Headline: Antworten auf Fridays for Future und die Jugendbewegung für Klimagerechtigkeit

Seit über einem Jahr demonstrieren junge Leute jeden Freitag für mehr Klimaschutz.
Seit über einem Jahr demonstrieren junge Leute jeden Freitag für mehr Klimaschutz. Shutterstock/nicostock

Der allererste Schulstreik für das Klima liegt nun ein Jahr zurück. Die Schulstreikbewegung, die daraufhin entstand, hat weltweit über 1000 Städte und Länder erfasst. Immer mehr junge Menschen nehmen an den wöchentlichen Demonstrationen teil. Die Bewegung steht zu Beginn ihres zweiten Jahres an einem entscheidenden Wendepunkt: Entweder kommt es zu einer allmählichen Demontage mittels Bürokratie und neuer Regeln, die junge Leute in die Knie zwingen, oder die Gesellschaft greift das transformative Potenzial dieser Bewegung auf, um sinnvolle Antworten auf die Forderung nach Klimagerechtigkeit zu liefern.

Neue Taktiken, alte Argumente

Die Schulstreik-für-das-Klima-Bewegung wird oft wie ein Novum behandelt, jedoch ist nur die Taktik des Fernbleibens vom Unterricht neu. Die Sprache und die Argumente sind es aber nicht, und ebenso wenig die Tatsache, dass sie von Jugendlichen vorgebracht werden. Seit Severn Suzukis inspirierender Rede auf dem Erdgipfel von 1992 kamen von sehr vielen jungen Menschen auf internationalen Konferenzen zu Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung mutige und anregende Weckrufe. Die Sprache, mit der Severn Suzuki und Greta Thunberg Klimagerechtigkeit fordern, weist erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Dieses Narrativ ist nicht neu. Warum also jetzt? Warum berührt gerade diese Bewegung unsere Herzen, wie es andere Jugendbewegungen nicht vermochten? Was hat sich verändert? Und worauf dürfen wir hoffen?

Die Klimastreikbewegung, als neueste Spielart der Jugendklimabewegung, würde nicht in so hohem Maße Aufmerksamkeit wecken, hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht so viele junge Menschen organisiert, um für Jugendvertretung und ambitionierten Klimaschutz zu protestieren und zu kämpfen. Jede neue Generation der Jugendklimabewegung entwickelte etwas Eigenes, brachte Ideen, Taktiken, Elan und neue Energie mit, baute auf ihre Vorgänger auf und lernte von ihnen. Die Tatsache, dass wir als Gesellschaft auf die von jungen Menschen vorgebrachten Argumente hören und darüber diskutieren, zeigt, dass wir schon ein ganzes Stück weiter sind, sowohl in unserer Einstellung gegenüber Jugendlichen als auch, was das wachsende Bewusstsein hinsichtlich der Klimakrise betrifft. Auch Leute, die den Forderungen der Streikenden nicht unbedingt zustimmen, sprechen darüber: Dass sich der öffentliche Diskurs nun in diesem Ausmaß um den Klimawandel dreht, ist eine Meisterleistung, die bisher noch keiner anderen Klimabewegung geglückt ist.

Neue Forderungen nach Klimagerechtigkeit

Die Gemeinde der Klimaaktivisten versuchte jahrzehntelang vergebens, eine Massenmobilisierung auf die Beine zu stellen, wie Fridays for Future sie nun angestoßen hat. Das liegt teilweise daran, dass erste Kommunikations- und Kampagnenstrategien, die sich auf schmelzendes Eis und Eisbären konzentrierten, bei den Menschen nicht ankamen. Als sich das Narrativ der Sorge um künftige Generationen und die unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels auf schwächere Regionen und Menschen zuwandte, wurde klarer kommuniziert, dass der Klimawandel eine Gefahr für Menschen und ihr Wohlergehen darstellt. Der mäßige Erfolg dieser Taktik scheint wenig überraschend, weil meist nur eine geringe emotionale und psychologische Bindung an schwächere Gruppen und Regionen besteht. „Entwickelte“ Länder beuten die Menschen und die natürlichen Ressourcen des Globalen Südens seit Jahrhunderten aus – und dies ist nach wie vor ein absolut reales Problem. Unternehmen und Regierungen des Globalen Nordens zeigen sich im Umgang mit dem Globalen Süden häufig gleichgültig und nutzen schwächere Regionen aus, um selbst wirtschaftlich davon zu profitieren. Das Erbe der kolonialen Vergangenheit setzt sich bis in die Gegenwart fort mit ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, Land-Grabbing und anderen unzulässigen Praktiken. Warum sollten sie sich nun darum scheren, wenn die Klimakrise schwere Folgen für schwächere Regionen bringt?

Allerdings wurde dieser Kurswechsel von tieferen Einsichten in die Überschneidungen zwischen Fragen des Klimawandels und der Gerechtigkeit begleitet. Klimagerechtigkeit ist die Idee, dass jene, die am wenigsten zur Entstehung der Klimakrise beigetragen haben, deren schlimmste Auswirkungen als Erste zu spüren bekommen und sich am wenigsten dagegen wehren können. Viele Umweltgruppen in aller Welt kämpfen seit Jahrzehnten gegen Umweltzerstörung, weil sie mit Menschenrechtsverletzungen einhergeht und ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Dies hat eine besonders starke Tradition in Mittel- und Südamerika. In vielen Fällen ist dies ein Kampf ums Überleben. Und genauso verhält es sich mit dem Kampf gegen den Klimawandel.

Andere Jugendbewegungen haben den Weg für die Klimastreikenden geebnet, aber auch das wachsende Bewusstsein für Klimagerechtigkeit hat einen Beitrag geleistet. Die Fridays-for-Future-Bewegung wurzelt in einem tief empfundenen Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit. Junge Menschen haben zum Klimawandel sehr wenig beigetragen, aber ihr Leben wird von dieser Krise, unserer Reaktion darauf und den Folgen definiert sein.

Im Narrativ der Klimakrise ist die Fridays-for-Future-Bewegung ein neuer Protagonist, zu dem viele Menschen leichter eine Bindung aufbauen können. Junge Leute weltweit haben verstanden, wie dringlich die Bedrohung durch den Klimawandel ist, und naturgemäß sind sie bestürzt darüber. Jahrzehntelang wurde Bildung als Patentrezept gegen die Klimakrise dargestellt. Heute haben wir eine Generation junger Menschen, die über die Klimakrise und den ökologischen Zusammenbruch, der sich zu ihren Lebzeiten vollziehen wird, gut Bescheid wissen. Selbstverständlich sind sie wütend. Sie wissen, dass wir einen massiven Umbau brauchen, der die gesamte Gesellschaft umfasst und zu einer nachhaltigeren Lebensweise führt, und dass Generationen vor ihnen schon seit Jahrzehnten von dieser Krise wissen und sehr wenig getan haben, um sie zu lösen. Es wäre wirklich traurig, wenn eine ganze Generation über diese existenzielle Bedrohung für ihre Zukunft informiert wäre und anders oder gar nicht reagieren würde.

Die Frage der Klimagerechtigkeit bewegt sich nicht mehr nur entlang der tiefsitzenden Spannungen zwischen dem Globalen Norden und Süden, den „entwickelten“ und den „Entwicklungsländern“, den Armen und den Reichen. Klimagerechtigkeit bedeutet auch Generationengerechtigkeit. Das treibt die jungen Leute auf die Straße, und es ist an der Zeit, diese Krise als das zu bezeichnen, was sie ist: eine große Ungerechtigkeit.

Viel Zuspruch für Greta, aber wenig Handeln

Nachdem ich seit knapp zehn Jahren in der Jugendklimabewegung aktiv bin, fiel es mir anfangs schwer, Fridays for Future optimistisch zu sehen. Mich plagte die Sorge, dass diese neue, noch jüngere Generation sich leichter bevormunden ließe und es zulassen könnte, dass Klimaschutzmaßnahmen faktisch wieder einmal aufgeschoben werden. Manche Leute sagen, dass die große Aufmerksamkeit, die Greta Thunberg geweckt hat, und ihr öffentliches Profil Anlass zu Optimismus geben ... Aber machen wir uns nichts vor: Sichtbarkeit ist nicht gleichbedeutend mit Handeln. Nie zuvor gab es eine öffentliche Figur für Klimaschutz, die so viel Aufmerksamkeit auf junge Menschen und ihre Forderung nach Klimagerechtigkeit gelenkt hat – dass nicht mit entsprechenden Maßnahmen reagiert wird, ist ein Akt der Selbstgefälligkeit, der nicht länger zu entschuldigen ist.

Dass Greta Thunberg zu DEM Symbol der Jugendmobilisierung zur Klimakrise erhoben wurde, bringt die Alibirolle der Jugend auf ein neues Niveau. Immer mehr Regierungen, Organisationen und Unternehmen sehen das Engagement für die jungen Streikenden als eine Art Persilschein, der bedeutendere Klimaschutzmaßnahmen ersetzt. Ganz gleich wie viele Treffen mit jungen Leuten stattfinden und auf wie vielen Konferenzen sie sprechen dürfen, die Gesellschaft insgesamt hat ihr Verhalten kaum geändert. Einem jungen Menschen ein Mikrofon in die Hand zu drücken ist zwar absolut wichtig, aber es ist kein praktischer, konkreter Versuch, die Klimakrise zu bewältigen. Um das Unrecht des Klimawandels zu überwinden, vor dem junge Leute heute stehen, müssen wir mehr tun, als ihren Protesten zu lauschen, darüber zu twittern, wie nahe es uns geht, oder Klima-Sommercamps zu veranstalten. Ohne sinnvolle Maßnahmen, die darüber hinausgehen, bleiben diese Aktivitäten oberflächlich und erfüllen lediglich eine Alibifunktion.

Wer Greta zur Heldin stilisiert, vernachlässigt zudem so viele andere, die weltweit für Klimaschutz gekämpft haben und es immer noch tun. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade Greta und andere Streikende auf diesen Sachverhalt hinweisen. Immer wieder habe ich in aller Welt Regierungsvertreter gesehen und gesprochen, die mit Greta oder anderen bekannten Streikenden aus anderen Regionen oder Ländern ins Gespräch kommen wollen, nicht aber mit den etablierten, relevanten Jugendorganisationen vor Ort.

Wenn wir junge Leute heroisieren, lassen wir oft unberücksichtigt, welch enormen Einfluss es auf unsere seelische Gesundheit und unser Wohlbefinden hat, bei diesem Kampf mitzumachen. Als junger Mensch gegen den Klimawandel zu kämpfen bedeutet, ständig diese existenzielle Bedrohung des eigenen Lebens zu spüren. Das ist ganz konkret an Orten spürbar, wo die Lebensgrundlagen durch die bereits einsetzenden Klimafolgen stärker gefährdet sind, aber auch dort, wo sie noch nicht so verheerend sind. Junge Menschen, die gegen die Klimakrise kämpfen, sind ungeheuer widerstandsfähig. Viele von ihnen besitzen mehr Widerstandsfähigkeit, Empathie und Mut als diejenigen, die wir heute als „Führer“ ansehen.

Klimagerechtigkeit verwirklichen durch inklusive Zukunftsgestaltung

Lange Zeit hatten wir eine kognitive Distanz zwischen uns und der Realität des Klimawandels aufgebaut und sahen ihn als ein Problem, das in der Zukunft lag. Aber die heutige Jugendbewegung holt ihn in die Gegenwart, und indem sie das tut, stellt sie uns vor Herausforderungen, die unserem Staatswesen ebenso an die Substanz gehen wie unserem Sozial- und Wirtschaftssystem. Das Problem ist hier, dass es bei einer Reaktion auf diese Bewegung nicht nur um Klimaschutz geht, sondern auch darum, sich auf junge Menschen wirklich einzulassen.

Es besteht die reale Gefahr, dass auf diese Bewegung mit einer unzureichenden, oberflächlichen Symbolpolitik reagiert wird. Dass angemessene Reaktionen ausbleiben, liegt teilweise daran, dass wir eigentlich nicht wissen, wie wir das anpacken sollen. Es gibt nur sehr wenige Beispiele für den richtigen Umgang mit und die Beteiligung von jungen Leuten – ohne Alibipolitik und Bevormundung. Bisher gelingt es nicht, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Geboten der Klimawissenschaft und den Praktiken und Prozessen einer inklusiven und gerechten Zukunftsgestaltung. Anstelle von Presseerklärungen und Podiumsdiskussionen sollten wir über sinnvolle Beteiligung, Engagement und offenes Vorgehen gegen Ungerechtigkeit sprechen.

Als Reaktion auf diese Forderungen müssen wir uns eingehend mit der Zukunft, ihrer Zukunft, beschäftigen, und zwar anders, als wir es gewohnt sind. Was bedeutet es, das Wohlergehen künftiger Generationen zu berücksichtigen? Wie gehen wir vor, um die dafür notwendigen systemischen Veränderungen unserer Werte und Prozesse und der Ziele unseres Staatswesens und unseres Sozial- und Wirtschaftssystems in Gang zu setzen? Welche Prozesse können dies herbeiführen?

Beim Nachdenken über diese Fragen wurde ich optimistisch gestimmt:

Sinnvolle Antworten auf die Klimabewegung: ein Instrumentarium

Die Frage, wie wir auf diese Bewegung reagieren, bietet große Chancen. Wir haben nun Gelegenheit, den Systemwandel zu beschleunigen, den wir brauchen, um mit der Klimakrise fertig zu werden.

Nach mehr als fünf Jahren Erfahrung als Mitbegründerin und aktives Mitglied einer Jugendklimaorganisation, der 2050 Climate Group, und zweijähriger Erfahrung in der Unterstützung von Kapazitätsaufbau für den Klimaschutz auf Kommunalebene sowie dreijähriger Forschungsarbeit zu diesem Thema habe ich das letzte Jahr der Konsolidierung dieses Wissens gewidmet und ein Instrumentarium entwickelt, das bei der Beantwortung folgender Frage hilft: Wie können wir / wie kann meine Organisation sinnvoll auf die Forderungen der Jugendklimabewegung reagieren?

Ende Oktober wird dieses „Instrumentarium“ veröffentlicht und auf der IASS-Website abrufbar sein. Es bietet Ratschläge für Regierungen, Politiker und alle politisch Aktiven auf kommunaler, nationaler und internationaler Ebene, die aufzeigen, wie sie sinnvoll auf die Forderungen eingehen können, die von heutigen Jugendbewegungen für Klimagerechtigkeit für die Zukunft und künftige Generationen gestellt werden. Es wird dazu beitragen, eine sinnvolle, kontextrelevante Reaktion auf diese Bewegungen zu ermitteln und zu entwickeln, um den Klimaschutz, eine gerechte Zukunftsgestaltung und Klimagerechtigkeit, vor allem für die jungen Menschen von heute, voranzubringen.

Wenn Sie das Instrumentarium erhalten möchten, sobald es veröffentlicht wird, bitte kontaktieren Sie uns hier.

Neben dem Instrumentarium selbst können auf Anfrage maßgeschneiderte Ratschläge und Beratungsgespräche angeboten werden. Bitte richten Sie Ihre Anfrage an elizabeth.dirth@iass-potsdam.de.

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