Overline: Global Sustainability Strategy Forum
Headline: Corona und Nachhaltigkeit: Wie die Wissenschaft den gesellschaftlichen Wandel durch Politikberatung unterstützen kann

In kaum einem anderen Politikfeld ist die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln so groß wie im Feld der Nachhaltigkeit. Wie können wissenschaftliche Einrichtungen dazu beitragen, dass Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft  die vorhandenen Kenntnisse besser umsetzen? Darüber diskutierten 35 Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten beim dritten Global Sustainability Strategy Forum – auch mit Blick auf die Covid-19-Pandemie.

Global Sustainability Strategy Forum

Im Fokus stand die Rolle wissenschaftlicher Einrichtungen bei der Lösung komplexer Nachhaltigkeitsprobleme: Wie können die Nachhaltigkeitswissenschaften Orientierungswissen für die Politik hervorbringen? Wie können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf lokaler und regionaler Ebene zusammenarbeiten? Welche Lehren können aus der Pandemie hinsichtlich der Verantwortung der Wissenschaft gezogen werden und welche institutionellen Reformen sind dazu erforderlich? Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten mit unterschiedlichen Hintergründen und aus vielen Teilen der Welt brachten ihr Wissen und ihre Perspektiven ein.

Drei Tage voll mit anregenden Diskussionen führten zu folgenden Erkenntnissen:

  • Zu Beginn einer Zusammenarbeit zwischen Politik und Wissenschaft sollten die Akteure die Probleme gemeinsam identifizieren. Alle, die von den Ursachen oder Folgen der angestrebten Transformationen betroffen sind, sollten sich einbringen können. Was für den einen ein Problem darstellt, ist für einen anderen eine Chance. Risiken und Chancen gleichzeitig zu betrachten und vor allem Verteilungseffekte mit zu beachten, ist eine der wesentlichen Anforderungen an eine effektive Politikberatung.
  • Der Beratungsprozess muss als eine Erfahrung gegenseitigen Lernens verstanden werden. Wichtig ist, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ihren Beratungsbedarf möglichst genau beschreiben, gleichzeitig aber die Grenzen dessen anerkennen, was Wissenschaft leisten kann. Oft  hilft es auch, nicht-wissenschaftliche Gruppen, wie Personen mit praktischer Erfahrung, hinzuzuziehen, wenn systematisches Wissen allein nicht ausreicht, um ein Problem zu verstehen oder Lösungsansätze zu entwickeln.
  • Die Wissenschaft sollte kommunizieren, dass sie mit ihren Einsichten und Erkenntnissen immer auch Werturteile einbezieht. Sie ist nicht  in der Lage ist, vor allem bei komplexen Themen objektive Wahrheiten über Kontext, Ort und Zeit hinaus zu verkünden.  Daher besteht ihre Aufgabe darin, diese Werturteile und den Kontextbezug explizit zu machen und vor allem den Zusammenhang mit dem Allgemeinwohl aufzuzeigen. Nicht der Nimbus der Objektivität hilft gegen „Fake News“, sondern die Indienststellung der wissenschaftlichen Erkenntnisse für gesellschaftlich anerkannte Zwecke.
  • Vertrauen wird durch Klarheit über Ziele und Mittel, transparente Vorgehensweisen und eine öffentliche Rechenschaftspflicht für die Ergebnisse geschaffen.
  • In vielen Kooperationen ist es sinnvoll, Vermittlerinnen und Vermittler zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft einzusetzen, die zu allen drei Seiten sprachfähig sind. Sie können helfen,  das gegenseitige Verständnis zu befördern, bei der Klärung von Identitätsfragen mitzuwirken, Konzepte in die Sprachen der jeweils anderen Gruppe zu übersetzen und Spannungsfelder zu erkennen. Wenn nötig, handeln sie Konsense oder Kompromisse aus, indem sie nach Übereinstimmungen suchen und darauf aufbauen.
  • Große wissenschaftliche Institutionen sollten sich nicht nur auf die Forschung, sondern auch auf Bildung und Ausbildung konzentrieren, indem sie auf mehreren Ebenen Anreize zum gleichzeitigen Erwerb von wissenschaftlichen, vermittelnden und kommunikativen Kompetenzen  schaffen.
  • Politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger brauchen für ihre Arbeit Narrative, die für alle nachvollziehbar sind. Nationale und internationale Institutionen aus Wissenschaft und Kultur können solche Narrative als kohärente Ergebnisse diskursiver Prozesse erstellen.
  • Die Frage der Offenheit und Transparenz von Prozessen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik  kann im Einzelfall durchbrochen werden, wenn übergeordnete Ziele dem entgegenstehen (Geheimnisverrat oder Gesichtsverlust). Auch im Verhältnis zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ist oft „vornehme Diplomatie“ angesagt. Dies ist legitim, so lange die Akteure für die Ergebnisse zur Rechenschaft gezogen werden können.
  • Es besteht der Bedarf für einen globalen Treuhandfonds für die Transformationsforschung. Dieser würde es den entsprechenden Forscherinnen und Forschern ermöglichen, kritische Fragen mit Geldern aus dem Privatsektor zu untersuchen, ohne dass die Gefahr eines „Green Washing“  durch einzelne Unternehmen besteht.
  • Der Zeitrahmen, in dem die Akademien der Wissenschaften auf Anfragen nach wissenschaftlicher Beratung reagieren, ist oft zu lang, um politisch wirksam zu sein. Aus diesem Grund können andere Strukturen oder Ad-hoc-Organisationen, zum Beispiel ein Gremium wissenschaftlicher Beraterinnen und Berater, eine nützliche Alternative darstellen.

Die Veranstaltung fand vom 14. bis 16. Oktober 2020 online statt und wurde vom IASS und der Arizona State University (ASU) ausgerichtet. Sie wurde von der VolkswagenStiftung finanziert und von Science Advice for Policy by European Academies (SAPEA) unterstützt. Die IASS plant das Global Sustainability Strategy Forum im kommenden Jahr fortzuführen.

Weitere Informationen:

Am Global Sustainability Forum nahmen teil:

Andrej Heinke, Vice President, Corporate Foresight and Megatrends, Robert Bosch GmbH, Deutschland

Anand Patwardhan, Visiting Professor, Center for Water Cycle, Marine Environment and Disaster Management (CWMD), Kumamoto University, USA

Coleen Vogel, Distinguished Professor, Global Change Institute, University of the Witwatersrand, Südafrika

Flavio Lira, IASS Fellow, Deutschland

Gary Dirks, Senior Director, Global Futures Laboratory and Director, LightWorks, Arizona State University, USA, früherer CEO von BP in Asien

Heide Hackmann, CEO, International Science Council (ISC), Frankreich

Hein Mallee, Professor, Research Institute for Humanity and Nature, Kyoto; Director, Regional Centre for Future Earth in Asia, Japan

Jennifer Helgeson, National Institute of Standards and Technology, USA

Jörg Mayer-Ries, Leiter des Referats Nachhaltige Entwicklung und Bürgerbeteiligung im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Deutschland

Joyeeta Gupta, Professor of Environment and Development in the Global South, Amsterdam Institute for Social Science Research, University of Amsterdam und IHE Institute for Water Education in Delft, Niederlande

Kensuke Fukushi, Professor and Vice Director, Institute for Future Initiatives, The University of Tokyo, Japan

Marcel Bursztyn, Professor, University of Brasilia, Center for Sustainable Development, Brasilien

Milan Chen, Risk Society and Policy Research Center, National Taiwan University, Taiwan

Marie-Valentine Florin, Managing Director at IRGC Foundation & Executive Director at EPFL International Risk Governance Center, Schweiz

Nicole de Paula, IASS Fellow, Founder Women Leaders for Planetary Health, Deutschland

Norio Okada, Professor Emeritus of Kyoto University; Adviser, Institute of Disaster Area Revitalization, Regrowth and Governance (IDiARRG), Kwansei Gakuin University; Visiting professor, Center for Water Cycle, Marine Environment and Disaster Management (CWMD), Kumamoto University, Japan

Parul Kumar, IASS Fellow, Deutschland

Peter Schlosser, Vice President and Vice Provost of Global Futures, Arizona State University, USA

Pierre Glynn, USA

Rita Süssmuth, Schirmherrin des GSSF, frühere Präsidentin des Bundestags, Deutschland

Silke Bertram, Förderreferentin bei der Volkswagenstiftung, Deutschland

Toby Wardman, Head of Communications SAPEA, Belgien

Viola Gerlach, Referentin am IASS, Deutschland

Xuemei Bai, Professor, Australian National University, Fenner School of Environment and Society, Australien

Gastgeber:

Ilan Chabay, Joana Leitao, Ortwin Renn (alle IASS), Sander van der Leeuw (Arizona State University)