Overline: Klima-Theater-Desaster
Headline: Theater macht die Komplexität des Klimawandels erfahrbar

Ein unfassbar anschwellender Wind und die Stimmen von Dürre- und Sturmbetroffenen bevölkern den Theaterraum.
Ein unfassbar anschwellender Wind und die Stimmen von Dürre- und Sturmbetroffenen bevölkern den Theaterraum. David Baltzer, Agentur Zenit

Ein schmuddeliger Flur, lang und in kaltes Neonlicht getaucht. Das zahlenmäßig kleine Publikum, jede Vorstellung können in Pandemiezeiten nur zehn Menschen besuchen, wird in zwei Gruppen eingeteilt und muss sich im Corona-Abstand von anderthalb Metern aufstellen. Man muss kurz warten und fragt sich, was als Nächstes wohl kommen mag. So beginnt der Besuch einer Vorstellung des „Klima-Theater-Desasters“ Tornado im Berliner Theaterdiscounter.

Diese pandemiebedingten Einschränkungen passen spielend zur Inszenierung des  Stückes von Tobias Rausch, das mit der Unterstützung des IASS auf die Bühne gebracht wurde. Es beruht auf zahlreichen Interviews und Gesprächen mit Fachleuten und Betroffenen, vom Alfred-Wegener-Institut, Ende-Gelände oder dem World Glacier Monitoring Service sowie vielen anderen. Die Auswertung dieser Gespräche und der Prozess, daraus Narrative zu entwickeln, wurden von Manuel Rivera vom IASS begleitet und unterstützt. Für ihn als Wissenschaftler ist dieser Prozess interessant, weil er Rückschlüsse darauf zulässt, mit welchen Narrativen sich welche Aspekte eines enorm komplexen Themas beschreiben lassen, so dass sie kommunizierbar und damit wirksam werden können.

Die Corona-Einschränkungen jedenfalls schaden der Wirksamkeit in keiner Weise. Im Gegenteil, sie verstärken die Unsicherheit, welcher Tornado da in Form des Klimawandels auf uns zustürmt. Drei Teile umfasst das Desaster: Los geht’s in einem Raum voller kleiner weißer Tische, deren Anordnung an mächtige Eisschollen im Polarmeer erinnert. Am Rand eine Frau in dickem, orangefarbenem Mantel, vor einem Funkgerät, aus dem eine unverständliche Stimme quäkt. Noch sind wir jedoch nicht im Polarmeer, sondern am Schkeuditzer Autobahnkreuz, wo die von Bettina Grahs gespielte Frau sich als Wetterbeobachterin entpuppt, die hofft, einen Tornado sehen zu können.

Eindrucksvoll beschreibt sie das Wetterphänomen, immer wieder unterbrochen von den Versuchen, mit einem Kollegen (?) über Funk zu kommunizieren, doch viel mehr als Krächzen ist nicht zu hören. Das Ganze hat etwas Geheimnisvolles, und man ahnt, dass es nicht nur ums Wetter geht. Der Tornado ist auch eine Art Allegorie auf die vom Klimawandel bedrohte Gesellschaft, es geht auch darum, innen oder außen, oben oder unten zu sein.

Im nächsten Raum – es sind schon deutlich weniger weiße Tische – verzweifelt Florian Hertweck als Polarforscher darüber, dass er so viel weiß über die Gefahren und Ursachen des Klimawandels, dass all das Wissen aber zu keinerlei Veränderung zu führen scheint. Staunend steht er im Drogeriemarkt vor der Unmenge von Shampoo, eine Wand aus Plastikflaschen.

Im dritten Teil kommen die beiden Zuschauergruppen wieder zusammen. Auf der Bühne des nur spärlich beleuchteten Saals befinden sich Ventilatoren aller Größen, manche drehen sich, manche stehen still. Schauspielerinnen oder Schauspieler sind in diesem längsten Teil der Inszenierung nicht zu sehen, nur die Ventilatoren. Das Publikum sitzt zusammen im Zuschauerraum, durch den 1,5-Meter-Corona-Abstand doch wieder getrennt, und hört Grahs und Hertweck vom Band in Form einer Klanginstallation, in der es um eine klimabedingte Evakuierung, einen Erdrusch und schließlich um den Protest gegen den Kohlebergbau geht. Drei Geschichten, deren Dramatik eine Choreographie der Ventilatoren in Szene setzt und die am Ende in einem echten Tornado aus Trockeneis-Nebel gipfeln.

Das Zeitfenster, das uns zum Kampf gegen den Klimwandel bleibt, ist winzig. Wann kommt der Wirbelsturm, der alles hinwegfegt?
Das Zeitfenster, das uns zum Kampf gegen den Klimwandel bleibt, ist winzig. Wann kommt der Wirbelsturm, der alles hinwegfegt? David Baltzer, Agentur Zenit

Man verlässt das Theater leicht beklommen und wütend zugleich. Was wissenschaftliche Studien nicht leisten können, was auch die x-te Talkshow zum Thema nicht hervorrufen kann, das schafft das Theater. Der Klimawandel wird von der theoretisch-abstrakten Bedrohung zu einer sinnlich wahrnehmbaren Gefahr, die man aufgrund der assoziativen Art des Stückes nicht sofort begreifen kann, die im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln bleibt.

Die Frage bleibt, was es am Ende bewirkt, wenn Greta Thunbergs I-want-you-to-panic nicht nur auf der kognitiven, sondern auch auf der emotionalen Ebene ankommt. Lähmt oder aktiviert das den Mut für gesellschaftliche Veränderungen? Die Furcht, die Kassandra-Rufe könnten eher bremsen als anstacheln, treibt auch den Polarforscher im „Klima-Desaster“ um. Damit die Wirkung des Stückes auf die Zuschauer genauer erfasst werden kann, gehört eine Befragung des Publikums zur Begleitforschung des IASS: Bevor es losgeht, füllen die Zuschauenden einen kurzen Fragebogen aus, wo es um das Vorwissen zum Klimaschutz und einige demographische Angaben geht. Am Ende stellen die Schauspieler - digital per Video versteht sich - einige Fragen zur Gefühlslage des Publikums, die auf einem weiteren Fragebogen beantwortet werden, und zwar in einer Art visuellem Multiple-choice-Verfahren: Nicht schriftliche Aussagen sollen angekreuzt werden, sondern graphische, an Piktogramme erinnernde Bilder, ein in der Psychologie übliches Verfahren.

Mehr über die Ergebnisse demnächst auf unserer Webseite.

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