Headline: Gedemütigte Demokratie: Die schleichende Erosion von Wahrheit und Anstand

Washington 7. Januar 2021: Trump-Anhänger stürmen das Kapitol.
Washington 7. Januar 2021: Trump-Anhänger stürmen das Kapitol. Shutterstock/vasilis asvestas

“It is the culmination of more than five years of hatred, trolling, violent harassment and conspiracy theorizing that has moved from the internet’s underbelly to the White House and back again”.

Charlie Warzel, New York Times Columnist

Mit Erstaunen und Erschrecken hat die Weltöffentlichkeit die Tumulte um das Kapitol bei der entscheidenden Sitzung über den Wahlausgang der US-Präsidentenwahl beobachtet. Wie kann es sein, dass ein Land mit einer mehr als zweihundertdreißigjährigen Tradition demokratischer Willensbildung und Herrschaft in ein solches Chaos verfällt? Wie kann es sein, dass rund ein Drittel der US-Bürgerinnen und -Bürger einem offenkundig narzisstisch gestörten Präsidenten glauben, dass der Ausgang der ordnungsgemäß abgelaufenen Wahl gefälscht sei und dass finstere Mächte den amtieren Präsidenten um die Wahl betrogen hätten? Wie kann es sein, dass trotz der Stürmung des Kapitols durch einen aufgepeitschten und zu allem entschlossenen Mob rund 130 Mitglieder des Parlaments (House) die Wahl des neuen Präsidenten Biden angefochten haben? Wie kann es sein, dass ein Präsident über 74 Millionen Wählerstimmen erhält, obwohl er nachweislich während seiner Amtszeit unzählige Lügen verbreitet hat, in der Coronakrise mit seiner verharmlosenden Politik tausende von Menschenleben gefährdet, wenn nicht sogar auf dem Gewissen hat, und die USA außenpolitisch der Lächerlichkeit preisgegeben hat? Wie kann das alles sein?

Die schnelle und einfache Antwort heißt Donald Trump.  Aber das greift zu kurz. Denn Donald Trump ist nicht die Ursache, sondern eher das Symptom einer tiefgreifenden Krise im Selbstverständnis von Demokratie, Wahrheit und Wissenschaft. Diese Krise kommt sprachlich gut in der Vorsilbe „post“ zum Ausdruck. Wir sprechen von einer postmodernen oder poststrukturellen Gesellschaft, wir sprechen von postdemokratischen, postindustriellen oder postfaktischen Zeiten. Hätten wir die Vorsilbe „post“ schon vor vielen Jahren und Jahrhunderten gehabt, wir würden immer noch in der Post-Romanik oder in der Post-Gotik leben. Dass dieses Wort gerade jetzt so bedeutsam geworden ist, ist ein Zeichen davon, dass sich viele Bürger*innen durch die vielen tiefgreifenden Veränderungen in unserer Gesellschaft überfordert fühlen. Wohin geht die Reise? Was kommt auf mich zu? Viele, wenn nicht sogar die meisten Bürger*innen fühlen sich verunsichert.

Diese Verunsicherung wirkt sich auch auf das Verständnis von Politik und Wissenschaft aus. Denn die Begegnung zwischen Wissenschaft und Politik ist stets von dem Anliegen geprägt gewesen, systematisches Wissen (etwa über den Coronavirus) für Entscheidungsträger als Grundlage ihrer Handlungen (etwa Lockdown-Bestimmungen) bereitzustellen. „Truth speaks to Power“ ist in einer Post-x-Welt jedoch brüchig geworden. Kann die Wissenschaft wirklich für sich in Anspruch nehmen, die hehre Wahrheit zu verkünden? Und ist diese Wahrheit überhaupt in einer postfaktischen Welt von Belang?

Wahr ist, was ich mir wünsche

Postfaktisch heißt nicht, dass Menschen heute häufiger lügen als früher, oder dass sie Dinge mit Inbrunst behaupten, von denen sie eigentlich keine oder zu wenig Ahnung haben. Das hat es schon immer gegeben. Postfaktisch heißt vielmehr, dass man die Dinge, die man gerne zu sehen glaubt, als faktisch annimmt, selbst wenn alle Evidenz dagegenspricht. Oder, dass man vorliegende Evidenz einfach leugnet, weil man glaubt, dass das, was man nicht wahrhaben will, auch faktisch falsch sein muss. Diesen Trugschluss einer erwünschten und gefühlten Wahrheit finden wir sowohl in der Politik als auch in der öffentlichen Meinungsbildung, bei Interessengruppen und Weltanschauungsgruppen in nahezu allen OECD-Ländern, nicht nur in den USA.

Dies stellt eine enorme Herausforderung für die Wissenschaft dar. Gerade die Institution, die für das Faktische zuständig ist, agiert hier häufig hilflos. Sie versucht in der postfaktischen Ära, eine eigene profaktische Haltung einzunehmen. Gleichzeitig trägt sie aber mit dazu bei, dass ihre Autorität in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Denn die Wissenschaft hat selbst große Probleme, genauer zu bestimmen, was eigentlich faktisch ist und wie sie sich gegenüber Meinungsbildung oder Meinungsäußerung abgrenzen will und kann.

Ein neues, komplexeres Verständnis von Wissenschaft

Um das zu verstehen, sind drei kopernikanische Wenden in der Wissenschaft besonders bedeutsam. Die erste Wende wird als Komplexitätswende bezeichnet. Komplexe Ereignisse zeichnen sich dadurch aus, dass auch die besten Expert*innen die verschachtelten Kausalketten nicht alle nachvollziehen können. Sie können bestenfalls bestimmte kausale Züge über bestimmte Zeiträume verfolgen, zum Teil auch nur erahnen, und die jeweils erkannten Bezüge sind mit Unsicherheiten verbunden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Voraussagen über die Folgen des Klimawandels. Modelle sind allenfalls Annäherungen an die komplexe Wirklichkeit, die nur begrenzt Voraussagen ermöglichen.

Als zweites ist die stochastische Wende zu nennen, die eng mit der ersten Wende verbunden, aber nicht mir ihr identisch ist. Das traditionelle deterministische Weltbild, das früher einmal in der Wissenschaft üblich war, hat sie weitgehend zugunsten eines stochastischen Weltbildes aufgegeben. Inzwischen heißt es nicht mehr: „wenn A, dann B“, sondern „wenn A, dann mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit B, mit einer anderen C oder D, aber E ist ausgeschlossen“. Das heißt, wir geben immer eine Bandbreite von möglichen Folgen an, die aber nur mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten zu erwarten sind. Gewissheiten sind passé!

Dazu kommt eine dritte Wende, die als linguistische Wende in der Wissenschaft bezeichnet wird. Alles, was Wissenschaftler*innen erforschen, formulieren sie mit Hilfe von Sprache. Jede Sprache gibt eine gewisse Struktur, aber auch einen gewissen Blickwinkel vor. Dies können auch Spezialsprachen wie die Formelsprache der Chemie oder der Mathematik sein. Mit all diesen Sprachen lassen sich bestimmte Sachverhalte ausdrücken, aber andere auch nicht oder weniger passgenau. Von daher ist Sprache immer der Erkenntnis vorgelagert, sie ist ein strukturierendes Element zum Denken und gleichzeitig ein Selektionsinstrument, das immer nur Ausschnitte der komplexen Wirklichkeit beleuchten kann.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind  demnach mit Unsicherheiten versehen und sind je nach Blickwinkeln auch unterschiedlich fokussiert. Diese Einsicht führt häufig zu der irrigen Annahme, die Wahrheit sei beliebig. Selbst wenn die Zusammenhänge nur stochastisch zu beschreiben sind, gibt es immer Behauptungen, die absurd sind. Es gibt Wahrheitsansprüche, die können unter keinen Umständen stimmen. Andere sind zwar theoretisch möglich, aber praktisch so gut wie ausgeschlossen. Andere sind wiederum praktisch möglich, aber sehr selten. Und schließlich gibt es Zusammenhänge, die sind mit großer Sicherheit zu erwarten. Diese Logik der Wissenschaft hat uns gerade in der heutigen Pandemie sehr geholfen, um sicheres Wissen von plausiblen aber (noch) nicht nachgewiesenen Behauptungen und abwegigen Erklärungen zu unterscheiden.

Die Karriere von alternativen Fakten

Diese Erkenntnis ist in der gesellschaftlichen Debatte um Wahrheit häufig untergegangen. Gerade in der postfaktischen Welt ist die Überzeugung gewachsen, dass wir beliebige Wahrheitsansprüche durch Rückgriff auf das, was wir für wünschbar oder für plausibel halten, rechtfertigen können. Das Bauchgefühl bestimmt, was richtig und was falsch ist. Es gibt auch keinen anderen (neutralen) Schiedsrichter, der uns sagen kann, welche Wahrheitsansprüche denn wirklich stimmen und welche nicht. In diesem Klima der postfaktischen Relativierung können geschickte politische Rattenfänger den Menschen suggerieren, dass es bei der Suche nach Wahrheit nur darauf ankommt, die richtige Gesinnung zu haben. Alle Aussagen, die dieser Gesinnung entsprechen, sind dann auf ihre Art wahr und alle anderen Lüge. Schon zum Beginn von Donald Trumps Präsidentenzeit erfolgte dieser Wandel zur Gesinnungswahrheit. Es ging damals um die Frage, ob bei der öffentlichen Amtseinführung von Donald Trump mehr Menschen anwesend waren als bei der Einführung von Barak Obama. Obwohl die Fotos eindeutig belegten, dass Obama eine größere Menschenmenge angezogen hatte, blieb die Beraterin Conway bei ihrer Behauptung, bei Trump wären mehr Menschen anwesend gewesen. Auf den Widerspruch zu den Bildern angesprochen, meinte, sie, es gäbe halt alternative Fakten.

Gefangen in der eigenen Gesinnung

Die Diktatur der Gesinnung ist ein süßes Gift für die Demokratie. Donald Trump hat es meisterhaft verstanden, die Pluralität partieller Interessen, von der Lobby der Waffenindustrie (National Rifle Association) über die enttäuschten Mittelschichtsbürger*innen mit geringen Zukunftsaussichten und abseits der großen Metropolen bis zu den Abtreibungsgegner*innen, als Versatzstücke einer einheitlichen Gesinnung (wahre Amerikaner und Patrioten, Bewahrer der amerikanischen und christlichen Traditionen) zu einer unheiligen Allianz zusammenzufügen. Dies ist ihm um so besser gelungen, als die sozialen Medien für jede dieser (durchaus nicht immer kompatiblen) Interessen und Weltanschauungen eigene Echoräume und Selbstbestätigungsplattformen zur Verfügung stellten. Dabei bleiben sowohl der für lebendige Demokratie notwendige Raum für den gleichberechtigten Diskurs als auch die Suche nach einem integrativen, die Einzelinteressen übergreifenden Gemeinwohl auf der Strecke. Was dagegen erhalten bleibt, ist die bedingungslose Hingabe an die eigene Gesinnung. Wenn es weder Allgemeinkriterien für Wahrheit oder Anstand gibt, dann bleibt auch nur die Gesinnung als fester Anker der eigenen Orientierung übrig. Nur so ist zu verstehen, dass eine Demonstrantin vor der Erstürmung des Kapitols trotzig in die Kamera rief: „Wenn notwendig, bin ich bereit, für Donald Trump zu sterben!“ Solch eine pathetische Hingabe erinnert uns in Deutschland an finstere Zeiten.

Entgiftung angesagt

Natürlich gibt es auch Hoffnungsschimmer: Die Erstürmung des Kapitols hat die Verlogenheit der Trump’schen Gesinnungsdiktatur auch für viele seiner treuen Anhänger*innen deutlich gemacht. Sind wir nicht die Partei, die kompromisslos für Law-and-Order eintritt, die harte Eingriffe der Polizei unterstützt und die sich als Beschützer der heiligen Orte der Nation versteht? Wie auch immer die Tragödie um Trump ausgehen mag, eine neue Regierung wurde trotz des süßen Giftes der Gesinnungsdiktatur vom amerikanischen Volk gewählt, die Nachwahlen im Senat haben den Sieg der Demokraten gefestigt und selbst die ansonsten mit Trump sympathisierenden Presseorgane haben zwar spät, aber zumindest deutliche Distanz zum einstigen Idol aufgebaut. Und 70% der Amerikaner*innen zeigen sich verstört über die jüngsten Eskapaden des Präsidenten.

Auch in Deutschland und Europa sind wir nicht gegen den postfaktischen und postdemokratischen Gesinnungspopulismus gefeit. Politische Rattenfänger*innen gibt es auch hier und ihre Gefolgschaft ist genauso verbohrt und tief verwurzelt in den Gesinnungsautismus wie ihre Mitbürger*innen in den USA. Auch hierzulande werden Gesinnungsfeinde diskriminiert, mit Häme überschüttet und in Hassmails gedemütigt. Um dem entgegenzutreten, brauchen wir mehr öffentliche Räume und Gelegenheiten für politische Diskurse, etwa durch Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen, mehr Anstrengung der demokratischen Mandatsträger*innen auch diejenigen anzusprechen, die in den Zügen der Modernisierung und Digitalisierung zu kurz kommen oder sich so fühlen, und schließlich allen den Personen und Institutionen, die Wahrheit und Anstand nicht als beliebige Größen, sondern als Verpflichtung zum Allgemeinwohl verstehen, beherzt beistehen und Anerkennung zollen. Eine gedemütigte Demokratie ist eine Staatsform auf Abruf.

Dieser Blogpost erschien zuerst auf der Website des Verlags Barbara Budrich.

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