IPCC nimmt Geoengineering in Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger auf – was bedeutet das?

Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hat zum ersten Mal das Thema Geoengineering behandelt und in die Zusammenfassung für Entscheidungsträger seiner Arbeitsgruppe I aufgenommen. Dies ist in der globalen Diskussion über den Klimawandel von erheblicher Bedeutung, da der IPCC ein wissenschaftliches Gremium unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen (UN) ist und seine Sachstandsberichte einen Ausgangspunkt für die UN-Klimaverhandlungen bilden.

Geoengineering, auch Climate Engineering (CE) genannt, ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Techniken, die derzeit erdacht oder entwickelt werden. Mit Hilfe dieser Techniken könnten sich einige Auswirkungen des Klimawandels umkehren oder abschwächen lassen, insbesondere das Ansteigen globaler Durchschnittstemperaturen. Allerdings wird  keine der Methoden in der Lage sein, alle klimatischen und nichtklimatischen Veränderungen zu kompensieren, die aufgrund der erhöhten Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auftreten. Daher kann keine Methode ein wirksamer Ersatz für die Reduktion von Treibhausgasemissionen oder für eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels sein. Zudem sind die Techniken mit einer Reihe von Unwägbarkeiten und Risiken verbunden und daher umstritten.

Welche Relevanz hat es also, dass der IPCC Climate Engineering in seinen fünften Sachstandsbericht (AR5) aufgenommen hat? Einige Mitglieder unseres interdisziplinären Mikrokosmos zu Climate Engineering am IASS sind Co-Autoren des IPCC-Berichts der Arbeitsgruppe III. Nachfolgend beantworten wir zentrale Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, und legen unsere Gründe dar, warum wir am IASS zu Climate Engineering forschen.

 

1. Was ist Climate Engineering und warum hat der IPCC es in seinen fünften Sachstandsbericht aufgenommen?

Climate Engineering umfasst eine Reihe von weitgehend hypothetischen Techniken. Ziel ist es, einige Folgen des Klimawandels umzukehren oder abzuschwächen. Bei diesen Techniken unterscheidet man zwei Kategorien:

  • Methoden zur Entfernung von Kohlendioxid (carbon dioxide removal/CDR), um Kohlenstoff aus der Atmosphäre abzusondern und zu speichern;
  • Methoden zur Beeinflussung der Sonneneinstrahlung (solar radiation management/SRM), um die globale Durchschnittstemperatur zu senken, indem Sonnenlicht von der Erdoberfläche reflektiert wird. Sie gehen jedoch nicht das Problem der steigenden Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre an, sodass einige der Auswirkungen erhöhter Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre weiter bestehen würden. Dazu gehören die Übersäuerung der Ozeane und Veränderungen in den Ökosystemen der Erde, die aufgrund der CO2-reichen Luft auftreten. Daher handelt es sich um eine unzulängliche und riskante Methode, um dem globalen Klimawandel entgegenzuwirken.

Ein Beispiel für eine CDR-Technik ist die Eisendüngung der Ozeane. Dabei wird Eisen als Nährstoff in das Wasser eingebracht, um Regionen zu düngen, in denen das Wachstum von Phytoplankton (Algen) begrenzt ist, weil dieser Nährstoff dort fehlt. Diese Organismen nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf, wenn sie wachsen. Sobald  sie absterben, sinkt ein Teil der Plankton-Biomasse in die Tiefen des Ozeans und nimmt atmosphärischen Kohlenstoff mit, den der aufgenommen hat. Die Wirksamkeit dieser Methode und ihre möglichen unbeabsichtigten Nebenwirkungen sind äußerst unsicher, da die Forschung hier erst am Anfang steht.

Ein Beispiel für eine SRM-Methode ist, in ca. 20 Kilometern Höhe Schwefelpartikel in die Stratosphäre zu injizieren. Diese Partikel reflektieren Sonnenlicht und kühlen den Planeten, wie es nach Vulkanausbrüchen gelegentlich zu beobachten ist. Aber wie bei anderen Techniken ist hier mehr Forschung nötig, um die voraussichtlichen Auswirkungen und mögliche unerwünschte Nebenwirkungen eines solchen Eingriffs auf globaler Ebene einschätzen zu können.

Der IPCC hat diese ungeklärten Fragen zum Climate Engineering in seinen fünften Sachstandsbericht vor allem deswegen erstmals aufgenommen, weil die Diskussionen über Climate Engineering und diverse Forschungsprojekte zu verschiedenen Aspekten des Climate Engineerings in den sieben Jahren seit der Veröffentlichung des letzten IPCC-Berichts deutlich zugenommen haben. Es gehört zu den Aufgabe des IPCC, die in Fachzeitschriften veröffentlichten Forschungsarbeiten zu sichten und zusammenzufassen. Dies sollte jedoch nicht als Hinweis darauf verstanden werden, dass der IPCC Climate Engineering als Ersatz oder flankierende Maßnahme für Emissionsreduktionen oder für eine Anpassung an seine Folgen befürwortet.

 

2. Was würde mit dem Klima passieren, wenn CE-Techniken in Zukunft jemals angewandt würden?

Climate Engineering ist nicht eine einzelne Technik, sondern bezeichnet viele verschiedene Ideen, die pauschal zusammengefasst werden. Daher hängt die Antwort auf diese Frage davon ab, welche Technologie (oder Technologien) zum Einsatz kämen. Klar ist, dass keine bisher vorgeschlagene CE-Technik in der Lage wäre, den Planeten in seinen vorindustriellen Zustand zurückzuversetzen – selbst wenn Climate Engineering einzelne Auswirkungen des Klimawandels in einigen Regionen abmildern könnte. Sogar in dem Fall, dass die globale Durchschnittstemperatur auf ihr vorheriges Niveau zurückgeführt werden könnte, wären einige Regionen immer noch wärmer und andere kälter als zuvor. Auch die Niederschlagsmengen würden sich von Region zu Region deutlich ändern.

Darüber hinaus hätte Climate Engineering zusätzlich unbeabsichtigte Auswirkungen. So würde eine Eisendüngung der Ozeane die Ökosysteme der Ozeane verändern - mit potenziell weitreichenden Folgen. Die Anzahl und Vielfalt der Lebewesen in modifizierten Regionen würde sich wahrscheinlich ändern. Andere Spezies könnten abwandern, um von den veränderten Verhaltensmustern ihrer Beutetiere zu profitieren. Die Planktonblüte selbst könnte direkte Probleme verursachen: Wenn die Planktonblüte abstirbt, könnte der Sauerstoff in der Wassersäule durch die Bakterien, die das tote Plankton zersetzen, verbraucht werden. Verschiedene Gase würden wahrscheinlich in erheblicher Menge entstehen. Dazu könnte vor allem Distickstoffoxid, ein starkes Treibhausgas, gehören. Auch die Injektion von Sulfataerosolen könnte unerwünschte Auswirkungen haben - unter anderem auf das Erscheinungsbild des Himmels und die Chemie der Stratosphäre. Dazu zählt insbesondere eine Verringerung der Ozonmenge in der Stratosphäre. Das würde dazu führen, dass mehr schädliche UV-Strahlung die Erdoberfläche erreicht.

 

3. Sind die klimatischen Auswirkungen von Climate Engineering das einzige, worüber wir uns Sorgen machen müssen?

Obwohl der IPCC-Bericht der Arbeitsgruppe I sich auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen konzentriert, ist es wichtig festzuhalten, dass Climate Engineering nicht nur das Klima beeinflussen würde. Die Erforschung und Entwicklung von CE-Techniken findet in einem komplexen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Kontext statt, dessen Diskussion  in den Arbeitsbereich der Arbeitsgruppen II und III fällt. Schon die Annahme, dass es in Zukunft eine „schnelle Lösung” geben könnte - egal wie realistisch oder unrealistisch das ist - könnte den Anreiz verringern, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren. Ferner könnte Climate Engineering zu internationalen Spannungen im Hinblick auf Erforschung, Entwicklung und Anwendung führen, da einige Staaten entsprechende Eingriffe befürworten, andere diese möglicherweise ablehnen könnten. Das macht die Frage nach der politischen Regulierung – auch der Erforschung von Climate Engineering – ebenso wichtig wie komplex. Wenn SRM-Techniken zum Einsatz kämen und die Konzentration von Treibhausgasen nicht verringert würde, wären künftige Generationen gezwungen, den SRM-Eingriff fortzusetzen. Im Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe I wird das wörtlich wie folgt begründet: “If SRM were terminated for any reason, there is high confidence that global surface temperatures would rise very rapidly to values consistent with the greenhouse gas forcing.” Neben Fragen nach der interregionalen und intergenerationellen Gerechtigkeit ist das Thema Climate Engineering ein guter Anlass, um über unser Verhältnis zum Planeten im „Anthropozän“ nachzudenken - also in der Epoche, in welcher der Mensch als quasi-geologische Kraft auftritt.

 

4. Climate Engineering – was passiert als nächstes?

Es ist allgemein anerkannt, dass eine Vermeidung des Klimawandels die Priorität für die internationale Gemeinschaft sein muss. Es ist zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, ob – wenn überhaupt – irgendeine Form von Climate Engineering dazu beitragen könnte, die verschiedenen Herausforderungen des Klimawandels anzugehen. Wie im Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe I betont wird, sind die Unsicherheiten bezüglich der naturwissenschaftlichen Grundlagen von CDR und SRM so groß, dass noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Ein weiterer, sehr wichtiger nächster Schritt wird sein, ein besseres Verständnis für die Optionen einer wirksamen politischen Steuerung von Climate Engineering zu gewinnen.

 

5. Wie geht das IASS an CE-Forschung heran?

Am IASS nehmen wir eine kritische Bewertung von CE-Technologien unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten vor, um die Wirkungen, Unwägbarkeiten und Risiken der verschiedenen Ansätze zu analysieren. Wir entwickeln keine CE-Technologien. Vielmehr befassen sich unsere  Forscher am IASS mit grundlegenden Fragen, wie z.B.:

  • Welche Folgen hätte ein SRM-Eingriff für das globale Klima und die Atmosphäre insgesamt, sowie für andere Aspekte des globalen Wandels wie etwa die Übersäuerung der Ozeane, Artenvielfalt und Ozonschicht?
  • Ist Climate Engineering eine ethisch vertretbare Antwort auf den Klimawandel?
  • Wie wird Climate Engineering von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen wahrgenommen, wie etwa von den Bewohnern kleiner Inselstaaten oder von religiösen oder spirituellen Gemeinschaften?
  • Welche Formen politischer Steuerung sind für Climate Engineering angemessen?
  • Welche internationalen Abkommen und Normen gelten für Climate Engineering?

Die Forscher, die am IASS zum Thema Climate Engineering arbeiten, kommen aus vielen verschiedenen Bereichen und unterschiedlichen Disziplinen und haben verschiedene Sichtweisen auf das Thema. Indem wir die Forscher unter einem Dach vereinen, können wir die Implikationen von Climate Engineering aus einem breiteren Blickwinkel heraus untersuchen; und wir können politische und gesellschaftliche Akteure und die Öffentlichkeit effektiver in die Debatte über dieses Thema einbeziehen.

 

Weitere Informationen

 

Vom IASS tragen folgende Personen zur IPCC-Arbeitsgruppe III bei:

 

Foto: ©IPCC WGI AR5