Headline: Wege aus der Plastikflut – Mehrwegsysteme, Plastiksteuer und Verhaltensbarrieren

Wie kommen wir vom Einweg-Plastik zu nachhaltigeren Verpackungs-Lösungen? Wären Mehrweg-Verpackungen ein Ansatz? Und wenn ja, welche Infrastruktur bräuchte es?
Wie kommen wir vom Einweg-Plastik zu nachhaltigeren Verpackungs-Lösungen? Wären Mehrweg-Verpackungen ein Ansatz? Und wenn ja, welche Infrastruktur bräuchte es? Wilfredor / CC BY-SA

Im Mai 2020 war ich in der Fernsehsendung „Planet Wissen“ eingeladen, um zum Thema „Wege aus der Plastikflut“ einen Einblick in die Zwischenergebnisse unserer Arbeiten im ENSURE-Projekt zu „Gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern im Umgang mit Plastik“ zu geben. Die Redakteurin Andrea Wojtkowiak hatte bereits vorab einige Fragen gestellt. In der Sendung selbst war dann aber – wie so oft – nicht genügend Zeit, um auf alles differenziert einzugehen. Alle, die sich für das Thema Plastik interessieren, finden hier die ausführlicheren Antworten.

Planet Wissen: Stichwort Plastikverpackungen - wirklich umweltverträglich sind nur Mehrwegsysteme und Müllvermeidung. Wie sehen das die Expert*innen aus Wissenschaft, Forschung und Industrie, die Sie befragt haben?

Die Akteure, die unser ENSURE-Team befragt hat, sehen auch die Notwendigkeit für Abfallvermeidung und überlegen, wie benutzerfreundliche Mehrweg- und Pfandsysteme im Direktverkauf, aber auch bei Versand- und Transportverpackungen etabliert werden können. Das geht los beim intelligenten Produktdesign und Überlegungen hinsichtlich der Materialien für Mehrwegbehältnisse. Aber den Expert*innen ist auch bewusst, dass die Logistik umgestellt werden müsste, um Plastikverpackungen bereits beim Transport zu reduzieren. Da geht es vor allem um die Frage, wie (Einweg-)Umverpackungen einerseits vermieden werden können, aber gleichzeitig die Hygiene und der Schutz des Produktes beibehalten werden. Zudem braucht es entsprechende Anreize für alle Beteiligten – also sowohl für Hersteller*innen, Handel und auch die Kund*innen ‒ um verpackungsfreie oder sparsam verpackte Produkte attraktiv zu machen. Dabei wurde von den Expert*innen neben entsprechenden Rahmenbedingungen durch die Politik beispielsweise auch eine erweiterte Herstellerverantwortung angedacht und eine veränderte Infrastruktur für Mehrwegsysteme – denn schließlich müssen die Behältnisse ja auch im Kreislauf bleiben.

Planet Wissen: Wie gut kommen Mehrwegsysteme bei den Verbraucher*innen an?

Wenn sie 1.) verfügbar, 2.) einfach umsetzbar und 3.) vergleichbar in Preis und Praktikabilität wären, würden sicher deutlich mehr Verbraucher*innen Mehrwegsysteme nutzen! Leider gibt es die aber bisher kaum, und wenn, dann hauptsächlich für Getränke. Für alle anderen Produkte ist das noch stark ausbaufähig. Immerhin kaufen 67% der Befragten unserer Online-Studie Bier in Glasflaschen – das ist quasi das Mehrwegsystem der Deutschen schlechthin. Mineralwasser kaufen nur 34% in Glasflaschen – fast die Hälfte unserer Befragten nutzt Plastikflaschen. Milch und Joghurt kaufen weniger als 8% im Glas - obwohl das relativ einfach umsetzbar wäre – hier spielen wahrscheinlich die Verfügbarkeit, die Portionierbarkeit und der Preis eine große Rolle. Immerhin nimmt die große Mehrheit unserer Befragten (85%) oft bis immer eigene Beutel und Taschen mit zum Einkaufen, eigene Behälter zum Befüllen jedoch nur sehr wenige (4% immer und 9% oft). Am praktischsten fände ich es, wenn von Vornherein Produkte in Mehrwegverpackungen oder Bechern angeboten werden – warum braucht man z.B. für Frischkäse runde, rechteckige oder Pyramidenbecher? Es kommt schließlich auf den Inhalt an. Da könnten doch genormte Becher zur Anwendung kommen, Papp-Banderole mit allen Infos rum, fertig. Die könnte man beim nächsten Einkauf ähnlich wie die leeren Bier- oder Milchflaschen wieder mitnehmen und zur professionellen Reinigung und Wiederbefüllung abgeben. Unsere Befragten fanden auch die Idee gut, Pfandautomaten in Straßen aufzustellen, um Mehrwegbehälter abgeben zu können und das Pfand zurückzuerhalten. Wenn man überlegt, großflächig auf Mehrweg umzustellen, muss man ja auch gleich mitdenken, wohin mit den leeren Behältern?

Planet Wissen: Ist Umweltverschmutzung durch Plastik überhaupt ein großes Thema für Verbraucher*innen?

Definitiv! Gerade mit zunehmender medialer Berichterstattung wird vielen Menschen das Problem immer bewusster. Nach der Abholzung von Wäldern und dem Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt rangiert auf der Liste der wahrgenommenen Bedrohungen durch Umweltrisiken Plastikmüll in der Umwelt in unserer Studie auf Platz drei. Und bei der Frage, welche Aspekte von Plastikverschmutzung besonders als Problem eingeschätzt werden, lagen Plastikmüll im Meer und das Tiersterben durch Plastik sowie Mikroplastik ganz vorn. Allerdings ist das mit dem Umweltbewusstsein wie bei vielen anderen Umweltproblemen: Problembewusstsein und eine positive Umwelteinstellung führen leider nicht automatisch zu Verhaltensänderungen, da sich Verbraucher*innen vielen Barrieren gegenübersehen.

Planet Wissen: Spielt es beim Plastik-Konsum eine Rolle, wie viel Geld Menschen zur Verfügung haben?

Einerseits ja, denn wenn man in die Discount-Märkte schaut, ist dort fast alles in Plastik verpackt. Ein Teilnehmer unserer Gruppendiskussionen brachte das gut auf den Punkt, indem er sagte, „je preiswerter ich einkaufe, desto mehr Plastik nehme ich mit nach Hause“. Aktuell ist es leider so, dass nicht nachhaltige Produkte oft mit billigen Verkaufspreisen locken – wenn die sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Kosten aber mit eingepreist wären, müssten diese Produkte eigentlich viel teurer sein. Deshalb sollte es doch so sein, dass diejenigen, die an Produkten verdienen, viel mehr zur Verantwortung gezogen werden. Das bestätigen auch die Daten aus unserer Umfrage: Unsere Befragten sehen vor allem Verpackungsindustrie und Handel in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich der Verbrauch an Plastikverpackungen reduziert. Andererseits ist es aber auch so, dass das Nicht-Kaufen bestimmter Produkte oder das selber Herstellen vielfach die preiswerteste Variante ist – auch wenn das oftmals nicht mit unserem Arbeitsalltag oder den gängigen Konsumvorstellungen konform geht.

Planet Wissen: Wie sehen Verbraucher und Verbraucherinnen die Verbote?

Die neue EU-Regelung, die vorsieht, bestimmte Einweg-Plastik- und Styroporgegenstände ab 2021 zu verbieten, wird überwiegend von Verbraucher*innen begrüßt, auch wenn sie leider nur eine geringe Anzahl an Produkten betrifft. Wenn man allgemein zu politischen Regulationen, Verboten, Abgaben und Steuern fragt, sind die Antworten gemischt. Höhere Zustimmungswerte haben in unseren Studien Maßnahmen und Abgaben erhalten, die konkret damit verknüpft sind, plastikfreie oder Mehrweg-Verpackungen preiswerter zu machen und mehr Pfandautomaten zu schaffen. Die höchste Zustimmung erhielt bei unserer Umfrage die von uns vorgeschlagene Maßnahme, dass der Handel verpflichtet werden sollte, Mehrwegverpackungen oder unverpackte Produkte anzubieten. Auch eine deutliche Kennzeichnungspflicht auf Verpackungen wurde begrüßt, um zu erkennen, ob es sich um Einweg- oder Mehrweg-Verpackungen handelt, oder auch in welche Tonne eine bestimmte Verpackung gehört. Mir persönlich fehlt das oft, wenn ich z.B. bei Kartonverpackungen von Gefriergut eine Reißprobe machen muss, um zu sehen, ob der Karton innen doch noch mit Folie beschichtet ist – das kann doch gleich auf der Verpackung stehen und mir die richtige Entsorgung einfacher machen. Gleichzeitig wünschen sich die Teilnehmenden unserer Online-Befragung auch die Förderung von kleinen Läden oder Bio- und Unverpacktläden sowie Wochenmärkten.

Planet Wissen: Was halten die Verbraucher*innen von einer Plastiksteuer?

Generelle Maßnahmen wie Steuern werden eher gemischt beurteilt – da denken wahrscheinlich viele, „Boa, nicht noch ‘ne Steuer“! Ich glaube, den Menschen ist es wichtig zu wissen, was denn tatsächlich mit den Geldern passiert und dass das sehr transparent gestaltet wird. Wenn wirklich sichtbar ist, dass mit einer Plastik-Steuer und den Mehreinnahmen nachhaltige Verpackungen und Mehrwegsysteme gefördert werden und diese sogar preiswerter werden als Einweg-Plastikverpackungen, dann vermute ich, dass die Akzeptanz höher sein wird. Jedoch ist aktuell das Hauptproblem, dass es den Konsument*innen eher schwer gemacht wird, sich nachhaltig zu verhalten – und eigentlich müsste das doch umgekehrt sein!

Planet Wissen: Was sind denn die Barrieren, die Menschen davon abhalten, auf Plastik zu verzichten?

Da haben wir beispielsweise in Fokusgruppendiskussionen eine Vielzahl ausfindig machen können. Einerseits sind es mangelnde Alternativen – wie gesagt, in normalen Supermärkten und Discountern ist fast alles in Plastik verpackt. Wenn es nun aber darum geht, sich umweltbewusster verhalten zu wollen, scheitert es oftmals an Unsicherheiten, welche Alternativen denn nun tatsächlich die nachhaltigeren sind, und auch an der Erreichbarkeit von alternativen Einkaufsstätten. Gerade in der Corona-Krise besteht zudem der Wunsch nach einem möglichst hygienischen und sicheren Einkauf. Des Weiteren möchten viele Menschen den Lebensmitteleinkauf so schnell und so preiswert wie möglich erledigen, ohne noch extra viel nachdenken zu müssen – wo kommt ein Produkt her, sind die Inhaltsstoffe gesundheitlich unbedenklich, wie wurde es hergestellt, wie verpackt, und wie entsorge ich es nach dem Gebrauch. Eigentlich müsste man ja bei jedem Produkt darüber nachdenken – will man aber nicht, und kann man ja bei vielen Produkten auch gar nicht, denn dann wird man mit dem Einkauf gar nicht mehr fertig. Eben deshalb muss nachhaltiges Leben und nachhaltiges, plastikfreies Einkaufen so einfach und so praktisch wie möglich gestaltet sein! Eigene Behälter und Beutel zum Einkauf mitbringen – könnte man machen – aber wenn man das aus verschiedensten Gründen nicht kann oder nicht möchte, braucht es nachhaltige und preislich vergleichbare Alternativen: z.B. Mehrweg- und Pfandsysteme mit sicheren und praktischen Materialien.

Planet Wissen: Haben Sie noch ein paar Tipps für uns, um Plastik zu vermeiden?

Klar! Im Garten oder in einer solidarischen Landwirtschaft Obst und Gemüse selbst anbauen, saisonal und regional essen. Auf viele unnötige Dinge verzichten, die sowieso nur der Gesundheit schaden – viele Reinigungsmittel und Kosmetika beinhalten bedenkliche Inhaltsstoffe. Das Putzen geht hervorragend mit Natron, Zitronensaft oder Essig und einem einfachen Haushaltsreiniger – da braucht man nicht x Spezialreiniger. Bei Kosmetika sollte nach Möglichkeit plastikfreie Naturkosmetik gewählt werden. Zudem gibt es verschiedene Apps, wo man einfach über das Scannen des Strichcodes über das Handy sieht, ob bedenkliche Inhaltsstoffe wie Mikroplastik in einem Produkt sind. Denn vielfach nutzt man Produkte aus Gewohnheit – ein kurzer, bewusster Check kann aber helfen, die Gewohnheit zu ändern und gesünder zu leben. Getränke von regionalen Abfüllern in Glasflaschen oder Leitungswasser bzw. Tee und selbstgemachte Schorlen trinken. Kaffee nach Möglichkeit nicht to-go, sondern zu Hause oder im Café trinken – das ging Ewigkeiten auch so, ist netter und entspannter. Wenn man unterwegs Heißgetränke genießen möchte, bringt man am besten seinen eigenen Becher mit, oder nutzt Mehrwegsysteme. Kleidungsstücke sollten möglichst aus Naturfasern und regional produziert sein. Bei Möbeln und Spielzeug ist es empfehlenswert, auf natürliche Materialien und Reparierbarkeit zu achten. Am wichtigsten finde ich aber als Konsument*in nach Möglichkeit bewusst einzukaufen, Alternativen immer wieder aktiv nachzufragen und einzufordern. Und wenn man etwas an irgendeiner Stelle professionell beeinflussen kann – egal ob als Politiker*in oder in der Wirtschaft – die Rahmenbedingungen ändern, so dass Nachhaltigkeit für alle einfach und ohne viel Nachzudenken standardmäßig umsetzbar wird.

Notiz: Die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen werden im Detail in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und im Herbst in einem Runden Tisch mit Vertreter*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Behörden und Zivilgesellschaft diskutiert, um realisierbare Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.

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