Headline: Geld drucken für eine nachhaltigere Welt?

Wenn sich beim gemütlichen Sonntagsessen mit der Familie das Gespräch der Frage zuwendet, wie wir die Welt in Ordnung bringen könnten, hat Ihnen Ihre Nichte oder Ihr Neffe möglicherweise schon einmal folgende Frage gestellt: Warum drucken wir nicht einfach Geld und geben es den Armen, um eine bessere Welt zu schaffen?

Vielleicht haben Sie über den Scharfsinn dieser Frage gelächelt und dem Kind erklärt, das sei schlichtweg unmöglich. Sonst würde das Geld seinen Wert verlieren und eine Inflation in Gang kommen. Jedenfalls hätte man es, wenn es denn möglich wäre, bestimmt schon ausprobiert.

Aber sind Sie da ganz sicher?

Es gibt nämlich herausragende Wirtschaftswissenschaftler, die eine ähnliche Idee vertreten. Zum Beispiel arbeiten wir am IASS häufig mit den Schriften von John Maynard Keynes, wohl der berühmteste Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, und er schreibt in seinem bekannten Buch Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes:

„Wenn das Schatzamt alte Flaschen mit Banknoten füllen und sie in geeignete Tiefen in verlassenen Kohlenbergwerken vergraben würde, die dann bis zur Oberfläche mit städtischen Abfällen gefüllt würden, und es dann dem privaten Unternehmergeist nach den erprobten Grundsätzen des laissez-faire überlassen würde, die Noten wieder auszugraben (wobei das Recht dies zu tun, natürlich durch Offerten für die Pacht des Grundstücks, in dem die Noten liegen, zu erwerben wäre), brauchte es keine Arbeitslosigkeit mehr zu geben, und dank der Rückwirkungen würde das Realeinkommen des Gemeinwesens wie auch sein Kapitalreichtum wahrscheinlich viel größer als jetzt werden. Es wäre zwar vernünftiger, Häuser und dergleichen zu bauen, aber wenn dem politische und praktische Schwierigkeiten im Wege stehen, wäre das obige besser als gar nichts.“ (11. Auflage, S. 110)

In neuerer Zeit haben zwei Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, Paul Krugman und Joseph Stiglitz, sowie Ben Bernanke, von 2006 bis 2014 Chef der US-amerikanischen Notenbank, die Idee vertreten, Geld zu drucken, um es zinsfrei an Staaten zu vergeben.

Vor wenigen Monaten hat Adair Turner, ehemaliger Leiter der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority, ein Buch herausgebracht, das nachdrücklich dieselbe Idee befürwortet. In unserer Forschungsarbeit beziehen wir uns oft auf Turners Schriften über das Finanzsystem. Nach seiner Ansicht dürfen wir uns nicht allein auf die Geldschöpfung durch Kredite verlassen, wenn unsere Wirtschaft gut funktionieren soll. Man sollte auch etwas Geld schöpfen, das direkt an Staaten geht, ein Vorgang, den er monetäre Finanzierung oder Fiatgeld-Finanzierung nennt. Hier ein Zitat dazu:

Turner

„Die monetäre Finanzierung zu erlauben ist gefährlich, weil Regierungen Fiatgeld in überhöhten Mengen schaffen und die resultierende Kaufkraft für unwirtschaftliche Zwecke einsetzen könnten. Aber der alternative Weg zu angemessener nominaler Nachfrage – mittels Geldschöpfung über Kredite – ist ebenfalls gefährlich, weil freie Finanzmärkte, die sich selbst überlassen werden, zwangsläufig Kredite in überhöhten Mengen ausgeben und die Mittel unwirtschaftlich einsetzen, was zu instabilem Ab- und Aufschwung, Schuldenüberhang und auf die Krise folgender Rezession führt.

Die Vereinigten Staaten haben in dem Jahrzehnt vor 2008 kein Fiatgeld gedruckt, aber ein gewaltiger Privatkreditboom brachte eine gewaltige Finanzkrise hervor. Irland, weit davon entfernt, Fiatgeld zu drucken, um Haushaltslöcher zu stopfen, nutzte 2008 Haushaltsüberschüsse, um Staatsschulden zu begleichen: Dennoch litt es unter einer massiven Fehlallokation von Investitionen in unrentable Immobilienprojekte. China hätte sich 2009 entscheiden können, die Auswirkungen der weltweiten Rezession mit monetär finanzierten Konjunkturimpulsen abzuschwächen: Stattdessen entschied man sich für die Geldschöpfung über Bankkredite. Dennoch belasten das Land nach wie vor überhöhte Immobilien- und Infrastrukturinvestitionen in vielen Städten und ein schwerer Schuldenüberhang.

Orthodoxe Nationalökonomen verbanden vor der Krise eine Verteufelung der Fiatgeld-Finanzierung mit einer geradezu entspannten Haltung gegenüber der Geldschöpfung durch Kredite. Eine optimale Politik muss sich künftig der Tatsache stellen, dass wir vor der Wahl zwischen verschiedenen Gefahren stehen und weitaus strengere Kontrollen der Geldschöpfung durch Kredite mit einem disziplinierten Einsatz von Fiatgeld-Finanzierung, falls benötigt, kombinieren müssen. Unsere bisherige Weigerung, diese Option zu nutzen, hat das Wirtschaftswachstum gedämpft, zu unnötig harten fiskalpolitischen Sparmaßnahmen geführt und durch das Festhalten an dauerhaft extrem niedrigen Zinsen die Risiken künftiger Finanzinstabilität erhöht.“

Da wir an einem Institut für Nachhaltigkeitsstudien arbeiten, sollte angemerkt werden, dass es viele Verfechter dieser Idee gibt, die meinen, das somit gedruckte Geld sollte zur Finanzierung des ökologischen Umbaus unserer Wirtschaft dienen. Damit würden Arbeitsplätze geschaffen, unser CO2-Fußabdruck würde verringert und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vermindert.

Wenn Ihnen also das nächste Mal ein Kind diese Frage stellt, denken Sie, bevor Sie lächeln, daran, dass sich viele Wirtschaftswissenschaftler, die in unserer Gesellschaft höchstes Ansehen genießen, mit eben dieser Frage beschäftigen und viele von ihnen im intelligenten Einsatz von monetärer Finanzierung eine der Lösungen beim Aufbau einer faireren nachhaltigeren Welt sehen, auf die wir alle hoffen.

Immerhin hätten Turner, Stiglitz, Krugman, Bernanke oder Keynes so auf diese „kindische“ Frage geantwortet.

Header-Bild: ECB European Central Bank, CC-BY-NC-ND 2.0

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