Dekolonialisierung, Gender Studies und die nordischen Länder
21.01.2026
Ein Blogbeitrag von Naja Dyrendom Graugaard, Anne S. Chahine und Nina Döring
Forscherinnen des RIFS haben mit einem Paper zu der neuen Sonderausgabe „Decolonisation, Gender Studies, and the Nordics” (Dekolonialisierung, Gender Studies und die nordischen Länder) des Journals „Women, Gender & Research“ beigetragen. Naja Dyrendom Graugaard, Affiliate Scholar am RIFS, fungierte als Chefredakteurin der Ausgabe. Das Paper, das die RIFS-Forscherinnen Anne S. Chahine und Nina Döring zusammen mit Nina Hermansen und Jan-Erik Henriksen, beide Teil der Forschungsgruppe Indigenous Voices (IVO) an der UiT – The Arctic University of Norway, geschrieben haben, trägt den Titel „Towards decolonial Arctic research relations: Co-creating spaces for shared embodied experiences in a European research community”. Das Paper beschäftigt sich mit dekolonialen Beziehungen in der Arktisforschung und wie in der europäischen Forschung Räume geschaffen werden können, welche den Körper und seine Wahrnehmungen und Emotionen mit einbezieht.
Die Ausgabe befasst sich mit dem Thema Dekolonialisierung und bringt dekoloniale und indigene Wissenschaft in einen Dialog mit Gender Studies. Wie Graugaard et al. (2025) in der Einleitung schreiben, erscheint die Ausgabe „zu einem Zeitpunkt, der eine kritische und rigorose Analyse darüber erfordert, wie Strukturen der Kolonialität und des Heteropatriarchats weiterhin die Gegenwart prägen, in einer Zeit, in der Kolonialisierung neue und fortdauernde Formen und Erscheinungsweisen annimmt“ (eigene Übersetzung). Die Herausgeber*innen der Sonderausgabe ordnen diese in den aktuellen politischen Kontext ein und reflektieren über Kolonialität und Kolonialismus in der nordischen Region und darüber hinaus in Form andauernder Strukturen, die weiterhin bestimmen, wessen Körper, Leben, Territorien und Wissen als legitim angesehen werden.
Der Artikel von Anne S. Chahine, Nina Hermansen, Nina Döring und Jan-Erik Henriksen basiert auf der langjährigen Zusammenarbeit der Co-Autor*innen, die bereits in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet haben, darunter „DÁVGI: Co-Creation für biokulturelle Vielfalt in der Arktis“ und derzeit „BIRGEJUPMI: Bridging Knowledge Systems for Inclusive, Resilient, and Prosperous Arctic Coastal Futures”. In ihrem Artikel konzentrieren sich Chahine et al. (2025) auf die Dynamik und Besonderheiten einer europäischen Forschungsgemeinschaft, die sich mit Themen der Arktis befasst, indem sie affektive Räume der Zusammenarbeit zwischen indigenen und nicht-indigenen Wissenschaftler*innen theoretisieren und Co-Creation als Praxis epistemischer Gerechtigkeit verstehen. Eine wichtige Erkenntnis ihres Papers besagt, dass „die Pflege und Vertiefung von Forschungsbeziehungen über Wissenssysteme hinweg einen langen Horizont erfordert, wobei unsere Beziehungen im Laufe der Zeit fortwährend neu bestärkt und ausgehandelt werden müssen” (S. 201, eigene Übersetzung).
Die Sonderausgabe setzt sich mit der Komplexität des Leitthemas auseinander und beleuchtet es in 25 Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven, darunter 15 peer-reviewed Artikel, 7 Essays, Debatten und künstlerische Beiträge sowie 3 Buchrezensionen. Die Autor*innen – Wissenschaftler*innen und Künstler*innen – vertreten unterschiedliche Positionen, Erfahrungen und Kenntnisse im Zusammenhang mit Dekolonialisierung und Gender Studies in der sogenannten nordischen Region und darüber hinaus. Die Sonderausgabe stellt dabei auch Beiträge in den Vordergrund, die auf gelebten, indigenen und anderen minorisierten Erfahrungen der Kolonialisierung basieren. Sie erkennt diese gelebten Erfahrungen als Fachwissen an, das dominante akademische Hierarchien in Frage stellt. Die Ausgabe hebt künstlerische, kollaborative und praxisorientierte Formen des Wissens als zentral für dekoloniales feministisches Denken hervor. Indem sie verschiedene epistemische Traditionen miteinander in Dialog bringen, stellen die Beiträge gemeinsam die Frage, wie Kolonialität heute Geschlecht und Sexualität prägt – und welche alternativen Modi der Beziehungs- und Wissensbildung neue Ansätze hervorbringen können.
Am 18. November wurde die Sonderausgabe im Rahmen des Gender-Forschungstages der Universität Kopenhagen vorab vorgestellt. Das Programm umfasste Beiträge von Mitwirkenden der Sonderausgabe: eine Einführung von Naja Dyrendom Graugaard, eine Gedichtlesung von Henriette Berthelsen, eine Podiumsdiskussion mit Nina Cramer, Katrine Dirckinck-Holmfeld und Henriette Berthelsen, moderiert von Naja Dyrendom Graugaard, sowie Musik und Lieder der Band Qivittoq mit der Leadsängerin Klaudia Petersen.
Die Sonderausgabe ist als barrierefreie Open-Access-Publikation auf der Homepage der Zeitschrift verfügbar.


