Headline: Hat Russland eine Vorstellung seiner post-fossilen Zukunft?

Für Russland stellt sich niemand eine Zukunft nach dem Ende der fossilen Brennstoffe vor, am wenigstens die Russen selbst. Die Kleptokraten fliehen aus dem Land und parken ihr Diebesgut an Zufluchtsorten im Ausland – in Ländern, in denen das Bankengeheimnis gehütet wird, eine Konfiszierung ihrer Beute aufgrund der Rechtslage unwahrscheinlich ist und ihnen gefügige Politiker Schutz gewähren. Der Export von Kapital und der Ankauf teurer Immobilien und anderer Vermögenswerte außerhalb Russlands zeigen, dass die „Wirtschaftselite“ im Wesentlichen nicht daran glaubt, dass sie sich noch lange an der Macht halten wird.

Die Ära der Energie aus fossilen Brennstoffen neigt sich dem Ende zu, begleitet vom Bedeutungsverlust der Petro-Staaten. Fortschritte bei Energieeffizienz, erneuerbaren Energien, Speichertechnik und intelligentem Energiemanagement machen eine neue, saubere, sichere und nachhaltige Energieversorgung billiger als Kernkraft und fossile Energiequellen. Rasche Lernerfolge im technischen Bereich drücken stetig die Kosten für Erneuerbare nach unten und drängen Kohle, Erdöl und fossiles Methangas aus dem Markt. Der Wert von Russlands fossilen Energieexporten wird schneller fallen als die Mengen, was die Einnahmen des Landes ebenso schmälern wird wie die Beute seiner raubgierigen Elite.  Die derzeitigen Machtstrukturen aufrechtzuerhalten wird sich zunehmend schwieriger gestalten, und die Repressionen können sich nur verschlimmern.

2016 bekundete Russland, es wolle von nun an in seine post-fossile Zukunft investieren und eine Windenergie-Industrie aufbauen. Aber es fehlt ein innovativer ziviler Sektor, und selbst wenn die gebündelte Leistungsfähigkeit des Luft- und Raumfahrtsektors dafür eingespannt würde, rechnet niemand damit, dass Russland den Vorsprung der extrem wettbewerbsfähigen, etablierten globalen Windkraftindustrie wird einholen können. Genauso wenig kann Russland mit den Fortschritten in der Materialforschung bei Solarenergie und Batteriespeichern gleichziehen, oder auch nur die relativ überschaubare Herausforderung bewältigen, kostengünstige, aber intelligente Niedervolt-Gleichstrom-Energiesysteme zu entwickeln, die auch netzunabhängig funktionieren. Die post-fossile Energieinfrastruktur muss entweder importiert werden oder sie wird mit technischen Mängeln und Ineffizienzen zu kämpfen haben.

Russland hat kein gewinnbringendes Leistungsversprechen für die post-fossile Ära

Auch nach dem Fossil-Zeitalter wird Russland noch über Aktiva verfügen: einiges an Goldreserven, eine aktive Metall- und Bergbauindustrie, Militärmacht sowie Spione und Hacker. Wenn Russland aufhört, ein Petro-Staat zu sein, könnte es zu einem Bergwerksunternehmen mit Armee und Kernwaffen werden, das dennoch dem Ressourcenfluch ausgesetzt ist und trotz seiner Rohstoffvorkommen die Armut seiner Bewohner nicht beenden kann. Innovationen werden sich auf strategische, aber marginale Bereiche beschränken, insbesondere auf die Kunst des profitorientierten Hackings, eine im Wesentlich parasitäre Betätigung. Russland kann Instabilität exportieren, was womöglich ins Chaos führt, aber keine Wertschöpfung schaffen. Russland hat kein wirtschaftaugliches Projekt für das post-fossile Zeitalter.

Das russische Militär mit seinem alternden Arsenalen wird durch innere Unruhen in Tschetschenien, eine Garnison in Transnistrien, Besatzungskriege in Georgien und der Ukraine und die Belastungen durch Militärinterventionen zur Stützung von Baschar al-Assad in Syrien stark beansprucht, um nur einige Einsatzgebiete zu nennen. Das erschwert Investitionen in eine positive Zukunft und beschleunigt die Talfahrt des Landes. Hybride Kriegsführung, die militärische und nichtmilitärische Einrichtungen und Fähigkeiten kombiniert – ein Gebiet, auf dem Russland Pionierarbeit leistet –, kann den Niedergang verlangsamen, aber nicht aufhalten.

In der neuen Geopolitik der erneuerbaren Energien hat das post-fossile Russland kein Leistungsversprechen zu bieten. Der stoischen russischen Gesellschaft – vom Nationalismus infiziert – fehlen die Offenheit, Vielfalt und Attraktivität der Gesellschaften des Westens ebenso wie die Entwicklungsverheißungen Chinas oder Indiens. Nur wenige Bürger bringen den Mut auf, gegen schlecht durchdachte politische Ideen und die Unterdrückung Andersdenkender zu protestieren, daher macht das Land zwangsläufig Fehler. Die Bevölkerung Russlands nimmt ab, denn seine Bewohner ergeben sich dem Alkohol, werden medizinisch unzureichend versorgt und sterben häufig früh. Wer kann, beutet das Land und seine Leute aus und schickt seine Söhne und Töchter ins Ausland; Wladimir Putin selbst macht es vor. Auszuwandern ist für viele der Menschen, die Russland braucht, Bestandteil der Lebensplanung.

"L'empire éclaté": Knapp 40 Jahre nach Hélène Carrère d'Encausse’ Analyse, die den Zusammenbruch des Sowjetreiches vorhersagte, zeichnet sich heute der post-fossile Niedergang Russlands ab. Das wird nicht angenehm, und den Nachbarn Russlands droht Gefahr. Alle anderen Länder sollten sich auf ein zunehmend unberechenbares Verhalten, eine Erosion des Staates im Zentrum Russlands ebenso wie an der Peripherie und ein erhöhtes Risiko eines militärischen Konflikts vorbereiten. Erdölsucht ist schwer zu therapieren, und Russland versucht es nicht einmal.

Eine Version dieses Artikels erschien auf Spanisch im Jahrbuch des Barcelona Centre for International Affairs (CIDOB): http://anuariocidob.org/puede-rusia-imaginar-un-futuro-post-combustibles-fosiles/

Foto oben: istock/XtockImages

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