Overline: Buchrezension
Headline: Draußen ist es anders

Wissenschaft kann den Wandel zur Nachhaltigkeit anstoßen und beschleunigen, wenn sie stärker als bisher mit Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammenarbeitet.
Wissenschaft kann den Wandel zur Nachhaltigkeit anstoßen und beschleunigen, wenn sie stärker als bisher mit Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammenarbeitet. Shutterstock/Yuliya Chsherbakova

Es kommt nicht selten vor, dass der deutsche Name des IASS fragende Blicke hervorruft: Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung – was bitte schön meint „transformativ“ und was soll ich mir unter „transformativer Forschung“ vorstellen? Eine umfassende, aber dennoch überschaubare und verständliche Antwort liefert Jan Freihardts Buch „Draußen ist es anders“, mit dem programmatischen Untertitel „auf neuen Wegen zu einer Wissenschaft für den Wandel“.

Ausgangspunkt des Buches wie der Idee der transformativen Wissenschaft ist die Feststellung, dass die Welt am Scheideweg steht: Wir stecken in vielfältigen Krisen, weil die Menschheit an verschiedenen Stellen an die planetaren Grenzen stößt, was zu ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden führt. Freihardt stellt eine Reihe der damit zusammenhängenden Debatten vor – etwa die über Wachstum (growth, de-growth oder green growth?) – und kommt zu dem Schluss, dass die vom Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltfragen geforderte „Große Transformation“ eine „gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage ist, in was für einer Welt wir leben möchten und wie wir sie unseren Kindern hinterlassen wollen“.

In dieser Auseinandersetzung spielen Werte, Einstellungen und Überzeugungen eine wesentliche Rolle. Die Wissenschaft sollte deswegen nicht nur Fakten liefern, sondern auch ethische Fragestellungen aufnehmen, disziplinäre Grenzen überwinden und nicht-wissenschaftliche Perspektiven integrieren. Eine transformative Wissenschaft bringe die unterschiedlichen Wissensschätze einer Gesellschaft zusammen und wirke als „Katalysator für gesellschaftliche Veränderungsprozesse“ (Uwe Schneidewind et al.). Verwiesen wird auf Ortwin Renn, der eine „katalytische Wissenschaft“ skizziere, die auch die Aufgabe habe, „das für eine Fragestellung relevante Wissen aus der Wissenschaft und anderen Wissensquellen zusammenzustellen und für die gesellschaftliche Debatte aufzubereiten“. Die transformative Wissenschaft soll in diesem Verständnis die „klassische Wissenschaft“ nicht ersetzen, sondern ergänzen.

„Im Kern geht es bei einer transformativen Wissenschaft, die sich aktiv in sozial-ökologische Transformationen einbringt, um eine Neuausrichtung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft“, schreibt Freihardt zusammenfassend. Folgerichtig muss sie sich transdisziplinär ausrichten, also auch Wissensbestände und Akteure von außerhalb der Wissenschaft in die Forschung einbeziehen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssten daher lernen, mit nicht-wissenschaftlichen Zielgruppen zu kommunizieren, die vor allem die Frage nach dem „Wozu“ und den Folgen stellten, wohingegen die klassische Wissenschaft vor allem nach dem „Was“ frage. In der transformativen Wissenschaft spiele die Wissenschaftskommunikation folgerichtig eine wichtige Rolle.

Wissenschaft heute

Das Buch beschreibt in aller Kürze Stand und Entwicklung des Wissenschaftssystems, beleuchtet das manchmal kritische Verhältnis von Wissenschaftsförderung und Wissenschaftsfreiheit und geht auf die Schwierigkeiten ein, auf die eine transdisziplinäre und transformative Wissenschaft in diesem Umfeld stößt. So ist das herrschende Reputationssystem auf wissenschaftliche Veröffentlichungen in begutachteten Zeitschriften („peer review“) ausgelegt, die jedoch meist nach singulären Disziplinen geordnet sind. Darüber hinaus kommt er zu dem Schluss, dass die Vorstellung „Wissenschaft liefert Fakten, Politik und Gesellschaft handeln“ zu eindimensional ist.

Der Autor fragt zurecht, ob dieses lineare Modell nicht zu kurz greift, bleibt jedoch selbst seiner – transformativen – Wissenschaftsperspektive treu. Wissenschaftskommunikation sollte keine Einbahnstraße sein, schreibt Freihardt. Genau, und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung. Auch die Forderung von „Fridays for Future“ an die Politik, der Wissenschaft zu folgen, um den Klimawandel aufzuhalten, wird der Komplexität der wechselseitigen Beziehungen und Einflüsse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht gerecht. Die für transformative Wissenschaft elementare nicht-wissenschaftliche Perspektive kommt in „Draußen ist es anders“ etwas zu kurz.

Guter, verständlicher Überblick

„Draußen ist es anders“ liefert dennoch einen guten und verständlichen Überblick über transformative Wissenschaft und Forschung. Vorgestellt werden die drei Schnittstellen transformativer Wissenschaft auf der einen und Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft auf der anderen Seite. Darüber hinaus geht das Buch auf den wachsenden Bereich des „Citizen Science“ ein und plädiert dafür, mehr in die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zu investieren. Denn transformative Wissenschaft erfordere andere Kompetenzen, als in den Hochschulen gelehrt werden: Über das Fakten- und Systemwissen hinaus, komme es auf Gestaltungskompetenz an, auf Prozesswissen und darauf, das erworbene Wissen anwenden zu können.

Das Buch überzeugt nicht zuletzt durch immer wieder eingestreute Beispiele, Zitate und Interviews mit Akteuren der transformativen Wissenschaft – darunter auch IASS-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler –, die das Beschriebene illustrieren und viel zum Verständnis beitragen. Jedem Kapitel stehen mehrere Leitfragen vornean und am Ende findet sich jeweils eine kurze Zusammenfassung. Diese Struktur kommt unseren Lesegewohnheiten entgegen, die durch Webseiten und die Verlinkung verschiedener Inhalte geprägt sind. Dass der Autor dennoch den roten Faden nicht verliert, zeugt davon, dass sich Freihardt intensiv mit dem Thema befasst hat.

Schließlich werden am Ende des Buches eine ganze Reihe von „Pionieren des Wandels“, wie Freihardt sie nennt, vorgestellt. Durch diese Interviews, kurzen Steckbriefe und – natürlich – QR-Codes zu den jeweiligen Webseiten wird das Buch nicht nur wertvoll für alle, die schon immer wissen wollten, was sich hinter „transformativer Wissenschaft“ verbirgt, sondern auch zum Nachschlagewerk für alle, die sich „auf neue Wege zu einer Wissenschaft für den Wandel“ begeben möchten.

Jan Freihardt
Draußen ist es anders
Auf neuen Wegen zu einer Wissenschaft für den Wandel

Oekom-Verlag, München, 2021, 252 Seiten

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