Headline: Radelnd durch bewegte Zeiten

 Radfahren auf dem Kottbusser Damm vor der Coronavirus-Krise.
Radfahren auf dem Kottbusser Damm vor der Coronavirus-Krise. Seán Schmitz

2020 war eines der turbulentesten Jahre der modernen Weltgeschichte. Es fühlt sich an, als sei bereits ein ganzes Leben vorübergegangen, und doch haben wir erst die Hälfte des Jahres hinter uns. Im Großen und Ganzen hat Covid-19 Veränderungen auf der ganzen Welt katalysiert, vielleicht sogar unwiderruflich. Die Auswirkungen sind überall spürbar so als könnten wir uns, egal was wir tun, dem Einfluss von Covid-19 in unserem Leben nicht entziehen.

Diese Veränderungen haben sich auf unterschiedliche Weise manifestiert; einige sind lokal, andere global, und einige sind noch unklar. Eine in Berlin einzigartige Veränderung, die sich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt hat, ist die Einrichtung von "Pop-up"-Radwegen auf stark befahrenen Straßen in der ganzen Stadt. Unter Berufung auf die Pandemie haben die Stadtverantwortlichen im Eiltempo neue, gesicherte Radwege geplant, um den Bürgern eine sichere Fortbewegung mit dem Fahrrad zu ermöglichen und eine Überlastung der öffentlichen Verkehrsmittel zu vermeiden. Eine kürzlich durchgeführte IASS-Studie zeigt, dass diese neuen Radwege von Menschen, die sich in erster Linie als Radfahrer, Fußgänger oder Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel identifizieren, stark befürwortet werden, aber von denen, die sich als Autofahrer identifizieren, abgelehnt werden. Obwohl diese Ergebnisse nicht überraschend sind, erfassen sie doch Berlins recht jungen, bürgerorientierten Wandel in der Verkehrspolitik, der schließlich in dem kürzlich verabschiedeten Mobilitätsgesetz von 2018 mündete. Das bedeutet trotzdem nicht, dass diese neuen Radwege nicht kritisiert werden dürften.

Als sich die Covid-19-Pandemie über die ganze Welt ausbreitete und nach Berlin kam, führte das ClimPol-Projekt des IASS eine Messkampagne entlang der viel befahrenen Straße des Kottbusser Dammes in Friedrichshain-Kreuzberg durch. In Erwartung eines neuen, geschützten Fahrradweges auf der Straße hat unser Projekt die Luftqualität gemessen, um zu verstehen, wie sie sich nach der Einrichtung des Fahrradweges verändern würde. Als solches wurde unsere Kampagne durch die Vielzahl der Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit gestört, die zum Schutz der Berliner Bürger vor der Pandemie ergriffen wurden.

Großflächige Schließungen von öffentlichen Plätzen und Unternehmen führten zu einer erheblichen Bewegungseinschränkung im Berliner Umland, was zu einer messbaren Verbesserung der Luftqualität führte in den Wochen, in denen diese Maßnahmen in Kraft waren. Bald darauf wurde der neue Fahrradweg in Pop-up-Form realisiert (etwa vier Monate früher als ursprünglich geplant), womit unsere ursprünglichen Forschungsziele praktisch unerreichbar wurden. Während er als krasses Beispiel für die Unvorhersehbarkeit der Durchführung wissenschaftlicher Forschung dient, war es faszinierend zu sehen, wie Covid-19 aus der Perspektive einer einzigen Straße in Berlin die Welt rasch verändert hat.

Was folgt, sind meine Überlegungen zu den Bedingungen des Radfahrens vor, während und nach der Covid-19-Pandemie.

Eine gefährliche Fahrt: Kottbusser Damm vor der Coronakrise

Vom Hermannplatz bis zur Kottbusser Brücke gibt es keine Spur eines Fahrradweges. Radfahrerinnen und Radfahrer sind gezwungen, bei der Einfahrt von beiden Seiten die ausgewiesenen Radwege zu verlassen und in den zweispurigen Autoverkehr überzugehen. Für alle, die zum ersten Mal auf dieser Straße fahren: Willkommen im Alptraum eines Radfahrers.

Wenn Sie die Straße entlang fahren, sind Sie mit einer Vielzahl von Gefahren konfrontiert, derer Sie sich ständig bewusst sein müssen. Während der Verkehr relativ gut fließt und zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen, wird eine davon fast immer an verschiedenen Stellen durch große Lastwagen blockiert, die Lieferungen vornehmen. Sie haben keine andere Wahl, als mit allen anderen Autos in die verbleibende Spur einzufahren und den dünnen, ungeschützten Raum zwischen dem Lkw auf der rechten und den Autos auf der linken Seite zu durchfahren. Das mag selbst den hart gesottensten Berliner Radfahrern unangenehm sein, aber für alle anderen ist es schlichtweg gefährlich.

Während man vor einem Lkw, der in ihrem Weg parkt, fairerweise gewarnt wird, ist es oft unmöglich, sich auf die aggressiven und unvorhersehbaren Entscheidungen der Autofahrer vorzubereiten. Es sei gesagt, dass nicht alle Autofahrer unangenehm sind, und viele von ihnen nehmen Radfahrer und Fußgänger sehr genau wahr. Es gibt jedoch schlechte Schauspieler, die jedem das Erlebnis verderben. Als Radfahrer auf dem Kottbusser Damm hat man keine andere Wahl, als davon auszugehen, dass alle Autos von jemandem gefahren werden, der sich der Radfahrer nicht bewusst ist, sich nicht um sie kümmert oder ihnen gegenüber regelrecht feindselig eingestellt ist.

Ständiger Skepstizismus erlaubt es Ihnen, schnell zu reagieren auf:

1) plötzliche Spurwechsel,
2) Autos, die rechts abbiegen, ohne nach entgegenkommenden Radfahrern Ausschau zu halten,
3) plötzliches Anhalten, um auf der zweiten Spur oder einem freien Parkplatz zu parken,
4) schnelle Beschleunigung durch ein orange/rotes Licht,
5) Öffnen von Autotüren - und so weiter und so fort.
Ohne ständige, erhöhte Aufmerksamkeit für alle Autos um Sie herum, wird die Straße zu einem mit Gefahren gespickten Hindernisparcours. Hinzu kommen die oft chaotischen Wege anderer Radfahrer und Fußgänger, die schlechte Luftqualität und die heftige Kakophonie des Verkehrs, und die Situation wird schlichtweg schrecklich.

 Radfahren auf dem Kottbusser Damm während der Coronavirus-Krise.
Radfahren auf dem Kottbusser Damm während der Coronavirus-Krise. Seán Schmitz

Ruhe herrscht in Berlin: die Ankunft von Covid-19

Monatelang sahen wir alle zu, wie sich das Coronavirus weltweit ausbreitete und schließlich in Deutschland eintraf. Zuerst gab es Gebiete mit größeren Ausbrüchen, die eingedämmt werden sollten, und dann war es plötzlich da in unserem eigenen Hof. Obwohl die Bedrohung erheblich war, waren die Bedingungen fürs Radfahren in Berlin nie so gut wie heute. Die erste Woche der Corona-Maßnahmen war eine Atempause von den Schrecken des Radfahrens in vielen Teilen der Stadt. Der Autoverkehr war zurückgegangen, Lastwagen fuhren seltener, selbst die Luft- und Lärmbelastung hatte sich erheblich verbessert. Wenn man das Haus früh genug verließ, um mit dem Fahrrad herumzufahren (wie ich es bei unserer Messkampagne war), war kaum eine Menschenseele auf den Straßen zu sehen. Am Kottbusser Damm war es ähnlich; da alle Geschäfte bis auf die Supermärkte geschlossen waren, reduzierte sich der tägliche Trubel auf ein Rinnsal seines früheren Selbst.
Für mich hätte es nicht besser sein können. Mit weniger Autos und Lastwagen auf der Straße konnte ich bequem die Straße auf- und abradeln, ohne ständig Angst vor einem Unfall zu haben. Die Luft fühlte sich endlich frischer und die Stadt ruhiger an. Es ist selten, dass eine geschäftige Stadt eingefroren vor einem liegt; noch seltener, dass sie aus der Perspektive der Straßen sichtbar wird. Das Radfahren auf dieser Straße und rund um Berlin unter "der großen Glocke" war ein wahres Glück.

Doch alle guten Dinge müssen ein Ende haben.

Das Chaos kehrt zurück, aber ist das besser?

Nur etwa zwei Wochen nach Beginn der Covid-19-Maßnahmen schien es, als ob die Menschen am und um den Kottbusser Damm ihr Engagement für die Abriegelung aufgeben würden. Die Straßen füllten sich wieder mit Autos, Lastwagen und Fußgängern. Es schien, dass die schwierige Situation für Radfahrer zurückkehren würde, aber etwa einen Monat nach der Verabschiedung der Maßnahmen begann die Bezirksregierung Friedrichshain-Kreuzberg als Reaktion auf die Coronavirus-Krise mit der Einrichtung von Fahrradwegen. Jetzt gibt es auch einen auf dem Kottbusser Damm!

Und Leute, das macht einen Unterschied (na ja, zumindest für die Radfahrer). Anstatt Autos, Lastwagen und andere Radfahrer ein- und auszufahren, kann man jetzt ziemlich schnell die Straße entlang radeln, ohne dass man sich all der Autos auf der Straße bewusst sein muss. Besser noch, die Fahrspur ist geschützt. Auf diese Weise können die Autos die neuen Linien nicht einfach ignorieren, ohne unverhohlen durch die (provisorischen) Poller zu fahren, die aufgestellt wurden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, dessen Bedeutung für die Sicherheit der Radfahrer nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Wenn es zu solchen Änderungen der Straßenführung kommt, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die klaren Gewinner sind in diesem Fall die Radfahrer, die nun sicher auf der Straße fahren können. Zweifelsohne sind die Autofahrer die Verlierer mit diesen Ausfahrspuren, und sie wissen es. Da nur eine Fahrspur dem Durchgangsverkehr gewidmet ist und die zweite Fahrspur in Lieferzonen, Taxistände und Parkplätze unterteilt ist, wurde die Freiheit der Autofahrer offenkundig eingeschränkt. Mehr Verkehr - selbst eine wahrgenommene Zunahme - kann auch mehr Frustration bedeuten. Dies schlägt sich bisweilen in roher Aggression nieder, insbesondere gegenüber Radfahrern, die nun wesentlich mehr Platz und Bewegungsfreiheit haben. Das Chaos auf der Straße ist immer noch da; ihre Zusammensetzung hat sich einfach verändert.

Für die Radfahrer hat die Beseitigung alter Gefahren zu neuen - wenn auch weit weniger tödlichen - Gefahren geführt. Viel öfter als früher kommen Radfahrer mit Fussgängern in Konflikt. Der Fahrradweg ist gleichzeitig zu einer leichteren Möglichkeit geworden, die Straße zu überqueren, sowie zu einem Graben, der Fußgänger und Arbeiter von parkenden Autos und Lastwagen trennt. Das Haupthindernis sind nicht mehr unachtsame Autofahrer, sondern Fußgänger, die den Fahrradweg überqueren. Dieselbe Skepsis, die vor der Einrichtung des Pop-up-Radweges zur Beobachtung der Autos notwendig war, muss nun auch auf die Entscheidungsfindung aller Fußgänger angewandt werden. An Kreuzungen muss immer noch auf rechts abbiegende Autos geachtet werden, da diese allzu oft abbiegen, ohne auch nur einen Blick auf potenzielle entgegenkommende Radfahrer zu werfen. Es gibt sogar diejenigen, die unverhohlen auf dem Fahrradweg parken und sich gegen jede vermeintliche Einschränkung der Freiheit auflehnen.

Trotz der Umgestaltung des Chaos ist das Radfahren auf dem Kottbusser Damm viel sicherer geworden. Die Reaktion Berlins auf die Covid-19-Krise hat unerwartet zu besseren Bedingungen für das Radfahren auf dieser speziellen Straße geführt, ebenso wie in der gesamten Stadt durch die fortgesetzte Einrichtung geschützter Radwege. Sie sind nicht perfekt, aber sie sind ein Schritt in die richtige Richtung hin zu einer gerechteren und sichereren Aufteilung des Straßenraums (auch und endlich) für Radfahrer.

Vorwärts mit der Verkehrswende, Berlin!

Radfahren auf dem Kottbusser Damm nach dem Coronavirus-Lockdown.
Radfahren auf dem Kottbusser Damm nach dem Coronavirus-Lockdown. Seán Schmitz

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