Headline: Werbung für den Boden zwischen Blasmusik und Häppchentouristen auf der Internationalen Grünen Woche

Das Internationale Jahr des Bodens (IYOS) ist nun zu Ende gegangen, also ist wohl der richtige Zeitpunkt, um zu prüfen, inwieweit die Menschen die Bedeutung des Bodens begriffen haben. Im Jahr des Bodens wurde sehr viel Energie in das Anliegen investiert, die Aufmerksamkeit auf die fundamentale Bedeutung des Bodens für das Wohl des Planeten und seiner Bewohner zu lenken. Diese Botschaft wurde durch wirklich zahlreiche Veranstaltungen, Publikationen, Videos, Artikel, Ausstellungen (sehr viel mehr als ich hier nennen kann) in aller Welt verbreitet, und zwar mit Unterstützung von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und Fachgebieten, die sich aktiv für Bodenschutz und Landrechte einsetzen. 2015 wurde der Boden auf die politische Agenda gesetzt. Die Botschaft, dass Boden und Land für die Umsetzung der Entwicklungsagenda 2030 maßgeblich sind, um das ehrgeizige globale Ziel der Beseitigung des Hungers zu erreichen und den Klimaschutz zu stärken, ist zu vielen Menschen vorgedrungen.

Um Böden wirklich wirksam und nachhaltig zu schützen, ist aber nichts Geringeres erforderlich als eine Generalüberholung unserer globalen Gesellschaft und ihrer Systeme. Das derzeitige System der industriellen Produktion und Distribution von Lebensmitteln und Konsumgütern ist nämlich weder nachhaltig noch gerecht. Wir können es uns nicht mehr leisten, unsere wertvollsten Bodenressourcen zu vergeuden, ein Vorgang, der sich ungebrochen fortsetzt. Bodenverschlechterung und demografische Trends an den globalen Brennpunkten schaffen die Voraussetzungen für eine explosive Zukunft. Heute ist es wichtiger denn je, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Notwendigkeit der nachhaltigen Bewirtschaftung unserer Böden und der globalen Land-Ressourcen durch veranwortungsvolle Governance zu steuern.

Nachbarland Nr. 1: Die österreichische Halle bei der Grünen Woche sah aus wie ein Biergarten und roch nach Schweinefleischerzeugnissen. © Amy Green

Die Grüne Woche – ein Realitäts-Check

Tatsache ist jedoch, dass die meisten Menschen das von den Vereinten Nationen ausgerufene Jahr des Bodens nicht zur Kenntnis genommen haben und sich für Bodenkampagnen generell nicht besonders interessieren. Ein aufschlussreiches Beispiel ist die Internationale Grüne Woche, die größte Landwirtschaftsmesse der Welt, die gerade in Berlin zu Ende gegangen ist. Man möchte meinen, dass Böden bei einem Ereignis, das all die Köstlichkeiten und erstaunlichen Gaben der Erde präsentiert, eine wichtige Rolle spielt. Falsch gedacht. Die Menschenmengen, die sich durch die schier endlosen, überfüllten Hallen der Messe schoben (die von der Autobahn aus gesehen merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Todesstern hat), begegneten einer idealisierten und hoch kommerzialisierten Darbietung von Lebensmitteln, verknüpft mit Heimat und kultureller Identität. Sozusagen ein Indoor-Oktoberfest mit entsprechendem Unterhaltungsprogramm. Nie zuvor habe ich an einem Ort so viele bayerische Trachten, Lederhosen und Blaskapellen gesehen, obwohl ich seit fast 20 Jahren in Deutschland lebe. Die moderne Landwirtschaft wurde wunderbar in Szene gesetzt, aber ohne die unangenehmen Seiten eines echten Bauernhofes oder die tatsächlichen Probleme in der Praxis. Nutztiere konnte man dabei beobachten, wie sie wiederkäuend auf Stroh liegen. Glänzende Maschinen und Kuh-Mannequins zeugten von den Wundern der industriellen Milchproduktion. Werbung für Bodengesundheit wurde kaum betrieben, abgesehen vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das sich schwerpunktmäßig mit der Beendigung des Hungers auf der Welt beschäftigte. Allerdings war ich zu erschöpft, um bis zur Halle mit den Biolebensmitteln vorzudringen, die sich ganz am Ende des riesigen Gebäudes befand. Nicht einmal die Gruppe, die Gartenprojekte für Kinder vorstellte, hatte das Thema Boden im Programm. Es gibt also noch viel zu tun.

Land Ho! Erprobe Dein Wissen

Die Grüne Woche erwies sich folglich als höchst schwieriges Gelände, um für die Bedeutung des Bodens zu werben. Aber genau das war mein Auftrag in der Halle mit der Sonderschau des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die für die Botschaft warb: „Eine Welt ohne Hunger ist möglich.“ Sie kann jedenfalls möglich werden, wenn jeder Zugang zu gesundem Boden hat.

Gemeinsam mit dem bekannten KiKA-Moderator Felix Seibert-Daiker hatte ich das Vergnügen, mit Schulklassen von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe eine Quiz-Show durchzuspielen. Trotz des Wirbels rundum waren die jungen Leute aufmerksam bei der Sache. Sie fanden sich in Gruppen zusammen und wählten aus lustigen Kategorien wie Pizza, Mitbewohner und virtuelle Realität, zu denen Fragen über Themen wie Boden, virtueller Flächenverbrauch und Ernährungssicherheit gestellt wurden.

https://vimeo.com/153500774

Klare Botschaften formulieren

„Kein Boden, kein Essen“ ist eine einfache, universelle Botschaft, die jeder versteht und die für Kinder ebenso bedeutungsvoll ist wie für Erwachsene. Im Quiz wurden kaum Bilder vom Boden gezeigt, und es wurde auch nicht versucht, Boden sexy zu machen. Lebensmittel und Tiere eignen sich als Anschauungsobjekte besser, denn unser kreativer Verstand kann die Zusammenhänge leicht herstellen. Zeige das Bild einer köstlichen Pizza. Frage: Welche Zutaten stecken darin und wo kommen sie her? Über 90 Prozent unseres Essens kommen aus dem Boden. Kein Boden. Kein Essen.

Ein weiterer Vorschlag zur Förderung des Bodenbewusstseins bei Jugendlichen (und Erwachsenen): Sprechen Sie vom Boden als einem lebenden Organismus oder System, statt auf Begriffe mit einem wissenschaftlichen und technischen Touch wie Humus zurückzugreifen. Kinder und Jugendliche, vor allem wenn sie in der Stadt aufgewachsen sind, tun sich schwer mit solchen Begriffen, und es kann sein, dass sie gleich zu Beginn das Interesse verlieren. Erwähnen Sie unglaubliche Tatsachen, zum Beispiel dass in einem Teelöffel fruchtbarer Erde mehr Geschöpfe leben als Menschen auf dem Planeten. Das erstaunt mich jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke. Die Bodenfruchtbarkeit hängt vom Leben im Boden ab. Dieser Zusammenhang ist intuitiv einleuchtend, dazu muss man nicht auf die Komplexität des Nährstoffkreislaufs oder Einzelheiten aus der Bodenkunde eingehen. Stellen Sie klar, dass es beim Bodenschutz um den physischen Schutz der dünnen lebendigen Haut des Planeten geht. Hilfreich ist ein Hinweis auf die unglaubliche Geschwindigkeit der weltweiten Bodenerosion (sie entspricht dem Gewicht von 50 afrikanischen Elefanten in der Sekunde) und auf den Flächenverbrauch durch Urbanisierung. Aber Bodenschutz heißt auch, das Leben im Boden zu fördern. Natürlich muss man, wenn man komplizierte Fakten aus der Bodenkunde eindampft, darauf achten, dass die so gewonnene einfache Botschaft korrekt ist und anschließende Fragen mit der knappen Erklärung einiger wissenschaftlicher Ideen zu beantworten sind. Die ganze Geschichte des Bodens in der Komplexität aller damit verbundenen Themen zu erzählen ist bestenfalls schwierig. Gut gemachte Filme wie The Symphony of the Soil, die versuchen, komplexe Zusammenhänge in einem Filmnarrativ darzustellen, können ermüdend wirken, weil sie zu viele Informationen in einen Filmabend packen. Junge Leute verbringen viel Zeit mit sozialen Medien und sie schätzen knappe, zackige Botschaften, das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Nachbarland Nr. 2: Die Schweizer haben leckeren Käse und glänzende Autos. © Amy Green

Bauen Sie auf das Gerechtigkeitsgefühl und die Überzeugungen von Kindern

 Fragen Sie eine Gruppe Kinder, ob unter ihnen Vegetarier sind, und erkundigen Sie sich dann, warum sie diese Entscheidung getroffen haben. Höchstwahrscheinlich werden sie von ihrem Mitgefühl mit Tieren erzählen. Sagen Sie ihnen, dass sie Recht haben. Und liefern Sie ihnen ein weiteres Argument für eine vegetarische Ernährung: virtueller Flächenverbrauch. Mit dem Getreide, das auf einem Hektar Land wächst, kann man 30 Menschen ein Jahr lang ernähren; nutzt man dasselbe Land jedoch, um Rindfleisch zu produzieren, werden nur 3 Menschen satt. Weniger Fleisch zu essen ist ein echter Beitrag zum Bodenschutz, weil damit der Druck auf den Boden zur Lebensmittelerzeugung abnimmt und gleichzeitig der Hunger auf der Welt bekämpft wird.

Nutzen Sie Botschaften, die Mut machen

Ja, Ihr Verhalten ändert etwas; weil jede Entscheidung Gewicht hat (ich mag diesen Teil am Ende des Films Better Save Soil). Oft besteht das Problem bei Kampagnen zum Bodenschutz in fehlenden Informationen darüber, was jeder zur Rettung der Böden beitragen kann. Sobald man die Aufmerksamkeit der Menschen hat, schätzen sie konkrete Vorschläge, was sie tun können, um etwas zu bewegen.

Einige Vorschläge, was jeder zum Bodenschutz beitragen kann:

  • Weniger Fleisch zu essen schützt Böden.
  • Lebensmittelvernichtung einzudämmen rettet Böden.
  • Darauf zu achten, wo und wie Ihr Essen und Ihre Konsumgüter erzeugt werden, rettet Böden.
  • Bioprodukte zu kaufen ist Bodenschutz. Das Bodenleben wird gefördert und die Erosion minimiert.
  • Die Forderung an Ihre Politiker, durch Gesetze und die Umsetzung dieser Gesetze für den Bodenschutz zu sorgen, bringt etwas voran. In Europa arbeitet die Bürgerinitiative People 4 Soil für den Bodenschutz in Europa.

Ich glaube nicht, dass Jugendliche für die Botschaft des Bodens weniger zugänglich sind als Erwachsene. Viele wichtige, aber einfache Botschaften sind nicht schwer zu vermitteln. Jugendliche und Kinder können den fundamentalen Zusammenhang zwischen Boden und Essen genauso gut verstehen wie Erwachsene, wenn sie sich damit beschäftigen. Die Botschaft in Schulen zu verbreiten oder mit Schulklassen zu arbeiten heißt, man hat ein unfreiwilliges Publikum, das erst gehen darf, wenn Sie fertig sind. Das ist hilfreich, aber Sie müssen es als relevant für das Leben der jungen Leute, unterhaltsam und interaktiv präsentieren. Dann könnte es sein, dass sie wirklich anfangen, über das Thema nachzudenken.

Foto oben: Amy Green

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