Die Welt von ihrem Ende her denken: warum das Grund zur Hoffnung gibt
05.01.2026
„Nennt euren Namen und Aufgabenbereich und erzählt, wie ihr gerne sterben möchtet - natürlich nur, wenn ihr mögt“, bittet uns der Dramaturg Christian Tschirner. Wir sitzen zu zwölft in einer der letzten Sessions der RIFS-Konferenz 2025 „Tough Conversations in Tough Times“ in Berlin. Während der Konferenz ging es vor allem um den Backlash gegen Nachhaltigkeitstransformationen. In den letzten zwei Tagen haben wir zu Polarisierung der Gesellschaft, Konsumverhalten, Widerständen gegen Klimaschutz, bröckelnde Demokratien oder Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung in der Energiewende diskutiert.
Und jetzt sitzen wir hier im Workshop “Telling the story from the end: introducing the concept of palliative dramaturgy” und sind nicht nur bereit, sondern geradezu dankbar, Tschirners Aufforderung nachzukommen. Unsere Antworten gehen meist viel weiter als eine Erklärung dazu, wie wir sterben wollen. Wir teilen Geschichten von persönlichen Verlusten, dem eigenen Umgang mit dem Tod und von Ängsten, die wir mit dem Klimawandel verbinden. So hat sich ein Raum eröffnet, in dem wir die wissenschaftlichen Debatten mit unseren persönlichen Emotionen verbinden können. Das schafft gegenseitiges Verständnis und Offenheit, um die schwierigen Themen gemeinsam zu verhandeln.
Dieser Blogpost ist Teil einer Serie über die RIFS-Konferenz 2025, "Tough Conversations in Tough Times" (Schwierige Gespräche in schwierigen Zeiten).
Palliative Dramaturgie schafft neue Erzählungen
Die palliative Dramaturgie setzt hier an. Sie übersetzt Erfahrungen aus Sterbebegleitung und Trauerarbeit in gesellschaftliche Erzählungen. Sie fragt: Erleben wir in der Welt ein Melodrama, eine Komödie, Tragödie, oder doch eher eine Groteske? Der globale Zusammenbruch, verursacht durch wachsende Ungleichheit, zerstörerische Technologien und narzisstische Eliten ist nicht unwahrscheinlich, so Luke Kemp von der Cambridge University. Und doch fällt es uns wahnsinnig schwer, die Realität der Klimakatastrophe anzuerkennen. Ein Grund dafür mag sein, dass wir in unseren westlichen Gesellschaften den Tod externalisieren und nicht als Teil des Lebens verstehen. Daraus entsteht der Glaube an den Fortschritt und das unendliche Wachstum.
Die palliative Dramaturgie bringt den Tod wieder zurück in die Erzählung des gesellschaftlichen Wandels. Laut der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross geht es bei der Konfrontation mit dem Tod darum, das Unvermeidliche zu akzeptieren, ohne dabei zu kapitulieren. Statt zu verdrängen oder in Panik zu verfallen, können wir durch Akzeptanz wieder handlungs- und entscheidungsfähig werden. Dabei helfen als Orientierung die fünf Sterbe- oder auch Trauerphasen: Verleugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Diese verlaufen nicht unbedingt linear, sondern können auch zeitgleich auftreten oder zyklisch wiederkehren. Auch wenn das oft zitierte Modell durchaus umstritten ist und den individuellen Erfahrungen des Sterbens und Trauerns eventuell nicht gerecht wird, so kann es doch als Orientierung für einen gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel dienen.
Die zentrale gesellschaftliche Arbeit bestünde darin, die Sterbearbeit zu unterstützen, um im Angesicht eines möglichen Endes der Welt zu einer allgemeinen Akzeptanz zu gelangen. Palliativ, vom lateinischen „palliare“, also “umhüllen“ und „beschützen“, beschreibt eine ganzheitliche Betreuung für Menschen, die im Sterben begriffen sind. Was können wir von den Praktiken der ganzheitlichen Palliativmedizin lernen und in die Pflege des Planeten einbringen? Zum Beispiel folgende Fragen stellen: Was wollen wir bewahren? Was wollen wir verändern? Und was bedeutet Solidarität in diesen Zeiten? So meint auch Kemp, dass er pessimistisch sei, was die Zukunft angeht, jedoch optimistisch, was die Menschen betrifft.
Palliative Dramaturgie für die Wissenschaft?
Für die Teilnehmenden sind dies spannende Fragen, um mit ihren Emotionen, ihren Ängsten und dem eigenen Hadern mit der Klimakrise umzugehen. Tod und Nachhaltigkeit zusammenzudenken, könnte jedoch auch behilflich dabei sein, die Gruppen zu erreichen, die sich sonst massiv gegen Klimaschutz wehren. Denn der Tod ist, im Sinne eines radikalen Universalismus, eine Sache, die uns alle verbindet.
Wir könnten die fünf Sterbephasen ebenso als ein analytisches Modell sehen, um zu verstehen, wie Menschen sich angesichts der Klimakrise verhalten und dazu positionieren. Die Klimawandelleugnung spricht für sich. Zorn hingegen offenbart sich in den Widerständen gegen Heizungsgesetze und der Wut gegen Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten. Die Idee, dem Klimawandel mit neuen Technologien zu begegnen, könnte man auch als Versuch des Verhandelns – um ein wenig Zeit für den Planeten zu gewinnen - verstehen.
Spiel und Optimismus
Das Verhandeln spielen wir dann auch im Workshop in Form eines Rollenspiels einmal durch. Wir teilen uns in Paare auf. Eine Person spielt den Tod und bekommt dafür eine Totenmaske aufgesetzt, die andere Person soll verhandeln. Sie versucht mit Zetern, List und Argumenten noch ein wenig Zeit für sich und den Planeten herauszuschinden. Gewinner oder Verlierer gibt es nicht - so wie der Kampf gegen den Klimawandel auch noch nicht entschieden ist –, doch haben wir viel Spaß dabei.
Im Abschlussplenum der Konferenz fragt die Moderatorin nach Rückmeldungen aus dem Plenum. Gibt es etwas, das die Teilnehmenden zum Abschluss noch sagen wollen? Eine Frau steht auf. Sie arbeite für die Verkehrswende und sei nur zögerlich und eher pessimistisch hergekommen. Aber nun fahre sie, vor allem wegen des letzten Workshops zu palliativer Dramaturgie, mit neuem Optimismus wieder nach Hause. Der offene Austausch und das Gefühl, der Krise unserer Gesellschaft gemeinsam ins Auge zu sehen, habe sie wieder mit neuer Kraft erfüllt.
Dieser Blogpost ist mit Unterstützung von Katharina Beste entstanden.
