Headline: Nachhaltigkeit und Demokratie: Was können Labs leisten?

Die heutige Zeit ist geprägt von komplexen Problemen, die die etablierten Formen demokratischen Regierens gefährden. Wie können Labs – kollaborative Räume zum Ausprobieren innovativer Ideen – zu demokratischen Innovationen und zu Nachhaltigkeit beim Regieren beitragen? Beim Workshop „Toward Democratic Transformation: A Lab on Labs“ am IASS beschäftigten sich internationale Fachleute und führende Expertinnen und Experten aus den Bereichen Forschung und Regierung mit Lab-Methoden und -Grundsätzen, die Demokratie und Nachhaltigkeit fördern.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiteten mit Lego-Bausteinen, um Labs als demokratische Innovationen mithilfe von Prototypen zu analysieren und weiterzuentwickeln.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiteten mit Lego-Bausteinen, um Labs als demokratische Innovationen mithilfe von Prototypen zu analysieren und weiterzuentwickeln. Michael Palmer

„Wir haben das Konzept ‚Lab‘ für diesen Workshop sehr allgemein definiert: als gestaltenden, unterstützenden Prozess mit dem Ziel, bei der Inangriffnahme komplexer gesellschaftlicher Probleme in Multi-Stakeholder-Prozessen die Zusammenarbeit und Beteiligung zu fördern“, erklärte Patrizia Nanz, wissenschaftliche Direktorin am IASS. Die Herausforderung, die zu erörtern war, wurde als „demokratisch verwirklichte nachhaltige Gestaltung“ bezeichnet. Die nachhaltige Gestaltung wurde anhand von drei Dimensionen beschrieben: 1. Nachhaltigkeit als Reaktion auf Umweltprobleme und gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel und Gefahren für die Demokratie; 2. Nachhaltigkeit als normative Orientierung an bestimmten Werten wie Gerechtigkeit und Freiheit; 3. nachhaltige Gestaltung als bewusster Eingriff.

Zunächst informierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Erfahrungen von vier verschiedenen Labs:

  • Das Transformation Lab (Mexiko) soll eine kohärente, kollektive Strategie für die Inangriffnahme von Auswirkungen der Urbanisierung auf das Feuchtgebiet Xochimilco in Mexiko-Stadt entwerfen. Ziel des Labs ist es, die individuelle Handlungsfähigkeit zu identifizieren und damit die kollektive Handlungsfähigkeit zu fördern. Es folgt dem Grundsatz, Systeme mithilfe gemeinsamer Werte und Emotionen umzudeuten.
  • Das CitiLab (Spanien) soll unter Einbeziehung unterschiedlichster Menschen (unabhängig von Hautfarbe, Gender und sozialem oder kulturellem Hintergrund) Innovationen demokratisieren. Die Projekte orientieren sich an den Bedürfnissen und folgen dem Grundsatz „Head, Heart, Hands-on“ (in etwa „Kopf, Herz, Hand“).
  • Das GovLabAustria testet, wie Kompetenzen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammengeführt und in den Prozess der Rechtssetzung einbezogen werden können. Es beruht auf den Grundsätzen Zusammenarbeit, gemeinsame Gestaltung und zeitnahe Erstellung von Prototypen.
  • Die Reallabore (Deutschland) initiieren gesellschaftliche Transformationen und nachhaltige Entwicklung in Bereichen wie Mobilität, Tourismus, Planung, Energie und Integration von Geflüchteten. Es handelt sich um ein Realexperiment.

Die Gespräche über die internationalen Erfahrungen lieferten Inspirationen für die Gestaltung von Lab-Prototypen. Rebecca Freeth und David Winter (Reos Partners) unterstützten den Prozess für den Entwurf von Labs und Prototypen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelten Lab-Modelle mit Schwerpunkt auf sozio-ökologischem Wandel im Amazonas-Gebiet, Inklusion in Lab-Formaten, den Zielen für nachhaltige Entwicklung in Deutschland, Kriterien für ein wirksames Lab-Design in der öffentlichen Verwaltung sowie Komplettlösungen, die das Personal in Verwaltungen durch den Prozess der Lab-Organisation leiten.

Aus den Gesprächen und der Prototyp-Übung nahmen die Teilnehmenden wichtige Erkenntnisse für den weiterführenden Dialog über Labs mit:

  • Labs bieten Raum für spielerisches Erfahren, Erkunden und Lernen.
  • Labs haben völlig unterschiedliche Zwecke und Grundlagen und sind daher schwierig zu definieren und zu konzeptualisieren. Manche Labs sollen politische Entscheidungsprozesse und öffentliche Dienste verbessern, indem sie Werte wie Legitimation und Wissensintegration fördern. Andere haben zum Ziel, die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit in den Bereichen politische Entscheidungsfindung oder soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit von der Basis aufwärts auszubauen.
  • Labs sind als eine bestimmte Art von Verhalten, als Mentalität und als Arbeitsweise zu verstehen.
  • Für den Zweck, die Art der Gestaltung und die Wirkung von Labs spielt der Kontext eine wichtige Rolle. Sie entstehen in der Regel als Reaktion auf ein politisches Bedürfnis und beruhen oft auf externen Finanzierungsstrukturen und politischer Förderung.

Die IASS-Forschungsgruppe Demokratische (Re-)Konfigurationen von Nachhaltigkeitstransformationen wird die Ergebnisse des Workshops in verschiedenen Publikationen zum Thema Labs bekannt machen. Unter anderem soll ein Zeitschriftenartikel erscheinen, der das Potenzial von Labs als demokratische Innovationen sowie die allgemeineren demokratischen Wirkungen erläutern wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden weiterhin gemeinsam an möglichen Lab-Formaten für spezifische Kontexte arbeiten, etwa zu den Themen sozio-ökologischer Wandel im Amazonas-Gebiet sowie Nachhaltigkeit in der deutschen Regierung und an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik.