Headline: Energiewende mit der Bevölkerung: Was erfolgreiche Windparks ausmacht

Geplante Windparks lösen bei Anwohnerinnen und Anwohnern häufig Besorgnis aus. Wie verändern die Anlagen das Landschaftsbild? Wie laut sind die Rotorblätter? Neben Information ist auch Mitbestimmung wichtig, denn für den weiteren Ausbau der Windenergie braucht es die Akzeptanz der Öffentlichkeit. Gemeinsam mit der Fachagentur Windenergie an Land lud das IASS am 15. und 16. Januar Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zum 3. Fachaustausch zu Beteiligungsansätzen im Windanlagenausbau ein. Der Schwerpunkt lag auf den Handlungsmöglichkeiten der Länder, Vertreter aus Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein berichteten von ihren Erfahrungen.

Windenergie-Anlagen werden überwiegend auf dem Land errichtet. Um Akzeptanz zu schaffen, sind Beteiligung und finanzielle Teilhabe der Bevölkerung wichtig.
Windenergie-Anlagen werden überwiegend auf dem Land errichtet. Um Akzeptanz zu schaffen, sind Beteiligung und finanzielle Teilhabe der Bevölkerung wichtig. IASS/Norbert Michalke

IASS-Direktor Ortwin Renn skizzierte einführend die Anforderungen an eine nachhaltige Energiewende, in der nicht nur Klima- und Umweltschutz, sondern auch ressourcenschonende Wirtschaftsweisen und auf gegenseitige Anerkennung und friedliche Konfliktaustragung ausgerichtete Beziehungen in ihren gegenseitigen Wechselbeziehungen einbezogen werden müssen. Bei Beteiligungsverfahren sei Transparenz wichtig: Wenn die Entscheidung für eine bestimmte Energieanlage bereits getroffen sei, müsse man dies ehrlich kommunizieren, aber dies dann nicht als Bürgerbeteiligung inszenieren.

Die Forschung zeige, dass Akzeptanz für bereits getroffene Entscheidungen nicht über Partizipation geschaffen werden könne. „Als Entscheidungsträger muss ich mir genau überlegen, bei welchen Themen ich kommunizieren will und bei welchen ich Beteiligung, das heißt eine aktive Mitwirkung an der Entscheidung, einplanen will. Man sollte die Grenze nicht zu weit setzen, denn dann kommt man zu keiner Entscheidung, aber auch nicht zu eng, denn dann fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger von Entscheidungen zur Gestaltung ihrer Lebensumwelt ausgeschlossen“, erläuterte Renn.

Die Gemeinwohl-Ökonomie rückt Fairness und Zusammenarbeit in den Mittelpunkt. Christian Felber erläuterte, wie das Konzept Windpark-Betreibern helfen kann.
The economy for the common good turns the spotlight on fairness and cooperation. Christian Felber explained how this approach can help wind farm operators. IASS/Corinna Bobzien

Baden-Württemberg unterstützt Kommunen beim Energiedialog, Schleswig-Holstein vergibt Siegel

Rainer Carius vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft stellte das Forum  Energiedialog Baden-Württemberg vor, das den Kommunen im Südwesten kostenfreie Unterstützung bei der Umsetzung der Energiewende anbietet. „Mit der Energiewende wird die Energieerzeugung für viele Menschen sichtbar, zum Teil direkt vor der eigenen Haustür. Energieanlagen werden überwiegend im ländlichen Raum errichtet und können vielfältige Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung und ihren Alltag haben. Niemand kann erwarten, dass die Anwohner eine 230 Meter hohe Windanlage spontan gutheißen“, sagte er. Seit 2016 hat das Forum die Planungen von Wind- oder Photovoltaik-Anlagen in rund 30 Kommunen unterstützt. Dabei organisierte es in den Kommunen zum Beispiel Informations- und Dialogveranstaltungen und organisierte Exkursionen zu ähnlichen Anlagen.

Das nördlichste Bundesland fördert die Beteiligung und finanzielle Teilhabe der Bürger und Gemeinden in Windparkplanungen auf andere Weise: Das neu eingeführte Siegel „Faire Windparkplaner Schleswig-Holstein“ ist eine Initiative, die von der Windbranche ins Leben gerufen und vom Land unterstützt wurde. Windparkplaner, die in ihren Projekten landesspezifische Leitlinien für „faire Planung“ umsetzen, können sich um das Siegel bewerben. Dem Beirat, der die Erarbeitung der Leitlinien begleitete, gehörten unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Verbraucherverbände und der Naturschutzverbände an.

Tun wir Gutes? Gemeinwohl-Ökonomie zeigt Stärken und Schwächen von Windparks auf

Christian Felber, Autor und Initiator der internationalen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung, stellte das Potenzial der Gemeinwohl-Ökonomie für eine nachhaltige Energiewende vor. Die Gemeinwohl-Bilanz misst den Unternehmenserfolg an der Verwirklichung von Grundwerten, jenseits der reinen Wirtschaftlichkeit. Über seine Erfahrungen mit diesem Ansatz berichtete Horst Leithoff, Geschäftsführer eines Bürgerwindparks in Schleswig-Holstein. Die Ansprüche seien sehr hoch, sagte er: Zum Beispiel sei es bei der Gründung des Bürgerwindparks Grenzstrom Vindtved nicht leicht gewesen, überhaupt einen Bankkredit zu bekommen. Angesichts dieser Schwierigkeiten sei es ihm und seinen Kollegen gar nicht in den Sinn gekommen, nach der Gemeinwohl-Bilanz der Banken zu fragen.  Doch gerade wegen dieser Gedankenanstöße sei die Gemeinwohl-Ökonomie ein „gutes Mittel, um sich kritisch mit seinem Unternehmen auseinanderzusetzen“.

Der Fachaustausch bot vielfältige Gelegenheiten, voneinander zu lernen: Die Ansätze aus Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein wurden in Kleingruppen diskutiert, in einem „Ländercafé“ sprachen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Erfahrungen, Ideen und Probleme aus weiteren sechs Bundesländern. In zwei Foren mit Impulsen von Praktikern, Wissenschaftlern und Naturschützern ging es um die aktuelle Praxis der Flächensicherung für Windenergieprojekte und um die Rolle eines naturverträglichen Ausbaus der Windenergie. Häufig betont wurde dabei die Bedeutung der Zusammenarbeit verschiedener Interessengruppen, zum Beispiel beim Artenschutz.