Digitale Technologien verursachen mehr CO₂ als bislang erfasst
23.02.2026
Digitale Technologien gelten als Treiber von Effizienz, Wachstum und Innovation. Ihr Beitrag zum Klimawandel ist jedoch deutlich größer als bisher angenommen. Eine neue Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Communications Sustainability, zeigt, dass digitale Industrien im Jahr 2021 für rund 4,1 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich waren. Der größte Teil dieser Emissionen bleibt in der öffentlichen Berichterstattung und in offiziellen Klimabilanzen bislang verborgen.
Ein internationales Forschungsteam hat systematisch berechnet, welche Emissionen entlang der globalen Lieferketten digitaler Technologien entstehen. Berücksichtigt wurden Hardware, IT-Dienstleistungen sowie Kommunikationsinfrastruktur. Die Analyse basiert auf Daten für den Zeitraum von 2010 bis 2021 und erfasst neben direkten Emissionen auch vor- und nachgelagerte Produktionsstufen.
Bilanzierungsvorgaben sind unzureichend
Zwischen 77 und 87 Prozent der Emissionen entstehen bereits vor der eigentlichen Nutzung oder Bereitstellung einer digitalen Technologie – hauptsächlich in der Herstellung digitaler Technologien entlang globaler Lieferketten. Diese vorgelagerten Emissionen sind häufig nicht Teil der Berichterstattung in Unternehmen.
Das liege an einer Regulierungslücke in der Bilanzierung, erläutert Ko-Autorin Stefanie Kunkel vom RIFS: „Das Greenhouse Gas Protocol, ein internationaler Standard, unterscheidet drei Bereiche: Scope 1 umfasst direkte Emissionen des Unternehmens, etwa durch den Einsatz von Chemikalien oder eigene Energieerzeugung. Scope 2 erfasst indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom. Scope 3 schließlich umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, etwa aus Rohstoffförderung, Transport oder der späteren Nutzung der Produkte. Problematisch ist, dass die Erfassung von Scope-3-Emissionen in vielen Weltregionen und für die meisten Unternehmen freiwillig ist und deshalb oft nur unzureichend vorgenommen wird.“ Auch in den nationalen Klimastatistiken werden Emissionen meist produktionsbasiert erfasst – also dort, wo sie entstehen, nicht dort, wo die entsprechenden Güter und Dienstleistungen konsumiert werden.
Zudem werden laut der Studie 42 Prozent der digitalen Emissionen nicht den Digitalindustrien selbst, sondern anderen Wirtschaftssektoren wie Automobilbau, Maschinenbau oder Finanzdienstleistungen zugerechnet. „Es ist eine Frage der Zuordnung der Emissionen in der Klimastatistik, ob diese Emissionen, die bei der Herstellung digitaler Technologien entstehen, als ‚digitale Emissionen‘ ausgewiesen werden oder den Klimabilanzen anderer Branchen zugerechnet werden “, erläutert Kunkel. Derzeit würden digitale Emissionen häufig in den Fußabdrücken anderer Sektoren verborgen.
Mehr Transparenz und Zusammenarbeit in globalen Lieferketten nötig
Während die Emissionen klassischer Hardwareproduktion zuletzt leicht zurückgingen, weisen die Forschenden auf einen deutlichen Anstieg der Emissionen bei IT-Dienstleistungen hin. Die Nachfrage nach Cloud-Anwendungen, Rechenleistung und datenintensiven Services habe die Emissionen dieses Sektors seit 2010 um mehr als 60 Prozent steigen lassen. Dieser Trend dürfte durch den rasanten Ausbau von Anwendungen künstlicher Intelligenz weiter verstärkt werden.
Regional zeigen sich starke Ungleichgewichte. China ist der größte Produzent digital bedingter Emissionen und zugleich ein zentraler Exporteur. Europa und die USA hingegen importieren einen erheblichen Teil ihres digitalen CO₂-Fußabdrucks über globale Lieferketten. Die Autorinnen und Autoren plädieren daher für eine stärkere Berücksichtigung der Emissionen, die durch den Konsum von Gütern auch außerhalb der produzierenden Länder verursacht werden, in der Klimapolitik.
Der Klimafußabdruck der Digitalisierung lasse sich nicht allein durch effizientere Rechenzentren oder einen geringeren Stromverbrauch senken. Entscheidend sei vielmehr, die Emissionen digitaler Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungsketten zu reduzieren – also auch dort, wo sie als Bestandteile in anderen Produkten und Dienstleistungen stecken. Dafür brauche es mehr Transparenz, klare Verantwortlichkeiten und Zusammenarbeit zwischen Firmen und zwischen Regierungen in globalen Lieferketten, zum Beispiel Grenzausgleichsmechanismen wie den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der EU, um Umwelteinflüsse grenzübergreifend unter fairen Wettbewerbsbedingungen adressieren zu können. Auch Fortschritte bei langlebiger und wiederverwendbarer Hardware sowie ein umweltbewussterer Umgang mit digitalen Anwendungen können helfen, digitale Emissionen zu reduzieren.
Axenbeck, J., Kunkel, S., Blain, J., & Charpentier, F. (2026). Between 2010 and 2021, global emissions from digital technologies were largely obscured in greenhouse gas emission accounting standards. Communications sustainability, 1: 25. https://doi.org/10.1038/s44458-025-00022-6.
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Dr. Stefanie Kunkel
