Headline: Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung braucht Grundeinkommen

Ein angstfreies ökonomisches Dasein, so die These unserer Autorin, ist die beste Voraussetzung, um die eigenen Geschicke selbst in die Hand nehmen zu können.
Ein angstfreies ökonomisches Dasein, so die These unserer Autorin, ist die beste Voraussetzung, um die eigenen Geschicke selbst in die Hand nehmen zu können. Shutterstock/sebra

Von Alexander von Humboldt wissen wir, dass nun wirklich alles mit allem zusammenhängt, alles miteinander verwoben ist. Ein würdevolles Leben für alle, ohne Armut und Not, kann nur ein Leben sein, in dem die Begrenztheit der weltweiten Ressourcen und der Klimawandel wesentlicher Maßstab des Handelns sind. Der Diskurs um Nachhaltigkeit muss dabei Bezug nehmen auf die Themen soziale Ungleichheit, Existenzsicherung und Armutsrisiken – so wie umgekehrt im Kontext sozialer Fragen immer Nachhaltigkeitsaspekte mitverhandelt werden müssen. Es braucht eine gemeinsame Bezugnahme auf die steigenden Armutsrisiken, die kein wie auch immer gedachtes nachhaltiges Leben ermöglichen – und das, obwohl weltweit der ökologische Fußabdruck ärmerer Menschen deutlich geringer ist.

Eine Antwort auf das steigende Armutsrisiko ist das bedingungslose Grundeinkommen. Leider gibt so gut wie keine gegenseitigen Bezugnahmen zwischen den Transformationswissenschaften und den weltweit wachsenden Netzwerken, die das bedingungslose Grundeinkommen gegenwärtig in Pilotprojekten an mehreren Stellen auf der Welt erproben und seine Auswirkungen erforschen. Zwar gibt es einige – fast ausschließlich männliche – Autoren, die über die Finanzierbarkeit des Grundeinkommens durch Ressourcen-, Öko-, CO2- Transaktionssteuer nachdenken, aber die kulturellen und sozialen Auswirkungen eines Grundeinkommen und die damit einhergehende Erweiterung der Möglichkeitsräume für eine veränderte, nachhaltige Lebenspraxis sind überhaupt noch nicht beschrieben.
Denn ein angstfreies ökonomisches Dasein, so meine These, ist die beste Voraussetzung, um die eigenen Geschicke selbst in die Hand nehmen zu können. Ein Grundeinkommen könnte so etwas wie Hammer und Amboss sein, um das eigene Glück zu schmieden.

Grundeinkommen? Grundauskommen!

Es ist ein gewisses Wagnis, den inzwischen leidlich gut eingeführten Begriff des Grundeinkommens ersetzen zu wollen. Gab man den Begriff Ende 2018 bei Google ein, wurden 1.900.000 Suchergebnisse angezeigt. Für den Begriff „Grundauskommen" listete das Netz im selben Zeitraum ungefähr 1820 Ergebnisse.

Dennoch ist der Begriff Grundauskommen zutreffender, stimmiger, weil er den Bezug herstellt zu dem individuellen Menschenrecht und dem Gedanken daran, „was man zum Leben braucht“. Daneben schimmert auch die Idee des „miteinander Auskommens“, des „Zurechtkommens“ durch. Bei Grundeinkommen dominiert der auf bezahlte Arbeit bezogene Aspekt, der Gedanke des Verdienstes, Lohn für Leistung, es schwingt zu wenig Freiheit mit.

Der dritte Begriff in dem Beziehungsdreieck mit Nachhaltigkeit und Grundauskommen ist die Zeit bzw. der weithin beschriebene und empfundene Mangel an Zeit, dem so stark empfundenen Zwang zur Selbstoptimierung und dem Gefühl, nicht mehr mitzukommen in der beschleunigten Gegenwart. Wir sparen ständig Zeit durch schnellere Fortbewegungsmittel, Fast Food, schnellere Informationsmedien und -tools und packen deshalb immer mehr in den Tag hinein. Hartmut Rosa nennt es „Mengensteigerung pro Zeiteinheit". Wir glauben, 24/7 verfügbar sein zu müssen, so als wären wir alle in ständiger Rufbereitschaft. Der signifikant hohe Anstieg von Depression und Burnout sind Symptome dieses Zuviel.

Dem stelle ich den Gedanken der Entschleunigung entgegen, als eine weitere Voraussetzung für die Chance, ein nachhaltiges Leben führen zu können. Denn so wenig wie ich an dem Prozess der großen Transformation teilhaben kann, wenn ich in ständiger Existenzangst lebe, so wenig bin ich dazu in der Lage, wenn ich im Hamsterrad der Beschleunigung gefangen bin. Grundauskommen ermöglicht eher Zeitautonomie.

Arbeit 4.0 und Grund|ein|aus|kommen

Zu den skizzierten immensen Herausforderungen gesellt sich noch eine weitere Herkulesaufgabe: die umfassende Neubestimmung von Leben und Arbeit durch die Digitalisierung, mit der sich Erwerbsarbeit qualitativ und quantitativ radikal verändern wird. Es zeichnet sich eine Arbeitsgesellschaft ab, in der ein wachsender Teil der Bevölkerung Zuflucht zu „selbstständigen Tätigkeiten“ nehmen muss, die meist schlechter bezahlt sind, prekär und projektförmig.
Mit Beginn des digitalen Zeitalters im Jahr 2002 können die Menschen mehr Informationen digital speichern als analog. Jüngere Studien gehen von einem Wegfall von bis zu 50 Prozent aller klassischen Erwerbsarbeitsplätze aus, die künftig von Maschinen erledigt werden. Auch wenn nicht alle Studien von einer so hohen Zahl ausgehen, ist diese Entwicklung in jedem Fall eine „soziale Bombe“, wie es die Tageszeitung „Die Welt“ einmal formulierte.

Dennoch setzen die derzeitige Bundesregierung und Gewerkschaften darauf, dass durch die Einführung von Algorithmen in die Arbeitswelten so viele neue Erwerbsarbeitsplätze geschaffen wie vernichtet werden würden. Es scheint mir ziemlich fahrlässig, nicht offen, laut und kontrovers über die zwangsläufigen Folgen für die so „freigesetzten“ Menschen zu sprechen, deren Empfindungen Richard Sennett als „das Gespenst der Nutzlosigkeit“ beschreibt.

Wer nicht um seine Existenz fürchten muss, kann Arbeit grundsätzlich anders denken.

Deshalb rückt mehr denn je die Frage ins Zentrum, welche Anerkennungs- und Beteiligungsformen die Gesellschaft ihren Mitgliedern bieten kann und bieten muss, wenn herkömmliche Erwerbsarbeit immer weniger Menschen die Perspektive einer sozialen Verortung gibt und gleichzeitig zu viel der gesellschaftlich notwendigen Arbeit unbezahlt bleibt.

Ein Grundauskommen könnte die notwendige Arbeit an grundsätzlich anderen Lebens- und Arbeitsweisen ermutigen. Das skizzierte Beziehungsdreieck halte ich in seiner Wechselbeziehung für fundamental:

Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung braucht Grund|ein|aus|kommen
Grund|ein|aus|kommen ermöglicht Entschleunigung ermöglicht Nachhaltigkeit

Das bedingungslose und existenzsichernde Grundeinkommen könnte einen enormen Transformations- und Möglichkeitsraum für neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens eröffnen. Relevant dafür ist die Frage, wie es den einzelnen Menschen, die Gesellschaft, die Verhältnisse unter- und zwischeneinander, die Arbeit, die Erwerbslosigkeit, die Armut, und global gefragt, die „Entwicklungspolitiken“ verändern kann.

Da sich Nachhaltigkeit nicht national denken lässt, kann das langfristige Ziel nur ein Grundauskommen für alle Menschen sein. Grundauskommen als Menschenrecht zu begreifen, heißt, dass jeder Mensch auf dieser Welt von Geburt an ein Recht darauf hat, seine materiellen Grundbedürfnisse befriedigen zu können.

 

Comments

Sonja Geiger am 14.11.2019 - 17:54

Grundauskommen! Einleuchtend, einschlägig, super passend. Für gute Worte ist es nie zu spät!

Neuen Kommentar schreiben

Hier ist nur eine externe URL zulässig, z.B. http://example.com