Headline: Was wissen Sie über die Lausitz?

Zurück zur Natur? Einige Tagebaue in der Lausitz wurden in Seen verwandelt.
Zurück zur Natur? Einige Tagebaue in der Lausitz wurden in Seen verwandelt. Kat Austen CC-BY-SA 4.0

Wie entwickelt man ein Gefühl für einen Ort? Ich fahre hin, fühle den Boden, schmecke die Luft, tauche meine Fingerspitzen ins Wasser, höre den Klängen zu, und eine Geschichte entsteht.

Seit April arbeite ich an einem künstlerischen Projekt über die Lausitz, eine Region an der deutsch-polnischen Grenze. Die Lausitz hat mich von Beginn an fasziniert ‒ seitdem ich von den komplexen Identitätsstrukturen und der Geschichte der Sorben erfahren habe, einer slawischen Minderheit, die schon lange vor der Entstehung der heutigen Nationalstaaten in der Region ansässig war, lässt mich die Region nicht mehr los.

Eine Identität im Wandel

Meine Arbeit konzentriert sich auf die Beziehungen von Menschen zu ihrer Umwelt im Kontext der Klimakrise. Ich interessiere mich dafür, welche Rolle die menschliche Identität in diesem Wechselspiel einnimmt und welchen Einfluss die Gefühlswelt auf die Herausforderungen von nachhaltiger Lebensführung hat. In meinen Arbeiten zu diesem Thema beziehe ich neben den menschlichen auch nicht-menschliche Perspektiven ein: das Land, das Wasser, die Flora und Fauna, ein Ökosystem.

Wenn es um die Verflechtung von Identität und Nachhaltigkeit geht, ist die Lausitz ein besonderer Ort. Die Region ist nicht nur die Heimat der Sorben, sondern für ihren Braunkohlebergbau bekannt. Die mächtigen Tagebaue dominieren die Landschaft ebenso wie das Narrativ über die Identität der Lausitz. In knapp 20 Jahren wird die Braunkohleindustrie zu Ende gehen. Während ehemalige Tagebaue in der gesamten Region bereits mit Wasser geflutet wurden, stellt sich die Frage, was die von der Braunkohle-Industrie hinterlassenen Löcher in der künftigen Wirtschaft, der Industrie und in den Herzen der Menschen füllen wird.

Der Titel der Arbeit lautet „This Land is Not Mine“ ‒ ein (schwer zu übersetzendes) Wortspiel im Englischen, das mehrere Facetten zum Ausdruck bringt: der Kohleabbau bestimmt einen großen Teil der regionalen Identität, was zu Lasten anderer Charakteristika der Lausitz geht: „Dieses Land ist nicht nur vom Braunkohletagebau definiert.“ Der gesellschaftliche Konsens, dass der Besitz von Land mit der Herrschaft über Natur einhergeht, ist eine Geisteshaltung, die der Theorie von Nachhaltigkeit konträr gegenübersteht: „Dieses Land kann nicht wirklich mir gehören.“ Und schließlich meine eigene Beziehung zu der Region als Immigrantin, die in der Nähe der walisischen Grenze und mit walisischem Kulturerbe aufgewachsen ist: „ Dieses Land ist nicht dort, wo ich herkomme, aber einige Dinge fühlen sich vertraut an.“

Windkraftanlagen, Tonaufnahmegerät: Beim Sammeln der Geräusche der Lausitz.
Windkraftanlagen, Tonaufnahmegerät: Beim Sammeln der Geräusche der Lausitz. Kat Austen CC-BY-SA 4.0

„This Land is Not Mine“: Workshop im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK)

„This Land is Not Mine“ setzt sich mit dem gerade stattfinden Identitätswandel auseinander. Zunächst habe ich Teile der Lausitz physisch erkundet, habe Orte besucht, ihnen zugehört, hingesehen.

Mit speziell von mir entwickelten Geräten ist es möglich, die chemischen Eigenschaften von Wasser hörbar zu machen. Vor mir liegt noch viel Arbeit, um die Stimme des Landes in der Lausitz zu erfassen, denn ich möchte auch die Menschen in der Lausitz und ihre Sichtweise auf das Land kennenlernen.

Ende dieser Woche werde ich im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK) einen Workshop anbieten, dessen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen sind, mit mir gemeinsam und unter Verwendung spezieller Geräte dem Wasser auf dem Museumsgelände zu lauschen und das Zuhören als eine Möglichkeit zu diskutieren, eine Beziehung zur Umwelt aufzubauen.

Klänge aus der Lausitz gesucht

Um weitere Klänge zu sammeln, habe ich vor wenigen Tagen eine Website veröffentlicht, auf der die Bewohnerinnen und Bewohner der Lausitz jene Klänge hochladen können, mit denen sie etwas verbinden. Das können die Geräusche von Windkraftanlagen sein, das Plätschern von Kieselsteinen, die in einen See geworfen werden, das Knarren der Schuppentür, das Rumpeln von Reifen auf Kopfsteinpflaster oder Asphalt, der Ruf des Spechtes, der in Ihrem Garten lebt: Welche Geräusche auch immer Ort und Mensch verbinden. Auf der Website sind auch Tipps für Hörübungen und für das Aufnehmen und Hochladen von Aufnahmen zu finden.

Die Aufnahmen, die auf der Website hochgeladen werden und die beim Workshop entstehen, werden am Ende der Projektarbeit in einer Klangkomposition mit begleitender Videoinstallation zusammengeführt. Ich empfinde es als eine besondere Verantwortung, die Klangbeiträge von BewohnerInnen der Lausitz zu nutzen, da ich weder aus der Region komme, noch dort lebe.

Meine Arbeit erhebt nicht den Anspruch, Antworten auf die komplexen Herausforderungen zu geben oder eine objektive Darstellung der Identität der Lausitz zu vermitteln. Vielmehr ist das Projekt eine Synthese von meinen Erfahrungen und Gefühlen für die Region, geprägt und erzählt durch die Klänge der Region, gesammelt von mir und in Zusammenarbeit mit den BewohnerInnen der Lausitz.

Möchten Sie an dem Wasserklang-Workshop im BLMK teilnehmen? Mehr Infos erhalten Sie hier: https://www.blmk.de/programm/workshop-open-lab-wasserklang-open-lab-syn…

Lernen Sie mehr über das Zuhören. Laden Sie Klänge aus der Lausitz auf der Website hoch: https://lausitzklang.katausten.com/

Erfahren Sie mehr über die Arbeit des IASS in der Lausitz: https://www.iass-potsdam.de/de/forschungsgruppe/sozialer-strukturwandel…

 

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