Das Energie-Undercover-Tier
25.11.2025
Unter dem Titel “Tracing the Invisible: Walking the Energeocene”, was ich mit ‚Das Unsichtbare aufspüren: Ein Spaziergang durch das Energeozän‘ übersetzen möchte, hat RIFS Fellow Angela Li bei der Science Week 2025 zusammen mit Cherry Cheung und Charlotte Coosemans einen interaktiven Workshop gestaltet.
Nach einem längeren Gespräch mit Angela, aus dem ein Interview über ihr Forschungsthema während ihres Fellowship am RIFS entstanden ist, machte der Titel und die Beschreibung neugierig – es fängt schon damit an, was denn das „Energeocene“ für ein Zeitalter sein könnte? Natürlich, Energie ist überall, wir sind abhängig von ihr und doch, bleibt sie meistens doch unsichtbar. Aber was darf ich denn unter dem verborgenen Stoffwechsel von Energie und Ressourcen unter der Oberfläche des städtischen Lebens verstehen? Ein Stoffwechsel ist was aktives, lebendiges, fast klingt es so als wäre das ein Tier?
Der Workshop in der Eventreihe der Berliner Science Week an einem Sonntagnachmittag beginnt thematisch passend an der Köpenicker Straße vor einem Gebäude des städtischen Energieversorgers Berliner Energie und Wärme (BEW). Es ist der erste richtig kalte Tag in diesem Herbst, es helfen was das angeht in dem Moment nur „warme Gedanken“.
In der Beschreibung der Veranstaltung wurden Fragen aufgeworfen wie „Was sorgt für Komfort?“ oder „Was treibt uns wirklich an – unseren Körper, unsere Städte, unseren Planeten?“ Und nahezu mythisch wird eine riesige, monströse Energieinfrastruktur unter den Straßen und Gebäuden Berlins erwähnt, ein versteckter Gigant, der still und leise unser Leben, unser Atmen, unser Handeln und unsere Verbindungen präge. Da ist es also wieder, die Assoziation, dass es ein Tier sein könnte. Und auf diese Spuren begibt sich an jenem Sonntag eine Gruppe von rund 30 Personen aus ganz Europa – und macht sich Gedanken zu neuen Wegen, mit dem Zeitalter des ‚Energeozän‘ – oder auch mit einem Energie-Undercover-Tier zu leben...
Als der „partizipative Spaziergang“ beginnt, stellt Angela eine ihrer vielen Fragen, die wir im Laufe des Nachmittags in unserem Freiluftlabor überdenken:
„Wenn wir den Begriff Energie erweitern, was können Sie dann während Ihres Spaziergangs beobachten?“
„Was hilft der Stadt sich zu erholen, sich anzupassen oder sich zu erhalten?“
„Was können wir gemeinsam tun, um die Art und Weise, wie wir Energie teilen, zu verändern?“
Wir schlendern hinunter zur Spree, vorbei am Gebäude des DAZ, des Deutschen Architektur Zentrums, durch eine schmale Straße mit ehemaligen Fabrikgebäuden, in denen nun Wohnungen entstanden sind. Eines mit schmalem Backsteinschornstein war seinerzeit mal eine Seifenfabrik. Jetzt zieht sich ein Wohnkomplex bis vor ans Ufer des städtischen Flusslaufs.
Zu rechter Hand ein Kindergarten und ein gemeinschaftlicher urbaner Garten. Alles in nachhaltiger Bauweise errichtet. Vorn am Ufer dann einige etwas windschiefere Hüten mit Solarpaneelen, genannt Tippieland, und weiter ums Eck erneut ein ehemaliger Industriebau, ein früheres Eiswerk.
Wir haben von Fellow Angela Li die Aufgabe bekommen, langsamer zu werden und genauer hinzuschauen, um dabei verborgene Ströme der Energie und Ressourcen zu erspüren, die das städtische Leben durchziehen. Vor Ort ist es jedoch in erster Linie kalt und zugig, uns fröstelt. Klar wird, die wärmende Energie darf ruhig eine Hülle haben, ein Bauwerk als Haut, die den Energiefluss drinnen behält und den menschlichen Körper vor Wind, Nässe und Kälte schützt. Aber was braucht es noch, um das Energie-Undercover-Tier zu füttern und bei Laune zu halten?
Der Workshop zieht hinein in den Holzmarkt: Es entstehen im Holzmarkt in einer der Blockhütten im weiteren Verlauf des Nachmittags drei Gruppen, die dann in Form von Skizzen, Abbildungen und Kollagen ihre Ideen, Infrastrukturen, Gebäude, Dinge, Materialien, aber auch Pflanzen, Tiere und planetarische Ressourcen auf große Papierbögen zusammensammeln, um eine Art Energieökologie darzustellen. Es sollen Stoffwechselkreisläufe sichtbar werden – das Energie-Undercover-Tier wird lebendig...
Gemeinsam gestalten – das Unsichtbare durch Zeichnungen abbilden und eine kollektive visuelle Untersuchung von Prozessen, Stoffwechselkreisläufen und Energieökologien erstellen. Es gelingt ganz gut. Die drei Gruppen arbeiten emsig ihre gemeinsamen Ideen und Assoziationen aus – und es entstehen drei hochgradig unterschiedliche Entwürfe. Angela lässt jede Gruppe final vorstellen und erläutern. Es sind spannende Einblicke, die wir da erhalten – und viel zum Nachdenken für den Nachhauseweg über das energetische Undercover-Tier inmitten von allem.
