Das Anthropozän und der Mensch: Forscher, Künstler und Laien diskutieren über Verhältnis von Mensch und Natur

Seit der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen vor rund 15 Jahren den Begriff „Anthropozän“ geprägt hat, hat sich dieser zu einem in Fachkreisen viel diskutierten Schlagwort entwickelt. Wissenschaftler debattieren, ob die Menschen die Erde so massiv verändert haben, dass wir von einer neuen Epoche der Erdgeschichte sprechen müssen. Als gesichert gilt, dass sich Phänomene wie Abholzung, Urbanisierung und Klimawandel seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs enorm beschleunigt haben. Wie gehen wir mit den entstandenen Risiken um? Wie sollte sich unser Verhältnis zu Menschen, Tieren und Pflanzen ändern? Diesem Thema hat sich das IASS vom 6. bis 8. Februar gemeinsam mit dem Chor des Jungen Ensembles Berlin (JEB) und der Universität der Künste (UdK) Berlin mit seinem Projekt „Paradise reloaded? – Die Schöpfung im Anthropozän“ gewidmet – mit dem Ziel, das Anthropozän als gesellschaftliches und kulturelles Thema, nicht als reines Wissenschaftsthema zu diskutieren. Als Inspiration für das transdisziplinäre Kommunikationsprojekt diente Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“.

Konzert in der GethsemanekircheKonzert in der Gethsemanekirche

„Dieses Werk drückt einen empathischen Optimismus bezüglich unseres Verhältnisses zur Natur aus. Uns interessierte, wie sehr dieser Optimismus und diese Empathie, wie sehr diese Ordnungsvorstellungen noch die unseren sind – die der Macher, der Zuhörer und ihrer Mitmenschen“, sagte der Leiter des Projekts, IASS-Wissenschaftler Manuel Rivera. Mit dem JEB hatte das IASS einen Partner, der sich unter der Leitung von Dirigent Frank Markowitsch auf Stücke mit gesellschaftspolitischem Bezug spezialisiert hat. Gemeinsam mit drei Schulchören aus Berlin und Hamburg sowie dem Prometheus Ensemble Berlin stellte sich der Chor der Herausforderung, Haydns „Schöpfung“ in die Gegenwart zu holen. Die Konzerte fanden am 6. Februar in der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg und am 8. Februar im Konzertsaal der Universität der Künste Berlin statt. An einer der Chorproben nahmen auch Wissenschaftler des IASS teil.

Am 7. Februar beschäftigten sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen – zum Beispiel Biologie, Theologie und Musikwissenschaft – sowie Kulturschaffende und interessierte Bürger bei einem Symposium am IASS mit der Frage, wie sich das Verhältnis von Mensch und Natur seit Haydns Zeit verändert hat. Das Konzept des Symposiums stellte den Austausch zwischen den Beteiligten und den Dialog in den Vordergrund: Statt längerer Vorträge gaben die Referenten lediglich „Impulse“, auf deren Grundlage die Anwesenden in Kleingruppen diskutierten.

Thomas Bruhn (IASS) erläutert die Veränderungen der Umwelt im Anthropozän.Thomas Bruhn (IASS) erläutert die Veränderungen der Umwelt im Anthropozän.

Der Physiker Thomas Bruhn, Projektwissenschaftler am IASS, stellte einleitend fest, dass viele Indikatoren des Erdsystems – etwa der Klimawandel, die Versauerung der Ozeane und der Verlust der Artenvielfalt – seit 1800 deutlich stiegen. Seit 1950 gebe es ein exponentielles Wachstum. Die Menschen seien zur „dominierenden Kraft im Erdsystem“ geworden, das sich zuvor rund 10.000 Jahre lang kaum verändert habe. Mit ihren massiven Eingriffen riskierten sie die Existenz kommender Generationen. 

Martin Gorke von der Universität Greifswald bezifferte die Zahl der aussterbenden Arten auf 30.000 pro Jahr. „Wir stehen an der Schwelle des sechsten großen Massensterbens der Erdgeschichte“, sagte der Biologe und Umweltethiker. Doch beginne dieses Massensterben zu einem Zeitpunkt, zu dem es so viele Arten wie noch nie zuvor gibt. Während eine anthropozentrische Denkweise den Erhalt der Artenvielfalt deshalb befürworte, weil das Artensterben künftigen Generationen Daseinschancen nehme, argumentierten Vertreter eines holistischen Modells, dass Arten um ihrer selbst willen Respekt verdienten. Die Frage, wo der Wert der Biodiversität liegt – ob es um den Nutzen für den Menschen geht oder Arten ein Existenzrecht um ihrer selbst willen haben – sei für künftige Regelungen im Umweltschutz zentral, sagte Gorke. Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Universität Klagenfurt gab allerdings zu bedenken, dass sich der Diskurs zum Anthropozän nicht auf den Umgang mit der Natur beschränken dürfe. „Unser Naturbild ist immer ein Spiegel unseres Menschenbildes“, sagte sie. Wer Verhaltensregeln aufstellen wolle, müsse sich daher auch mit seinem Bild vom Menschen auseinandersetzen.

Für eine umfassende Transformation hin zu einer nachhaltigen Welt sei eine neue „Humanökologie“ vonnöten, sagte Jürgen Manemann, Leiter des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Statt einer weiteren „Hominisierung“ der Welt müsse eine tiefere Humanisierung des Menschen in Gang gebracht werden, die durch eine Stärkung des Möglichkeitssinns Räume schaffe für andere und anderes. „Wir müssen künftigen Generationen auch kulturelle Umwelten hinterlassen“, betonte Manemann. Zur Entfaltung des Möglichkeitssinns gebe es im deutschen Bildungssystem allerdings nur wenig Gelegenheit, wandte die Publizistin und Kuratorin Adrienne Goehler ein. Nach dem „PISA-Schock“ stünden die analytischen Fähigkeiten im Vordergrund, zu Lasten der ästhetischen Bildung. „Wir brauchen eine Wiedererweckung der Sinne“, forderte die ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin.

IASS-Exekutivdirektor Klaus Töpfer sagte in seinen abschließenden Worten, dass die Kunst beim Bewusstwerden über die Stellung des Menschen in der Schöpfung und im Anthropozän eine wichtige Rolle spiele. Er habe das transdisziplinäre Kommunikationsprojekt als sehr bereichernd empfunden: Gerade weil Kunst und Wissenschaft ganz andere „Sprachen“ sprächen, könnten sie einander neue Impulse geben. Zu dem Kommunikationsprojekt entsteht ein Dokumentarfilm, der ab Ende März auf unserem Youtube-Kanal zu sehen sein wird. Außerdem  wird eine Abschlussdokumentation als Broschüre veröffentlicht.

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Fotos: © René Arnold/JEB/IASS

10.02.2015