Headline: Keine Patentlösung für den Klimawandel

Mark Lawrence (4. von links) bei einer COP24-Veranstaltung der Climate and Clean Air Coalition.
Mark Lawrence (4. von links) bei einer COP24-Veranstaltung der Climate and Clean Air Coalition.

Die Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz ist vorbei. Im Rückblick erinnert mich das, was in den drei Jahren seit dem historischen Pariser Abkommen erreicht wurde, ein wenig an ein Lied von John Lennon: „So this is Christmas – and what have you done? Another year over, and a new one just begun.” Keine echten Überraschungen, kein Durchbruch – aber in diesem Stadium rechnet man eigentlich nicht mit Durchbrüchen, denn nun geht es um die Entwicklung von Rahmenkonzepten, Regelwerken und dergleichen. Die Konferenz war sogar insofern erfolgreich, als ein stetiger Fortschritt hin zur Umsetzung von Maßnahmen erzielt wurde, die uns helfen könnten, das wichtigste Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen: die globale Erwärmung deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten und sie wenn irgend möglich auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Das Problem ist, dass wir dennoch einen großen Durchbruch brauchen, weil wir in dem Tempo, das wir anschlagen, die Ziele des Pariser Abkommens verfehlen werden ... und zwar bei weitem. Selbst wenn wir von der optimistischen Annahme ausgehen, dass alle Länder ihre derzeitigen Verpflichtungen unter dem Rahmenwerk des Pariser Abkommens einhalten (die sogenannten nationalen Beiträge oder NDCs) – was nicht zuletzt deshalb optimistisch ist, weil selbst der Klimaschutz-Vorreiter Deutschland sein ursprünglich erklärtes Ziel, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, nicht erreichen wird und weil einige Länder wie die USA ihre Absicht angekündigt haben, sich aus dem Abkommen zurückzuziehen – dann werden die globalen CO2-Emissionen im kommenden Jahrzehnt nicht sinken, sondern ungefähr gleich bleiben oder sogar leicht ansteigen. Das steht in drastischem Gegensatz dazu, was man erwarten sollte, wenn die Politiker der Welt wirklich ernsthaft anstreben, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Die Folgerungen daraus sind vor allem für das 1,5-Grad-Ziel erschütternd. Klimamodelle zeigen im Durchschnitt: Falls wir weiterhin global so hohe Mengen an CO2 und anderen klimawirksamen Gasen in die Atmosphäre blasen wie derzeit, dann wird die Marke von 1,5 Grad bereits 2030 überschritten sein (plus/minus ein Jahrzehnt wegen der üblichen wissenschaftlichen Unsicherheit). Es kann nicht genug betont werden, wie problematisch die Situation ist: Obwohl das ehrgeizige neue EU-Ziel, bis 2050 die CO2-Emissionen auf Null zu senken, ein wichtiger Schritt ist und ähnliche verbesserte Verpflichtungen anregen könnte, werden die geplanten Emissionssenkungen erst 2030 in stärkerem Maße greifen – und dann wird es für das 1,5-Grad-Ziel wahrscheinlich schon zu spät sein. Um auch nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit unter 1,5 Grad zu bleiben, müssten wir die weltweiten CO2-Emissionen um 5 Prozent pro Jahr senken, und zwar von heute an – das ist viel verlangt, wenn man bedenkt, dass wir bisher Steigerungsraten von rund 2 Prozent pro Jahr hatten, in der Regel verbunden mit Wirtschaftswachstum. Eine so starke Reduktion würde beispiellose weltweite Transformationsanstrengungen in allen wichtigen Sektoren des Lebens verlangen, insbesondere in den Bereichen Energie, Verkehr, Landwirtschaft und Konsum. Für das 2-Grad-Ziel gilt im Wesentlichen dasselbe, nur mit einer Verzögerung von 10-20 Jahren – und mit weitaus drastischeren Konsequenzen für Gesellschaften und Ökosysteme, wenn wir auch hier den Anschluss verpassen. Das stellt die Weltführer in Umweltpolitik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft vor ein gewaltiges Rätsel, das es zu lösen gilt.

Teil des Problems ist das, was wir oft als die menschliche Natur betrachten: die Bevölkerung und die Politiker schrecken vor wesentlichen Veränderungen zurück, und zwar selbst angesichts anderer höchst offensichtlicher Probleme, mit denen sie konfrontiert sind. Wie viele Menschen schaffen es zum Beispiel wirklich, ihre Ernährungsgewohnheiten dauerhaft umzustellen, um unmittelbare, persönliche Gesundheitsschäden zu vermeiden, auch wenn sie es besser wissen und leisten könnten? Und wie lange müssen Städte wie London, Los Angeles, Peking und Delhi unter einer atemberaubenden Luftverschmutzung leiden, ehe wirksame Maßnahmen zur Reduzierung von Schadstoffemissionen ergriffen werden – obwohl zumeist relativ unkomplizierte Lösungen zur Verfügung stehen? Man kann sich also vorstellen, was es für eine Herausforderung darstellt, Motivation für Aktionen gegen etwas so Abstraktes und scheinbar weit Entferntes wie den Klimawandel aufzubringen. Dennoch mehren sich die Hinweise, dass wir diese Transformationen so oder so in Angriff nehmen müssen. Wir stehen nicht vor der Entscheidung, ob wir etwas gegen den Klimawandel unternehmen oder ihn ignorieren. Stattdessen ist die Entscheidung, ob wir vorausschauend handeln, die Zügel kollektiv in der Hand behalten, um die verschiedenen Sektoren umzubauen und unser Verhalten zu verändern, um drastischere Umweltfolgen zu vermeiden; oder ob wir nur reagieren, immer einen Schritt im Rückstand, und uns an die gewaltigen Veränderungen und Folgen anpassen müssen, die mit dem Klimawandel kommen…und ob wir womöglich auch versuchen, teure und kontroverse Technologien zu entwickeln, um technisch einen Ausweg aus der Situation zu finden.

Angesichts solcher Herausforderungen sind Menschen oft dazu geneigt, nach einem „Wundermittel“ zu suchen, die uns Rettung verspricht. „Klima-Geoengineering” ist ein solcher „Plan B”, der seit über fünfzig Jahren diskutiert wird. Unter den Begriff Klima-Geoengineering fallen zahlreiche Ideen, die ergänzend zu Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen vorgeschlagen wurden, um den Klimawandel und seine Auswirkungen zu mildern. Man beschäftigt sich im wesentlichen mit zwei Ansätzen: einerseits die aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre, zum Beispiel durch massive Aufforstung oder chemische Abscheidung von CO2 aus der Luft und seine unterirdische Lagerung; andererseits die Abkühlung der Erde mithilfe anderer Mittel, zum Beispiel die Ausbringung von Partikeln in die Atmosphäre, damit vermehrt Sonnenlicht in den Weltraum zurückreflektiert wird.

Die vorgeschlagenen Techniken werden in Computer-Modellen, theoretischen, Labor- und Feldstudien untersucht, und einige kleine Unternehmen beschäftigen sich mit Technologien zur CO2-Abscheidung; allerdings ist keine dieser Techniken auch nur im Entferntesten in den gewaltigen Dimensionen verfügbar, die erforderlich wären, um den Klimawandel signifikant einzudämmen. Diese Forschungsarbeiten dienen aber selten dem Zweck, eine Patentlösung zu finden, sondern sind grundsätzlich eher dadurch motiviert, mögliche Maßnahmen zu betrachten, die dazu beitragen könnten, die allerschlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden oder zu mildern, zumal es in den Klimaverhandlungen der letzten beiden Jahrzehnte nicht gelungen ist, schnelleres Handeln herbeizuführen. An diesen Forschungen beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich der potenziellen Risiken wohl bewusst und sehen mit großer Sorge, dass in Zukunft vorzeitige Versuche unternommen werden könnten, die vorgeschlagenen Techniken anzuwenden, ehe wir wirklich verstehen, wie sie funktionieren und welche Risiken sie bergen.

In einer neueren Studie, den ich mit einem internationalen Forscherteam veröffentlicht habe, kommen wir zu dem Schluss, dass bestimmte Klima-Geoengineering-Techniken, insbesondere zur Entfernung von CO2, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts sehr wichtig werden könnten. Allerdings würde die Untersuchung, Erprobung und Entwicklung all dieser Techniken in einem klimarelevanten Maßstab erhebliche Zeit in Anspruch nehmen. Dasselbe gilt für die Entwicklung von geeigneten internationalen Abkommen und ordnungspolitischen Mechanismen zur Eindämmung von Konflikten, die angesichts der Umsetzung solcher Techniken entstehen könnten. Daher ist nicht davon auszugehen, dass Klima-Geoengineering wesentlich dazu beitragen wird, die globale Erwärmung im Lauf der kommenden Jahrzehnte einzudämmen, also innerhalb des Zeitrahmens, der, wie bereits festgestellt, für die Einhaltung der Temperaturziele des Pariser Abkommens relevant ist. Das sind schwer verdauliche Nachrichten für manche Politiker und Unterhändler, die sich gerne weitgehende Optionen offen halten würden. Obwohl auf der Agenda der Klimakonferenzen Klima-Geoengineering-Methoden keinen hohen Stellenwert einnehmen, sind doch einige Optionen seit mehr als zehn Jahren implizit in die Überlegungen eingegangen: In den Szenarien, die der IPCC-Sachstandsbericht von 2013 analysiert, sahen über 90 Prozent der Szenarien, die die globale Erwärmung unter 2 Grad halten sollten, die Entfernung umfangreicher CO2-Mengen vor, die durch Aufforstung und die Kombination von Bioenergie mit CO2-Abscheidung und –Speicherung (CCS) erzielt würde. Eine ähnlich starkes Engagement steht auch in einem der vier Beispielszenarien des neueren IPCC-Sonderberichts über 1,5 Grad im Vordergrund, obwohl der Bericht immerhin einräumt, dass ein derart starker Einsatz „nach Einschätzungen auf Basis der neueren Literatur... das BECCS-Potenzial ... und Afforstungsspotenzial übersteigt ...“.

Obwohl es extrem schwierig oder vielleicht sogar unmöglich sein dürfte, die globale Erwärmung unter 1,5 Grad (oder auch nur unter 2 Grad) zu halten – und wir nicht auf Rettung durch eine „Wundermittel“ wie Klima-Geoengineering hoffen dürfen – besteht kein Grund einfach frustriert zu resignieren. Jedes zusätzliche Zehntelgrad Erwärmung, das wir vermeiden können, wirkt sich positiv aus, und zwar vor allem für die besonders Gefährdeten wie die Subsistenzbauern und die Bewohner der Tropen, der Arktis, der Kleinen Inselstaaten und der küstennahen Megastädte. Dies ist vor allem der Fall, wenn die Transformationen unserer Gesellschafts- und Industriestrukturen proaktiv statt reaktiv erfolgt, sodass wir von zusätzlichen Vorteilen profitieren können: Maßnahmen, die der Begrenzung des Klimawandels dienen, aber auch durch Verbesserungen in anderen Sektoren stark motiviert sind, vor allem bei der Reduzierung der Luftverschmutzung, der Verbesserung der Autonomie und langfristigen Verlässlichkeit der Energieversorgung sowie einer Umstellung der Landwirtschaft, gestützt auf das wachsende Bewusstsein, welche gesundheitlichen Vorteile verbesserte Ernährungsgewohnheiten bringen. Obwohl diese Veränderungen auf nationaler und globaler Ebene in großen Gesellschaftssystemen stattfinden müssen, können wir alle diese kollektive Anstrengung unterstützen, indem wir nach Gelegenheiten Ausschau halten, diese zusätzlichen Vorteile im eigenen Leben zu nutzen, und uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Widerstände der derzeitigen Gesellschaftsstrukturen zu überwinden und bereits Schritte unternehmen, diese Veränderungen in unserem Alltag umzusetzen.

 

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