Overline: Berlin Science Week
Headline: Ein Haptic Hortus in Neukölln

Haptik Hortus Pflanzen Botanik Berlin Science Week
Der "Haptik Hortus" befindet sich in einem ehemaligen Nagelstudio in Neukölln neben Spätis und Schnellimbissen. IASS/ S. Letz

Mit Pflanzen zu sprechen, ist fast schon ein alter Hut. Aber sie zu berühren, über ihre Blattadern und Blätter zu streichen, daran festhalten, sie zu bewegen, wie steht es darum? Und umgekehrt: Inwieweit berühren oder bewegen uns Pflanzen, Bäume, Sträucher, Wasserlilien und Orchideen? Während der Berlin Science Week hat IASS-Fellow Susanne Schmitt mithilfe der Teams von den Prinzessinnengärten und von Dis+Ko einen Ort namens „Haptik Hortus“ geschaffen.

Haptik Hortus Pflanzen Botanik
Haptik Hortus: Pflanzen zum Anfassen - oder: Einen stillgelegten Nagelsalon in einen botanischen Garten verwandeln. IASS/ S. Letz

Er ist entstanden in einem ehemaligen Nagelstudio in Neukölln und befindet sich neben Spätis und Schnellimbissen. Menschentrauben auf der Hermannstraße bleiben stehen am Abend des Eröffnungstages der Berlin Science Week, weil sie im Schaufenster dieses Ortes - genannt „Studio Nagelneu“ – hinter der Fensterscheibe ein grün schimmerndes Aquarium sehen, in dem allerhand los ist: In dieser Unterwasserlandschaft wird mit Schwämmchen der Alge „ihr Kopf gewaschen“. Oder die Ordnung durch händisches Sortieren und Geraderücken wieder hergestellt, gelichtet und gerichtet.

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"Haptic Hortus", geschaffen von der Anthropologin, Künstlerin und IASS Fellow Susanne Schmitt, ist eine Antwort auf das ethnografische Forschungsprojekt „Touching Plants“ der FU Berlin. IASS/ S. Letz

Die Gruppe, die an diesem ersten Abend den Raum hinterm Aquarium betritt, bekommt von Wissenschaftlerin Schmitt die Idee dieser multisensorischen Installation erklärt: Sie bringe damit Geschichten und Erfahrungen von Begegnungen zwischen Pflanzen und Menschen im Botanischen Garten Berlins an einen Ort in der Stadt, der seine ganz eigene Geschichte des Berührens und Berührt-werdens berge, sie spielt damit auf die Historie als einstiges Nagelstudio an. Die Installation ist entstanden im ethnografischen Forschungsprojekt „Touching Plants - Pflanzen berühren“ der Freien Universität Berlin.

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Zu sehen in der Videoinstallation: Begegnungen zwischen Pflanzen und Menschen im Botanischen Garten Berlins. IASS/ S. Letz

Die Filmaufnahmen, die in Endlosschleife zu sehen sind, entstanden in Berlins Botanischem Garten. Im FU-Forschungsprojekt „SFB Affective Societies: Pflanzen berühren“ wurden die Dynamiken zwischen Menschen und Pflanzen anhand einer ethnographischen Studie im Botanischen Garten und im Botanischen Museum (BGBM) in Berlin erforscht. Die beiden Anthropologinnen Prof. Sandra Calkins und Cornelia Ertl an der FU leiten das Forschungsprojekt. Der Abend greift ihre Forschungsarbeit auf mit einer bewegungsorientierten Sonderausgabe des experimentellen Wissenslabors "Moving across Tresholds".

Die Videos zeigen die Gärtnerinnen und Gärtner bei ihrer täglichen Arbeit. Es ist zu sehen, wie einer von ihnen fast hüfthoch im Wasser steht und die wagenradgroßen Blätter von Wasserlilien aus dem Amazonas-Regenwald mit Handschuhen gewappnet säubert, wässert, bändigt und auf ihrem robusten Blattwerk sogar Hefte zwischenlagert.

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Diese Orchidee war mit einem Kontaktmikrophon am Blattwerk bestückt und jedes Streichen über die Oberfläche wurde hörbar. IASS/ S. Letz

Wer so wenig zimperlich mit einer Pflanze umgeht, fast erscheint es beim ersten Blick grob und grenzüberschreitend, hat viel Wissen über die andere Seite gesammelt und angehäuft, so dass diese seltsame Form von Fürsorglichkeit und zugleich Intimität mit der Pflanze möglich ist, sie dennoch gedeiht und wächst und sprießt. Während andere Pflanzen wiederum so delikat sind, dass sie mit viel Aufmerksamkeit, weitaus weniger Kraft und Elan angefasst werden müssen, damit sie überleben.  

An diesem Abend findet ein Workshop mit Musikproduzent, Klangkünstler und Komponist Felix Classen statt. Sein Part ergänzt das Sehen und Wissen der Teilnehmenden, so dass die Haptik mit einer Pflanze akustisch wird und die Kontaktaufnahme mit ihr zum Klingen kommt. Klänge aus dem Botanischen Garten - besonders aus dem Victoriahaus - dienten als hintergründiger Klangteppich.  

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Das Hydrophon in diesem Bassin mit Wasserpflanzen übertrug die Berührung der Pflanzenkörper mit Klängen. IASS/ S. Letz

Die Teilnehmenden am Workshop trugen über Hydrophone in zwei runden Wasserbassins mit Wasserpflanzen zu weiteren Klangfetzen bei. Hinzu kam ein Kontaktmikrophon am Blattwerk einer Orchidee und ein sensibler Lautsprecher nahm weitere Klänge im Raum auf. Es entstand mithilfe der Forschungsgegenstände und Exponate der Ausstellung eine experimentelle improvisierte Echtzeitkomposition aus den Berührungen der Menschen mit den Pflanzen – dies passend zu den Videoaufnahmen von Susanne Schmitt aus dem Botanischen Garten.

Nun, die Pflanzen zu berühren, über ihre Blattadern und Blätter zu streichen, daran festhalten, sie zu bewegen, wie also hört sich das an? Die am Abend des 1. November 2022 mit Felix Classen und Susanne Schmitt entstandene Klangkomposition ist hier auf Soundcloud zu hören:

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