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Headline: Sicherheit über alles? Grundwerte im Nachhaltigkeitsdiskurs

Mailand in Zeiten des Coronavirus: Die berühmte Piazza del Duomo ist menschenleer.
Mailand in Zeiten des Coronavirus: Die berühmte Piazza del Duomo ist menschenleer. Shutterstock/Paolo Bona

In ihrer „MaddAdam“-Trilogie, die in einer unbestimmten, jedoch nicht allzu weit entfernten Zukunft spielt, lässt Margaret Atwood die Menschheit an einem künstlich designten Virus beinahe gänzlich aussterben. Die Pandemie, kurz und verheerend, ist der Angelpunkt des Romanplots, den Atwood über weite Strecken als Rückblenden der wenigen Überlebenden erzählt. Doch ist nicht die Pandemie es, die, inmitten der Coronakrise, an die Lektüre zurückdenken lässt, sondern vielmehr der soziale Zustand, auf den sie trifft: Um die Produktionszentren der Hochtechnologie herum sind in Atwoods Dystopie Gated Communities gelagert, in denen die Wirtschafts- und Technologieeliten abgeschirmt und in Luxus leben. Außerhalb dieser Communities, in den sogenannten „Pleeblands“, sind die meisten Menschen nicht nur der Kriminalität und der Willkür privatisierter Sicherheitsservices ausgeliefert, sondern auch erhöhter Sterblichkeit durch sporadisch und lokal auftretende Epidemien. Als das ultimative Virus zuschlägt, sind weder Solidarität noch Staatswesen in der Lage, sich ihm entgegenzustellen.

Dieser soziale Grundzustand, von der Autorin auf der Höhe des neoliberalen Diskurses vor 15 Jahren imaginiert, interessiert nicht ob etwaiger Ähnlichkeiten, sondern ob seines Kontrasts zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Reaktionsformen auf SARS-CoV-2. Die moralische Nicht-Hinnehmbarkeit von Toten, die vorübergehende Unterordnung von Wirtschafts- unter Sicherheitsinteressen, die Renaissance des Staats als Umverteiler und Beschützer: Sie drücken in (gerade bezüglich des Umverteilungsaspekts) unterschiedlichem Grade die Kernmaximen des Umgang mit der Pandemie aus. Weiter weg könnten wir von Atwoods MaddAdam-Welt nicht sein. Die Grundwerte Sicherheit bzw. Schutz, vielleicht auch Gerechtigkeit bzw. Solidarität (dazu mehr im Folgenden), scheinen für den Moment handlungsleitend wie kaum je zuvor. Insofern dies auch zwei der essentiellen Grundwerte des Nachhaltigkeitsdiskurses sind, mit deren Untersuchung in politischer Kommunikation sich meine Forschungsgruppe Tag für Tag beschäftigt, lässt sich die Frage stellen: Kann die gegenwärtige Eindämmung der Pandemie als Modell für Nachhaltigkeitspolitik fungieren?

In Thessaloniki desinfiziert ein Arbeiter einen Klassenraum, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.
In Thessaloniki desinfiziert ein Arbeiter einen Klassenraum, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Shutterstock/Ververidis Vasilis

Diese Frage ist so interessant und komplex, dass mein Blogbeitrag auch nicht im Ansatz beansprucht sie vollständig zu diskutieren. Es gibt viele Aspekte, unter denen Akteure aus der Corona-Krise im Hinblick auf globale Nachhaltigkeitsprobleme werden lernen können und müssen: im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Klimawandel und kollektiver Handlungsfähigkeit etwa, zwischen Just-in-Time-Produktion und Resilienz, oder zwischen Komplexität, Demokratie und Expertenkulturen. Nicht alles, was letztere dieser Tage in puncto Nachhaltigkeit hervorbringen, scheint mir hilfreich; Klimaforscher müssten sich z. B. fragen lassen, ob sie nicht durch überdehnte Vergleiche zwischen Covid-19 und Klimawandel den letzteren als systemisches Risiko – entgegen ihrer Intention –  eher herunterspielen. Denn wenn sie im Kern statistisch argumentierende „Coronaskeptiker“ mit gänzlich anti-statistisch und selektiv argumentierenden Klimawandelleugnern gleichsetzen, leisten sie womöglich dem ohnehin – gerade auch in Gesundheitsfragen – gegenüber probabilistischer Wissenschaft eher ignoranten Denken vieler Menschen sogar Vorschub.  An dieser Stelle will ich nur einem einzigen Gedanken Nachdruck verleihen: Während für nachhaltige Entwicklung der Schutz menschlichen Lebens zentral ist, liegen ihr auch noch weitere Werte zugrunde, die mit ihm in Konflikt geraten können.

Ginge es ‚nur‘ um globalen Umweltschutz, also um die Abwehr von Gefahren, die dem menschlichen Leben weltweit durch Gifte, Verschmutzung, Bodenerosion, Überflutungen usw. drohen, dann hätte es des Begriffes der nachhaltigen Entwicklung nicht bedurft. Dass seine moderne Neuerfindung in den Siebziger- und Achtzigerjahren notwendig wurde, war dem Aufeinanderprallen wirtschaftlicher Interessen und sozialer Ansprüche aus Nord und Süd geschuldet. Gesucht wurden Entwicklungspfade, die steigende Lebensstandards mit ökologischer Stabilität vereinbaren würden. Das, was insbesondere ärmeren Regionen, aber auch ärmeren Menschen in reichen Regionen mit dem Konzept zugesichert werden sollte, war also nicht nur Leben im Sinne von „Überleben“, sondern vor allem auch von besserem Leben. Dies lässt sich nicht nur an dem Begriff selber ablesen (nachhaltige Entwicklung), sondern auch an den ihn begleitenden Diskussionen um Lebensqualität und erweiterte Grundbedürfnisse sowie an der zentralen Stellung, den Innovationen und Modernisierung im Nachhaltigkeitsdiskurs einnehmen. Wie auch immer kritisch man sich dazu verhält: Diese Anliegen sind gegenüber dem Wert des Schutzes nicht zwangsläufig nachrangig. An Covid-19 gedankenexperimentell verdeutlicht: Sollte der Infektionsschutz eines Tages von uns verlangen, in einer Gesellschaft ohne Umarmungen oder ohne größere Feste zu leben, dann würde das, was viele als lebenswert empfinden, durch diese „Innovation“ unter Umständen so stark beschnitten, dass die Gesellschaft zwar sicher(er) wäre, aber nicht nachhaltig. Auf Fragen der nachhaltigen Entwicklung im engeren Sinne rückbezogen, ist deshalb die Begründung wichtiger Maßnahmen ausschließlich aus dem Geiste der Sicherheit von Leib und Leben nicht unbedenklich – aktuell etwa die argumentative Verknüpfung von Fuß- und Radverkehrswegen mit dem Wert des „sozialen Abstands“, allgemein auch das ausschließliche Fokussieren der Mobilitätsdiskussion auf Luftqualität und Verkehrssicherheit, das wir schon 2018 in der Tagespresse beobachten konnten.

Nachhaltige Entwicklung also soll das Überleben sichern – aber nicht um jeden Preis, z. B. nicht um den der Errichtung eines „Paradieses der perfekten Kontrolle“.  In einer Kontrollgesellschaft geriete das Motiv des Schutzes (ausdifferenziert in aktive Fürsorge einerseits, autoritative Kontrolle andererseits, was im Englischen, nicht aber im Deutschen anklingt in der Unterscheidung zwischen „safety“ und „security“) mit dem der Freiheit in erhebliche Spannungen. Auch aus moraltheoretischen Erwägungen heraus wäre dann damit zu rechnen, dass eine bedeutende Minderheit von Menschen sich gegen eine solche Gesellschaft dauerhaft wehrt. Im Hinblick auf den realen Diskurs nachhaltiger Entwicklung muss zwar zugegeben werden, dass Freiheit in diesem bisher nicht unbedingt als Grundwert fungiert hat und daher „Nachhaltigkeit als Kontrolle“ prinzipiell ein mit dem Konzept vereinbarer Entwicklungspfad ist, jedoch sollte man auch als Nachhaltigkeitswissenschaftler zumindest darauf hinweisen, dass hier die altbekannte „Hybrisfalle“ wartet – ein Steuerungswahn, der die Ergebnisse, die er erreichen kann, systematisch über-, und die Nebenfolgen, die er produziert, unterschätzt. Beispiele reichen von der Kernenergie über Biotreibstoffe bis hin zu Climate Engineering.

Abschließend noch ein Wort zum vielleicht zentralen politischen Wert überhaupt, und ganz sicher dem der nachhaltigen Entwicklung: Gerechtigkeit. Nachhaltigkeit wuchs wie gesagt dadurch über den „Umweltschutz“ hinaus, dass sie die globalen (!) Verteilungskonflikte mit in die Diskussion aufnahm, will heißen: Konflikte um die Verteilung sowohl von Entwicklungschancen als auch -schäden. Dass im Fall von SARS-CoV-2 dem Schaden Schwächerer (Risikogruppen) durch ein Zurückstecken bei den Entwicklungsperspektiven Stärkerer vorgebeugt werden soll, und dass jenen dadurch ein längeres Leben ermöglicht wird, dass andere kürzer treten, ist prima facie tatsächlich die Art politischer Bewegung, die in nachhaltigkeitspolitischen Zusammenhängen immer wieder – und oft vergeblich – eingefordert wurde (man denke an den Ansatz der Kontraktion und Konvergenz bei den Klimaverhandlungen) .

Gleichwohl: Die Schwächsten der Gesellschaft sind nicht nur Covid-19-Risikogruppen, und nicht jeder Schaden durch den Stillstand ist vom Staat ökonomisch zu kompensieren. Kinder aus bildungsfernen Familien werden durch längeres Homeschooling abgehängt, Frauen sind im Lockdown vermehrt häuslicher Gewalt ausgesetzt, Menschen ohne guten Internetanschluss sind benachteiligt, viele alte Menschen werden nun zwar nicht durch das Virus gefährdet, dafür aber durch Einsamkeit und Bewegungsmangel. Dies sind nur einige der Gruppen, die unter der vermeintlichen Solidaraktion Kontaktsperre (oder Ausgangsverbot) überdurchschnittlich zu leiden haben (bis hin zu gesundheitlichen Folgeschäden). In Deutschland dauerte es glücklicherweise kaum mehr als eine Woche, bis deren Ansprüche in der Debatte wieder auftauchten; als „Solidaritätskonflikte“ spielen sie auch in der Stellungnahme des Ethikrats eine wichtige Rolle.

Diese eine erste Woche indes, in der pauschal galt: Sicherheit über alles!, werde ich in zwiespältiger Erinnerung behalten. Denn wenn die Frage: Wessen Sicherheit? Wessen Schutz? nicht fortlaufend aktualisiert wird, und wenn wir dabei nicht über den eigenen Tellerrand blicken, führt sie in eine Welt, in der letztlich doch jeder sich selbst der Nächste ist, und die dann von Atwoods Dystopie doch nicht gar so radikal verschieden wäre. Sicherheit, wenn sie nur die je eigene meint, läuft dem universalistischen Charakter von Gerechtigkeit diametral entgegen. Das Starren nur auf die unmittelbare Bedrohung, und nur auf die eigene: das wäre das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Dass wir Solidarität üben können in ungeahntem Ausmaß: das könnte die gute Nachricht der Coronakrise sein. Aber sie ist es nur dann, wenn die Solidarität sich von dem, was uns ähnlich und nahe erscheint, löst; wenn sie auch die Anliegen jener umgreift, die entweder – vielleicht gleich um die Ecke, in beengten Wohnungen oder Obdachlosenunterkünften – ganz andere Probleme haben mit der gleichen Gesamtlage, oder die anderswo – sei es in Moria oder in Bergamo – die gleichen Probleme erfahren wie wir.

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