Headline: Internationale Energiepolitik: Kräftegewicht verschiebt sich hin zu erneuerbaren Energien

Die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien IRENA ist als globale Stimme für erneuerbare Energien etabliert, die Internationale Energieagentur IEA gerät unter Modernisierungsdruck.

Am 11. November 2015 stellte die Internationale Energieagentur IEA den World Energy Outlook 2015 in Berlin vor. Die Rede des neu ernannten Exekutivdirektors der IEA, Fatih Birol, zeigte deutlich, dass die IEA unter Modernisierungsdruck steht. Birol wählte sehr klare Worte für die Agenda seiner Amtszeit: Er möchte die IEA reformieren. Die IEA soll globaler Dreh- und Angelpunkt für saubere Energietechnologien und Energieeffizienz werden. Zudem möchte er die Zusammenarbeit mit Schwellenländern außerhalb der OECD-Welt vertiefen. Damit zeichnet sich ein beachtlicher Kurswechsel innerhalb der IEA ab. In der Vergangenheit wurde die IEA immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, in ihren Szenarien über zukünftige Entwicklungen der globalen Energiemärkte den Ausbau erneuerbarer Energien bewusst zu unterschätzen. So unterstreicht eine aktuelle Analyse der Energy Watch Group und der Lappeenranta University of Technology, dass die World Energy Outlooks von 1994 bis 2014 viel zu niedrige Ausbaupfade für Solar- und Windenergie aufzeigten. Diese Vorwürfe wurden zusätzlich durch die Tatsachen genährt, dass sich die IEA bei der Modellierung ihrer Energieszenarien nicht in die Karten schauen lässt und ihre Ergebnisse von Mitgliedsstaaten abgesegnet werden, die zum Teil eng mit den Interessen der konventionellen Energiewirtschaft verschränkt sind. Darüber hinaus erweist sich die beschränkte Mitgliedschaft der IEA zunehmend als Bürde: Mitglieder der IEA können nur OECD-Länder werden; diese stellen aber nur noch 40% der globalen Energienachfrage. Laut Schätzungen des World Energy Outlook 2015 wird ihr Anteil im Jahr 2040 sogar nur noch ein Drittel betragen. Damit sinkt auch der Einfluss der IEA-Mitgliedsstaaten auf Entwicklungen der globalen Energiemärkte.[1]

IRENA als starker Akteur in der Energiepolitik: auch ein Erfolg der deutschen Bundesregierung

Die deutsche Bundesregierung leistete einen entscheidenden Beitrag zur Kräfteverschiebung in der internationalen Energiepolitik. Sie war treibende Kraft hinter der Gründung der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) im Jahr 2011. Die Publikationen „Global governance on renewable energy“ und „IRENA and Germany’s Foreign Renewable Energy Policy“ bieten dazu ausführliche Analysen. Ihren Gründungsauftrag erfüllt die IRENA mittlerweile sehr gut. Als globale Stimme für erneuerbare Energien ist sie etabliert. Dies zeigt auch ihre zentrale Stellung innerhalb der UN Initiative Sustainable Energy for All (SE4All). Dort dient die IRENA als Knotenpunkt für die internationale Zusammenarbeit zu erneuerbaren Energien. Im Gegensatz zur IEA ist die IRENA zudem eine globale Organisation: Ihre Mitgliedschaft steht allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen offen. Unter Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern stößt die IRENA auf großes Interesse. Sie zählt bereits 144 Mitgliedsstaaten.

In den ersten Jahren ihres Bestehens versuchten einige Mitgliedsstaaten der IRENA – allen voran die USA, unterstützt durch Australien und UK, die allesamt auch IEA-Mitglieder sind – das Aufgabenfeld der IRENA auf Entwicklungsländer zu beschränken. Damit wollten sie unter anderem die Rolle der IEA als zentrale Energie-Organisation der OECD-Welt wahren. Vor diesem Hintergrund empfahlen Kirsten Westphal und ich der deutschen Bundesregierung in einem gemeinsamen Politikberatungspapier im Jahr 2012, auch für die deutsche Energiewende die Beratungsleistung der IRENA in Anspruch zu nehmen und damit ein starkes Signal für die globale Reichweite der IRENA zu senden. Heute zeigt sich deutlich, dass die IRENA sich nicht in die Ecke der Entwicklungszusammenarbeit hat drängen lassen. Für das Ziel der UN-Initiative Sustainable Energy for All, bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien am weltweiten Energiemix zu verdoppeln, modelliert die IRENA eine globale Roadmap (REmap 2030). Sie analysiert dazu 26 Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer, die gemeinsam für drei Viertel der globalen Energienachfrage verantwortlich sind. Darunter auch Deutschland.

IRENA-Analyse zeigt: Auch Deutschland kann sein Erneuerbaren-Potenzial stärker ausschöpfen

Die IRENA-Analyse des Erneuerbaren-Potenzials Deutschlands bis zum Jahr 2030 (mit deutscher Zusammenfassung) macht deutlich, dass auch die deutsche Energiewende – die oft als ein internationales Vorbild gehandelt wird – von einem Blick von außen profitieren kann. Die IRENA stellt die Errungenschaften der Förderung erneuerbarer Energien in Deutschland heraus und betont, dass die Erfahrungen der deutschen Energiewende auch über Deutschland hinaus von Bedeutung sind. So unterstreicht sie, dass die deutsche Energiewende andere Länder zu Investitionen in Erneuerbare inspiriert hat. Zudem bietet die deutsche Energiewende auch für andere Länder Lehren für die Gestaltung politischer Rahmenbedingungen und zur Systemintegration fluktuierender Erneuerbarer.

Gleichzeitig zeigt die IRENA-Analyse, dass auch in Deutschland ein ehrgeizigerer Ausbau Erneuerbarer möglich ist. Dabei verweist sie vor allem auf die beiden Energiesektoren, die in der deutschen Energiewende bislang zu wenig Beachtung finden: Wärme und Transport. Sie fordert die Bundesregierung auf, auch in diesen beiden Sektoren erneuerbare Energien gezielter zu fördern und beide Sektoren stärker mit dem Stromsektor zu koppeln. Laut IRENA-Analyse können Erneuerbare bis 2030 in Deutschland 37% des Endenergieverbrauchs und 65% des Stromverbrauchs stellen. Dies übertrifft deutlich die deutschen Zielsetzungen, bis 2030 30% Erneuerbare im Endenergieverbrauch und mindestens 55% Erneuerbare im Stromverbrauch zu erreichen.[2]

Darüber hinaus ist ein weiteres Ergebnis für die deutsche Debatte sehr spannend: Laut IRENA kann Deutschland stärker als geplant auf Biomasse setzen. In der deutschen Energiewende wird Bioenergie eher stiefmütterlich behandelt. Politische Debatten zur deutschen Energiewende erwecken leicht den Eindruck, der Ausbau erneuerbarer Energien beruhe vor allem auf Wind- und Solarenergie. Tatsächlich stellt Bioenergie jedoch den weitaus größten Anteil der erneuerbaren Energieträger am deutschen Primärenergieverbrauch. Während Wind- und Solarenergie große Zustimmung in der Bevölkerung genießen, wird die Nachhaltigkeit von Bioenergie häufig kritisch hinterfragt. Die IRENA unterstreicht nun, dass Biomasse eine nachhaltige Lösung für eine Energiewende im Wärme- und Transportbereich bieten kann. Sie spricht sich auch für eine stärkere Nutzung von Biokraftstoffen aus, insbesondere in der Luftfahrt und dem Frachtverkehr. Wie ich in meinem Blogbeitrag vom Juli 2015 argumentierte, könnte die deutsche Energiewende im Bereich Transport von den brasilianischen Erfahrungen mit Biokraftstoffen profitieren.

Für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung reicht bisheriger Ausbau Erneuerbarer noch nicht aus

Bezüglich der weltweiten Ausbaudynamik erneuerbarer Energien präsentieren die IEA und die IRENA unterschiedliche Zahlen. Der Bericht REThinking Energy 2014 der IRENA legt beispielsweise nahe, dass sich im Jahr 2013 erstmals eine Trendumkehr beim weltweiten Zubau von neuen Stromerzeugungskapazitäten abzeichnete: Erneuerbare Energien stellten mit 58% die Mehrheit.[3] Der World Energy Outlook 2015 der IEA liefert diesbezüglich konservativere Zahlen und spricht von einen Erneuerbaren-Anteil von fast 50%.[4]

Dennoch sind auch die zentralen Aussagen des World Energy Outlook mittlerweile sehr klar: Erneuerbare Energien sind weltweit auf dem Vormarsch. Die Analysen des World Energy Outlook verdeutlichen jedoch auch, dass die bestehenden energiepolitischen Rahmenbedingungen nicht ausreichen, um beschlossene globale Zielsetzungen zu erreichen. So sind die gegenwärtigen globalen Energietrends mit dem 2-Grad-Ziel nicht vereinbar. Und weitaus mehr Anstrengungen sind nötig, um das im September 2015 beschlossene Nachhaltige Entwicklungsziel zu erreichen, allen Menschen Zugang zu nachhaltiger und moderner Energie zu ermöglichen. Der weltweite Ausbau Erneuerbarer kann hierzu einen zentralen Beitrag leisten. Dafür muss er aber schneller als bisher erfolgen.

[1] IEA (2015): World Energy Outlook 2015, S. 57

[2] IRENA (2015): Renewable Energy Prospects: Germany, S. 57

[3] IRENA (2014): REThinking Energy 2014, S. 25

[4] IEA (2015): World Energy Outlook, S. 21

Grafik: IASS/Sabine Zentek

Comments

Kommentar von Manfred Konukiewitz (nicht überprüft) am 30.11.2015 - 19:04

Glückwunsch zu dem Blog-Beitrag. Sehr anregend, und mich regt er zu folgenden Gedanken an:
Deine Botschaft ist ja u.a.: auch DEU kann beim RE Ausbau schneller und ambitiöser vorwärts gehen. Stimmt wahrscheinlich, technisch betrachtet.
Mein „Gefühl“ ist jedoch, dass das Ziel der Energiewende: 80% Emissionsreduktion bis 2050, im wesentlichen durch RE-Ausbau, der fossile Kapazitäten ersetzt; bereits ziemlich ambitiös und durchaus nicht gesichert ist und daher „verteidigt“ werden muß.
Die RE Community argumentiert schon immer von den natürlichen und technischen Potentialen her, und das ist wohl auch politisch richtig in einer Phase, in der der RE-Anteil gering ist.
Wenn der RE-Anteil so groß wird wie in DEU, wird dies problematisch. Es tauchen neue Herausforderungen und Risiken auf, die in die Betrachtung einzustellen sind:
- Systemintegration, Systemstabilität
- Marktdesign
- Kosten (Systemkosten)
- Politische und soziale Akzeptanz (u.a. Nutzen- und Lastenverteilung)
Aus der Expertendiskussion nehme ich mit, dass diese Schwelle bei ca. 35-40% der Stromerzeugung liegt. Da sind wir noch nicht, da wollen wir aber bald sein, auf dem Weg zu einem höheren Anteil. Die Lösungen (technisch, ökonomisch, politisch) für diese Herausforderungen haben wir noch nicht in der Schublade; wir arbeiten dran und sind guter Hoffnung, dass wir sie finden werden.
Mein Eindruck ist, dass sich die RE Community diesen Fragen entzieht.

Kommentar von Armin (nicht überprüft) am 30.11.2015 - 21:25

Die Frage der Systemstabilität ist ein faszinierendes Studienobjekt. Noch vor zehn Jahren war es common sense in der dt. Elektrizitätswirtschaft, dass das Netz nicht mehr als 5 Prozent fluktuierende Erzeugung bewältigen kann. Inzwischen wissen wir es besser. Die spannende Frage ist: Gibt es Schwellenwerte, ab denen das bestehende Netz instabil wird? Falls ja, wo liegen die? Wandelt sich das Netz schnell genug, um diesen Schwellenwert so weit hinauszuschieben, dass er de facto nie erreicht wird?

Da lassen sich unterschiedliche Szenarien denken. Vom Standpunkt des Risikomanagers halte ist es m.E. für unabdingbar, auch Szenarien zu betrachten, in denen es einen solchen Schwellenwert gibt und in denen er auch überschritten wird. Das hätte dann nämlich nicht nur technische Konsequenzen, sondern eventuell auch erhebliche politische Implikationen, sowohl innerhalb Deutschlands als auch weltweit. Insbesondere könnte es auf der politischen Ebene einen erheblichen Rückschlag für RE nach sich ziehen. Ich deute das mal an: Mehrere große Blackouts in Europa, und die RE bekommen Gegenwind. Ich weiß, dass einige von Euch ein solches Szenario für unmöglich halten. Aber die Profis hielten ja auch Anteile von 30% RE für unmöglich.

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