Overline: Pandemie
Headline: Mangel an sauberen Kochherden verschlimmert Corona-Folgen in Afrika

Eine Frau in der informellen Siedlung Kibera in Nairobi, Kenia, bereitet ein Essen auf einem traditionellen Steinherd zu. Brennholz erzeugt erhebliche Mengen an Schadstoffen und macht Menschen anfällig für Atemwegserkrankungen.
Eine Frau in der informellen Siedlung Kibera in Nairobi, Kenia, bereitet ein Essen auf einem traditionellen Steinherd zu. Brennholz erzeugt erhebliche Mengen an Schadstoffen und macht Menschen anfällig für Atemwegserkrankungen. Grace Mbungu

Auf der ganzen Welt hat die Coronavirus-Pandemie das gewohnte Leben unterbrochen. Bei aller Sorge um das Virus sollten wir aber nicht die vielen grundlegenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten und Schwachstellen vergessen, die weiterhin existieren. Zwar sind die Infektionszahlen in den meisten Ländern Afrikas nach wie vor niedrig, doch ist die tatsächliche Situation nicht bekannt, vor allem aufgrund fehlender Testmöglichkeiten und begrenzter Daten. Die größte Hoffnung für die afrikanischen Länder besteht darin, vom Coronavirus verschont zu bleiben, aber tatsächlich leiden die Menschen bereits unter den Belastungen des Shutdowns, der zur Eindämmung des Virus angeordnet wurde.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat davor gewarnt, dass Afrika das nächste Epizentrum der Pandemie sein könnte. Im Falle einer großflächigen Ausbreitung wird  es aufgrund der Unsicherheit des Lebens und der Existenzgrundlagen langfristig sehr schwierig sein, Isolations- und Distanzierungsmaßnahmen durchzusetzen, insbesondere aufgrund des Mangels an sicheren Wohngebieten und der Schwierigkeiten, Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Hygieneprodukte und sanitäre Einrichtungen zu decken.  Aber die Bevölkerungsteile, die wohl am härtesten betroffen sein werden, sind jene, die keinen Zugang zu erschwinglicher sauberer Kochenergie haben, zusätzlich zu all den anderen seit langem bestehenden Nachteilen und aktuellen Belastungen.

Ein Mangel an sauberer Kochenergie ist mit zahlreichen gesundheitlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Risiken verbunden. Diese Nachteile erhöhen das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, und machen im Krankheitsfall Komplikationen wahrscheinlicher. Über den Bedarf an sauberer Kochenergie hinaus ist der Zugang zu einer sicheren und ununterbrochenen Stromversorgung in Krankenhäusern sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten des Globalen Südens von wesentlicher Bedeutung. Die derzeitigen Defizite stellen eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit und das Leben von Millionen von Menschen dar.

Energieverbrauch privater Haushalte steigt aufgrund der Isolationsmaßnahmen

Der Energieverbrauch privater Haushalte ist während des Corona-Shutdowns erheblich gestiegen. Die Frage ist daher: Was bedeutet dies für die Haushalte, insbesondere in den Ländern des Südens, die keinen Zugang zu sauberen Energiedienstleistungen haben? Jahrzehntelang haben Haushalte auf der ganzen Welt darum gekämpft, Zugang zu sauberer Kochenergie zu erhalten, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. In den entwickelten Ländern und Ländern mit mittlerem Einkommen haben die meisten Haushalte einen solchen Zugang. Im Gegensatz dazu haben 80-90% der Haushalte in den Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, keinen Zugang zu sauberer Kochenergie und sind bei der Essenszubereitung auf umweltschädliche Brennstoffe (Biomasse und fossile Brennstoffe) und ineffiziente Technologien wie offenes Feuer angewiesen. Dem  2019 Sustainable Development Goals Report zufolge sind schätzungsweise drei Milliarden Menschen von ineffizienten und stark umweltverschmutzenden Kochtechnologien und Brennstoffen abhängig. Dies führt jedes Jahr zu Millionen von vorzeitigen Todesfällen, zusätzlich zu anderen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Risiken und Belastungen.

Auswirkungen des Corona-Shutdowns auf Haushalte ohne saubere Kochenergie

Haushalte ohne Zugang zu sauberer Kochenergie könnten durch die unmittelbaren und langfristigen Auswirkungen der Einschränkungen sowie durch die Krankheit selbst stärker beeinträchtigt werden. Es herrscht Konsens, dass die Produktion und Verwendung von Biomassebrennstoffen (Holz, Holzkohle, landwirtschaftliche Nebenprodukte und Dung) und fossilen Brennstoffen (hauptsächlich Kerosin) der Hauptgrund für die Luftverschmutzung in Innenräumen ist. Die WHO schätzt, dass diese Schadstoffe, vor allem die Feinstaubpartikel (PM 2,5), zu einer erheblichen Anzahl vorzeitiger Todesfälle (3,8 Millionen allein im Jahr 20016) sowie zu gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken und Belastungen beitragen. Forschungsarbeiten der WHO und anderer führender Gesundheitsorganisationen (s. The Lancet) belegen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung in Innenräumen und den Risiken von Atemwegserkrankungen wie Lungenentzündung. Letztere ist mit einem höheren Risiko für schwere Verläufe und Todesfälle sowie einer langsameren Genesung bei Covid-19-Patienten assoziiert. Dies bedeutet, dass über drei Milliarden Menschen weltweit einem erhöhten Risiko von Covid-19 und anderen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sein könnten, da es an sauberer Kochenergie fehlt. Kleinkinder, vor allem bis zum Alter von fünf Jahren, sind zurzeit besonders gefährdet. Anstatt ihren Tag in der Schule oder beim Spielen mit Gleichaltrigen zu verbringen, sitzen sie zu Hause fest, oft in einer überfüllten und verschmutzten Umgebung. 

Ungewisse Zeiten für Ausweitung des Zugangs zu sauberer Kochenergie

Der fehlende Zugang zu sauberer Kochenergie, die geringeren Kapazitäten bei der Bewältigung der Pandemie und die größere Anfälligkeit für die Auswirkungen des Coronavirus sind zum Teil auf ungleiche strukturelle Voraussetzungen zurückzuführen. Die Einschränkungen haben nach wie vor enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen, die sich lange hinziehen können – je nachdem, wie die Pandemie verläuft. Während der Mangel an sauberer Kochenergie bereits vor der Coronavirus-Pandemie bestand, hat er die seit langem bestehenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten in den Vordergrund gerückt. Trotz der Bedeutung der Energiedienstleistungen besteht jedoch die Gefahr, dass der Sektor vernachlässigt wird, da Länder und private Haushalte um die Wiederherstellung der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität kämpfen. Die Weltbank hat davor gewarnt, dass die afrikanischen Länder südlich der Sahara in der schwersten globalen Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg am härtesten getroffen werden könnten. Der Bericht hebt insbesondere die unmittelbaren Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen von Covid-19 auf Menschen hervor, die für ihr Überleben und ihren Lebensunterhalt vom informellen Sektor abhängen, sowie die langfristigen Schäden für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung im Falle einer Rezession.

Krise bietet Chance für einen nachhaltigen Weg zu sauberen Energiedienstleistungen für alle

Unsere Fähigkeit, künftige Gesundheitskrisen zu verhindern und zu bewältigen und mit den negativen Auswirkungen der derzeitigen Krise umzugehen, hängt davon ab, wie wir uns nach Covid -19 um unsere am stärksten gefährdeten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen kümmern. Es gibt vieles, was wir über das Coronavirus und seine weitere Entwicklung nicht wissen, aber eines ist klar: Eine stabile öffentliche Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen der Gesellschaft hängen nicht nur von unserem Handeln als Gemeinschaft ab, sondern auch von unserem gemeinschaftlichen Wohlergehen. Glücklicherweise gibt es bereits internationale Abkommen, die genau diese Fragen behandeln, vor allem die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und das Pariser Klimaabkommen. Um jedoch langfristig erfolgreich und nachhaltig zu sein, müssten nationale und lokale Regierungen willens und in der Lage sein, dem Zugang zu sauberen und erschwinglichen Energiedienstleistungen zum Kochen Vorrang einzuräumen, eine ambitionierte Politik zu verfolgen, die dem Ausmaß der Herausforderung gerecht wird, und bedeutende sozioökonomische Reformen einzuleiten, um nachhaltige Chancen für alle zu schaffen.

Neuen Kommentar schreiben

Hier ist nur eine externe URL zulässig, z.B. http://example.com