Headline: Interview: Kandeh Yumkella über nachhaltige Energiesysteme und gesellschaftlichen Wohlstand

Der Zugang zu klimafreundlicher und verlässlicher Energieversorgung für alle, also für jeden Menschen auf diesem Planeten – nicht weniger hat sich Kandeh Yumkella vorgenommen, Sondergesandter des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon für Sustainable Energy for All (SE4All). Unser Zusammentreffen auf dem IASS-SE4All Fachgespräch zur globalen Dimension der deutschen Energiewende am 15. Dezember in Berlin nahm ich als Anlass, Kandeh Yumkella drei Fragen zu stellen, die wir in der IASS Plattform Energiewende heiß diskutieren:

Wie können Entwicklungsländer von der Energiewende in Deutschland profitieren?

Deutschland zeigt globale Führungsstärke, indem es mutige Schritte in Richtung einer beispiellosen strukturellen Transformation seines gesamten Energiesektors unternimmt. Dieser Wandel hin zu erneuerbaren Energiequellen und verstärkter Effizienz wird der Welt zeigen, dass jede Volkswirtschaft, egal wie groß sie ist, umweltfreundlicher und nachhaltiger werden kann. Sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer müssen nicht länger von „schmutziger Energie“ abhängig sein, um ihr Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

Die Energiewende in Deutschland bringt innovative Technologien hervor, die die Erzeugung von nachhaltiger Energie sowie ihre Übertragung, Verteilung, Speicherung und Nutzung verbessern und optimieren. Damit Entwicklungsländer dem deutschen Beispiel folgen können, müssen ihnen diese technischen Innovationen zur Verfügung gestellt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir uns nicht abschotten dürfen, wenn wir die Lebensfähigkeit unseres Planeten sichern wollen - für Arm und Reich. Nichts sollte einer wirkungsvollen Verbreitung umweltfreundlicher Technologien im Wege stehen.

Was kann Deutschland von Energiewenden in anderen Ländern lernen?

Energiewenden werden normalerweise als Transformationsprozesse im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung definiert, zentrale Elemente sind die Nutzung erneuerbarer Energien sowie Maßnahmen für mehr Energieeffizienz. Energieeinsparungen und Verbesserungen in der Energieeffizienz spielen eine wichtige Rolle.

Es gibt viele interessante Beispiele fachlicher Kompetenz auf diesem Gebiet, von denen Deutschland lernen kann. Dazu gehören Onshore- und Offshore-Windenergie und Gezeitenenergie in Großbritannien, Fachwissen über Erdwärme in Island und über Wasserkraft in Österreich, wo die Stadt Güssing eine autarke und nachhaltige Stromversorgung aufgebaut hat. Dänemark deckt 41 Prozent seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen und hat große Expertise in Bezug auf nachhaltige Heizsysteme für Gebäude.   Die Schweiz hat Speicherkraftwerke in den Alpen gebaut, die die Stromerzeugung durch Laufwasserkraftwerke ergänzen. Dies sind nur einige Beispiele von Ländern, die zunehmend eine Führungsrolle beim Übergang von fossilen Energeiträgern zu erneuerbaren Quellen übernehmen.

Im weiteren Sinn geht es bei Energiewenden um die „Demokratisierung“ von Energie, und insofern hängt ihr Erfolg von der Reife der Märkte und von Kaufentscheidungen der Konsumenten ab. Entwicklungen hin zu Energiewenden in Entwicklungsländern und Schwellenländern werden genau beobachtet, und sie werden eine Reihe von Geschäftsmöglichkeiten für Länder bieten, die bereits über die nötige Expertise und passgenaue Technologien verfügen.

Inwiefern trägt die Abkehr von fossilen Energieträgern zu gesellschaftlichem Wohlstand bei?

Lassen Sie mich dies an zwei konkreten Beispielen deutlich machen, die für meinen eigenen Kontinent, Afrika, von großer Bedeutung sind: die Bereitstellung von sauberen Kochherden und die Vermeidung des Abfackelns von Gas.

Rund drei Milliarden Menschen auf der Welt nutzen noch Festbrennstoffe - Holz, Ernteabfälle, Holzkohle, Steinkohle und Dung - um zu kochen und ihre Wohnungen zu heizen. Offene Feuerstellen und schadhafte Kochherde sind verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jährlich 4,3 Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, vorzeitig an Krankheiten sterben, die von der Luftverschmutzung in ihrem Haushalt herrühren. Schuld daran ist die ineffiziente Nutzung dieser Festbrennstoffe, und die Ärmsten leiden am meisten. In schlecht belüfteten Gebäuden kann die Anzahl gefährlicher kleiner Partikel in rauchbelasteten geschlossenen Räumen 100 Mal höher sein als die akzeptablen Werte. Dies betrifft vor allem Frauen und kleine Kinder. Der Zugang zu sauberen und effizienten Kochherden steigert das allgemeine Wohlbefinden einer Gesellschaft, weil es die Gesundheit von Frauen und Kindern schützt. Es reduziert für die Frauen auch den Arbeitsaufwand und trägt dazu bei, ihre Produktivität zu steigern.

Ein weiteres Beispiel ist das Abfackeln von Gas an Produktionsstätten der Öl- und Gasindustrie. Große Mengen Gas, die bei der Förderung von Rohöl freigesetzt werden, werden als Abfall oder nicht nutzbares Gas abgefackelt. Dies liegt teilweise am Mangel an Pipelines und weiterer Infrastruktur zum Transport von Gas und teilweise am Mangel an zahlenden Konsumenten. Wenn wir das Abfackeln von Gas weltweit stoppen und das Gas über ein Netz in Regionen ohne Zugang zu Energie bringen können, werden wir nicht nur enorm zur Senkung der Kohlenstoff-Emissionen beitragen, sondern auch eine neue Energiequelle für energiearme Gemeinschaften erschließen und dadurch einen weitreichenden Nutzen für die Gesellschaft schaffen.

Photo: SE4All

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