Overline: Ozean-Governance
Headline: Deutschland will mehr Forschung und vorerst keinen Tiefseebergbau

Schlangenstern an einem gestielten Schwamm
Der Boden der Tiefsee ist das am wenigsten erforschte Ökosystem der Erde. ROV KIEL 6000/GEOMAR

In diesen Wochen treten die zwischenstaatlichen Verhandlungen zur Regulierung des Tiefseebergbaus bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (englisch International Seabed Authority – ISA) in eine kritische Phase ein. Während einige Staaten und Interessengruppen auf einen baldigen Beginn des Bergbaus drängen, warnen andere vor einem übereilten Einstieg in diese neue Rohstoffindustrie. Auch Deutschland fordert, vorerst keinen Meeresbodenbergbau zuzulassen und stattdessen den Fokus auf Wissenschaft zu legen, um Ökosysteme in der Tiefsee besser zu verstehen. Begründet hat Deutschland das mit dem Vorsorgeansatz, welcher Umweltschäden vorbeugen soll. Das Ocean-Governance-Team am IASS unterstützt die Entwicklung hoher Umweltstandards, um durch diese Rahmenbedingungen irreparable und irreversible Schäden zu vermeiden, die durch eine fahrlässige Praxis beim Meeresbodenbergbau verursacht werden könnten.

Vergangenen Montag hat sich Deutschland im Rahmen der derzeit laufenden ISA-Ratstagung für einen vorsorglichen Stopp für die Zulassung von Tiefseebergbauprojekten ausgesprochen. Damit reiht sich Deutschland in die Reihe zahlreicher Staaten ein, darunter Chile, Costa Rica, die Föderierten Staaten von Mikronesien, Neuseeland, Panama, Spanien sowie das Europäische Parlament, die alle eine Pause für diese aufstrebende Industrie gefordert haben. Hinter diesen Forderungen stehen vor allem Umweltbedenken, da es derzeit keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, um die möglichen Umweltfolgen des Tiefseebergbaus abschätzen zu können. Was bisher bekannt ist, deutet auf ein besorgniserregend hohes Risiko einer nachhaltigen und erheblichen Schädigung der Ökosysteme des Ozeans und des Verlustes von Meerestierarten hin.

Darüber hinaus gibt es Bedenken hinsichtlich der sozialen Auswirkungen des Meeresbodenbergbaus und der Frage, ob und wie etwaige wirtschaftliche und finanzielle Vorteile verteilt würden. Nach internationalem Recht ist der internationale Meeresboden das "gemeinsame Erbe der Menschheit", und Bergbauaktivitäten müssen, wenn sie erlaubt werden, zum Nutzen der gesamten Menschheit durchgeführt werden.

Die Forschungsgruppe Governance der Ozeane am IASS beschäftigt sich seit 2015 mit den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten des Tiefseebergbaus. Unser Team berät derzeit das Umweltbundesamt (UBA) bei der Schaffung eines Rahmens für Umweltstandards, die die Regulierung des Tiefseebergbaus leiten sollen. Wir stimmen mit der deutschen Position darin überein, dass es verfrüht wäre, Meeresbodenbergbau zu einem Zeitpunkt zuzulassen, zu dem unser Wissen über die Tiefsee so unvollständig ist, dass noch nicht mal die Größenordnung der Umweltschäden, die durch den Meeresbodenbergbau verursacht würden, abgeschätzt werden kann.

Wie die Bundesregierung in ihrem ISA-Statement feststellte, "reichen der derzeitige Kenntnisstand und die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse bis auf weiteres nicht aus, um den Tiefseebergbau zu genehmigen". Indem Deutschland vorerst der Wissenschaft Vorrang vor dem Bergbau einräumt, folgt es dem Vorsorgeansatz, der im Einklang mit den wichtigsten Verpflichtungen der EU zum Schutz des Meeresbodens und der marinen Artenvielfalt steht. Im Statement heißt es: "Deutschland besteht auf der strikten Anwendung des Vorsorgeansatzes und sieht die Notwendigkeit einer vorsorglichen Pause im Tiefseebergbau, um die weitere wissenschaftliche Erforschung der Meere zu ermöglichen."

Die laufenden Verhandlungen während der ISA-Ratstagung zielen auf die Entwicklung internationaler Regelungen für den kommerziellen Meeresbodenbergbau ab, welche nach Inkrafttreten festlegen, wer unter welchen Bedingungen Mineralien am Meeresboden abbauen darf, welche Anforderungen die Bergbauunternehmen erfüllen müssen und wie hoch die Abgaben für die Ausbeutung des Menschheitserbes wären. Deutschland setzt sich in diesen Verhandlungen für die Entwicklung verbindlicher Umweltschwellenwerte für alle Bergbauaktivitäten am Meeresboden ein. Diese Maßstäbe sollen es den befürwortenden Staaten (Sponsoring States) und der ISA vorab ermöglichen zu beurteilen, ob die durch den kommerziellen Abbau der mineralischen Substrate voraussichtlich verursachten Umweltschäden die Meeresumwelt nachhaltig und erheblich beeinträchtigen werden.

Wenn sich noch mehr Staaten für eine vorsorgliche Pause aussprechen, könnte die ISA ein Forschungsprogramm entwickeln, das sich auf wissenschaftliches Fachwissen weltweit stützt, um gemeinsam die wichtigsten Wissenslücken über die Ökosysteme der Tiefsee zu schließen. Dies könnte in das UN-Jahrzehnt der Ozeanforschung 2021-2030  einfließen und es den Staaten ermöglichen, in Zukunft eine fundiertere Entscheidung über den Tiefseebergbau zu treffen.

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