Kipppunkte begünstigen.

This project has received funding from the European Union's Horizon 2020 research and innovation programme under grant agreement No 884565.