Headline: Nachhaltige Entwicklungsziele müssen Bedeutung von Böden anerkennen

Forschung für eine nachhaltige Bodenpolitik hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Arbeitsbereich am IASS entwickelt. Die transdisziplinären Arbeiten gemeinsam mit unseren Partnern aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik haben Wissen generiert, das die Transformation zu einem nachhaltigen Landmanagement fördern kann.

Um die Böden ist es nicht gut bestellt: Konservativen Schätzungen nach verlieren wir weltweit jährlich 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Boden. Die verfügbare Ackerfläche pro Kopf hat sich von 1960 bis heute halbiert. Boden, diese lebensnotwendige, in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbare Ressource ist aber nicht nur bedroht und knapp, sie ist auch sehr ungleich verteilt – das gilt auch für die Verteilung des Landzugangs zwischen den Geschlechtern. Durch ihre Konsummuster nutzen Länder wie Deutschland Böden in anderen Regionen dieser Erde und sind damit unmittelbar mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen der Bodennutzung verbunden. Um das Ziel eines „safe and just space for humanity“ - so der Titel eines Kapitels im Social Science Report 2013 – zu erreichen, müssen die Böden dieser Erde anders genutzt und gerechter verteilt werden. Die Sustainable Development Goals (SDGs), die im September 2015 verabschiedet und anschließend von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen implementiert werden sollen, bieten hierfür einen geeigneten Rahmen, umfassen sie doch Zielvorgaben zur Reduktion von Bodendegradation und zur Förderung des Zugangs zu Land für besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen.[1]

Nun stellt sich die dringende Frage, wie die erfolgreiche Umsetzung der SDGs durch transformativ wirkendes Wissen unterstützt werden kann. Das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) hat sich dieser Aufgabe gestellt, wie die folgenden Forschungsprojekte zu Böden zeigen. Dabei wird auch deutlich, dass transdisziplinäres Arbeiten dazu beitragen kann, wissenschaftlichem Wissen einen transformativen Charakter zu verleihen.[2]

Ein integrierter Ansatz für die Umsetzung der SDGs

Die Nutzung unserer Böden ist für die SDGs von zentraler Bedeutung. In einem IASS Working Paper zur Rolle von Biomasse in den nachhaltigen Entwicklungszielen haben wir gezeigt, dass allein zur Erreichung der Zielvorgaben zur Nahrungsmittelproduktion Bioenergie und Biomaterialien für industrielle Zwecke bis zu 1015 Millionen Hektar mehr an landwirtschaftlicher Nutzfläche notwendig wären. Dem gegenüber stehen nur sieben Länder, bei denen die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) davon ausgeht, dass in ihnen noch maßgeblich Land in landwirtschaftliche Produktionsfläche umgewandelt werden kann: Brasilien, Demokratische Republik Kongo, Angola, Sudan, Argentinien, Kolumbien und Bolivien. Führt man sich daneben die SDGs zur Bekämpfung des Klimawandels und des Schutzes terrestrischer Ökosysteme vor Augen, werden Zielkonflikte bei der Umsetzung der SDGs sichtbar.

Um diesen Zielkonflikten zu begegnen, ist ein integrierter Ansatz zur Implementierung der SDGs notwendig. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich möchte hier nicht ein Plädoyer für die Neuausrichtung der SDGs halten. Vielmehr gilt es, Mechanismen zur Identifizierung und Auflösung von Zielkonflikten in die Post-2015-Agenda zu integrieren, also in den Follow-up- und Review-Prozess aufzunehmen. Um das zu gewährleisten, müssen die Wirkungen aller SDGs auf die Böden integriert betrachtet werden. Auf nationaler Ebene sollten zum Beispiel partizipative Multi-Stakeholder-Verfahren die Implementierung unterstützen. Dadurch könnten ganz unterschiedliche Formen von Wissen in den Prozess eingespeist, Zielkonflikte identifiziert und ein Raum zur Diskussion von Lösungsstrategien geschaffen werden.

Das IASS hat den SDG-Prozess im Bereich Böden von Beginn an aktiv begleitet. Dabei war der Verhandlungsprozess gleichsam Ausgangspunkt und Adressat der Ergebnisse der Analysen. „Adressat“ ist dabei nicht allein als Rezipient der Ergebnisse zu verstehen. Vielmehr waren die Verhandler in New York Mitgestalter der Forschungsprodukte, da nur so Formulierungen gefunden werden konnten, die die Wahrnehmungen der unterschiedlichen Stakeholdergruppen berücksichtigen. Damit beinhaltet das Erkenntnisinteresse auch eine strategische Dimension, denn Partnerschaften ermöglichten es, gefundene wissensbasierte Positionen mit mehr Gewicht in die Verhandlungen einzuspeisen.

Eine lokale zivilgesellschaftliche Organisation bei der Abbildung und Diskussion der Ressourcennutzung in einem Dorf in Rajasthan, Indien. © Judith Rosendahl
Eine lokale zivilgesellschaftliche Organisation bei der Abbildung und Diskussion der Ressourcennutzung in einem Dorf in Rajasthan, Indien. © Judith Rosendahl

Strategien zur Bodenrehabilitierung entwickeln

Ein Ziel, das mit den SDGs bis 2030 erreicht werden soll, ist es Bodendegradation zu vermeiden. Wenn dennoch Bodendegradation entsteht, soll sie durch Bodenrehabilitierung an anderer Stelle ausgeglichen werden (land degradation neutral world). Dabei stellt sich nicht allein die Frage, wie Bodenrehabilitierung im breiten Maßstab erreicht werden kann. Da Technologien zur Bodenrehabilitierung nicht immer von armen Bevölkerungsgruppen genutzt werden können, ist außerdem offen, wer von der Bodenrehabilitierung profitieren wird.

Nachhaltiges Landmanagement gilt als zukunftsweisender Weg, stellt aber je nach Region ganz unterschiedliche Bedingungen. So wurden zahlreiche Faktoren identifiziert, die sich entscheidend auf die Bewirtschaftung von Land auswirken – und das in Abhängigkeit einer Vielzahl unterschiedlicher politischer, ökonomischer und ökologischer Kontexte. Sie entscheiden darüber, ob sich Bäuerinnen und Bauern für nachhaltiges Landmanagement entscheiden. Da Bodendegradation trotz dieser Fortschritte weiterhin ein zentrales Problem für die Ernährungssicherung in vielen Regionen der Welt ist, zielt die Arbeit des IASS zu Bodenrehabilitierung darauf ab, Ansatzpunkte zur Umsetzung von nachhaltigem Landmanagement zu identifizieren. Zentrale Fragestellungen des Projekts zu Bodenrehabilitierung sind dabei die Steigerung des Anteils organischer Bodensubstanz zur langfristigen Produktivitätssteigerung und die Sicherung von Landrechten. So müssen die Landwirte, die von der Bodenrehabilitierung profitieren, langfristig sichere Rechte an dem rehabilitierten Boden besitzen, um ihre Lebensgrundlage abzusichern. Gemeinsam mit Stakeholdern werden Forschungsagenden zu diesen Themen entwickelt, die in Kooperation mit wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Partnern umgesetzt und deren Ergebnisse als transformatives Wissen zur Anwendung gebracht werden sollen.

Das IASS-Forschungsprojekt zu Bodenrehabilitierung ist Teil der Sonderinitiative Eine Welt ohne Hunger des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das erarbeitete Wissen fließt über die Faktoren des nachhaltigen Landmanagements direkt in konkrete Transformationsprozesse in fünf Partnerländern ein. Gleichzeitig entstehen während des Transformationsprozesses neue Forschungsfragen. Das Projekt steht damit exemplarisch für das Motto „Verändern durch Wissen - Wissen durch Veränderung“, das im Kontext der wissensbasierten Begleitung der Energiewende von IASS-Exekutivdirektor Klaus Töpfer und anderen geprägt wurde.

Bodenpolitik: Menschenrechte stärken

Hunger ist in vielen Regionen auf der Erde ein ländliches Problem. Der Anteil der Landlosen an den Hungernden zeigt, dass der Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen darüber entscheidet, ob Menschen hungern müssen. Menschenrechtsverletzungen im Kontext von Landkonflikten verschärfen das Problem und unterstreichen die Notwendigkeit von Reformen der Bodenpolitik.

Als Reaktion auf die stark angestiegenen Aufkäufe von Land (land grabbing) und die gesellschaftliche Diskussion um ihre Auswirkungen wurden im Rahmen des Committee on World Food Security die Voluntary Guidelines on the Responsible Governance of Tenure of Land, Forests and Fisheries in the Context of National Food Security (VGGT) verabschiedet. Die VGGT sind das erste zwischenstaatliche, auf Menschenrechten basierende Dokument zur Regelung des Zugangs zu Land. Die Verhandlungen fanden als Multi-Stakeholder-Prozess unter Beteiligung der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft statt. Aufgrund dieses inklusiven Verhandlungsprozesses beziehen sich viele Akteure aus Regierungen und Zivilgesellschaft auf das Dokument und verleihen ihm damit Gewicht. Das IASS beteiligt sich an der Förderung der Umsetzung der VGGT unter anderem durch die Formulierung eines sogenannten technical guide zu Gemeingütern (commons). Dabei wird an den Multi-Stakeholder-Charakter der Verhandlungen angeknüpft. Erfahrungswissen von Vertreter(inne)n zivilgesellschaftlicher Gruppen ist ebenso in den Guide aufgenommen worden wie Erkenntnisse von entwicklungspolitischen Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder der FAO und Ergebnisse wissenschaftlicher Analysen.

Wissen kann auf dem politisch strittigen Feld der Landnutzungsrechte auch dadurch transformativ werden, dass diejenigen eine Stimme erhalten, die im öffentlichen oder politischen Diskurs oft nicht gehört werden. Transdisziplinäre Arbeit kann durch den regelmäßigen Austausch auch zum empowerment dieser Bevölkerungsgruppen beitragen. Dafür ist es notwendig, in Multi-Stakeholder-Prozessen zu denken und nicht allein in singulären Momenten der Multi-Stakeholder-Interaktion zu verharren. Angesichts der zunehmenden Anwendung von freiwilligen Instrumenten in unterschiedlichen Bereichen von Global Governance fördert die Auseinandersetzung mit den VGGT darüber hinaus auch die wissenschaftliche Diskussion um effektive globale Regulierungsinstrumente.

Dialoge ermöglichen – Dialoge gestalten

Wie eingangs erwähnt haben Böden – wie andere natürliche Ressourcen – einen Querschnittscharakter innerhalb der SDGs. Dem wird aber in den ausformulierten Zielen nicht ausreichend Rechnung getragen. Bei der Implementierung der SDGs müssen deswegen „Silostrukturen“, also auf die Maximierung der Zielerreichung einzelner Sektoren ausgerichtete Maßnahmen, überwunden werden. Die Erfahrung bei der Organisation der Global Soil Week hat gezeigt, dass die notwendigen Dialoge aktiv gestaltet werden müssen, um verschiedene Formen von Wissen auch tatsächlich in einem Dialog zusammenzuführen. Und noch mehr: Auch Wissenschaft muss sich ändern, wenn sie in Politikprozessen eine Rolle spielen will - an der Notwendigkeit Transformationsprozesse auch wissensbasiert zu begleiten, besteht kein Zweifel. Hierfür ist allerdings Politikberatung, bei der Wissenschaftler Informationen bereitstellen und Politiker diese annehmen, nicht die Lösung. Stattdessen ist ein Dialog gefragt, um Probleme zu verstehen und Antworten auf bestehende Herausforderungen zu finden.

Der Dialog muss dabei nicht allein mit den Entscheidungsträger(inne)n in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gesucht werden. Eine erfolgreiche Post-2015-Agenda setzt neue Wege der Beteiligung von Bürger(inne)n voraus. In der Arbeit zu Böden hat das IASS durch die Mitherausgeberschaft des Bodenatlas und die Produktion der Animationsfilme „Let’s Talk about Soil“ und „Better Save Soil“ versucht, zur notwendigen Sensibilisierung beizutragen. Auch hier gilt: Es ist nicht allein eine Frage der Wissenschaftskommunikation. In der transdisziplinären Arbeit sind diese Aktivitäten selbst Gegenstand der Reflexion, indem sie, beispielsweise, als Hypothesen verstanden, der wissenschaftlichen Überprüfung der Forschungsfrage „Transformationen durch Transdisziplinarität?“ unterworfen werden müssen.

Transdisziplinarität und Governance für die Post-2015-Agenda

Nachhaltigkeitsgovernance ist sowohl ein theoretisches Konzept wie auch ein praktischer politischer Ansatz zur Gestaltung von Nachhaltigkeitstransformationen. Auch rund 25 Jahre nach dem Aufkommen der Governance-Forschung ist es häufig frappierend, wie grundverschieden Praktiker(innen) und Theoretiker(innen) „Governance“ im Munde führen. Die Rolle transdisziplinärer Arbeit ist es, zu einem Dialog zwischen diesen ganz unterschiedlichen Verständnissen beizutragen. Die Erfahrungen aus den oben genannten Projekten zeigen, dass Forschung in Transformationsprozessen – und nicht nur über Transformationsprozesse – notwendig ist, um diese Schnittstellenfunktion zu erfüllen. Im Sinne einer Metareflexion über die transdisziplinäre Arbeit beinhaltet dies auch die kritische Reflexion über die zugrundeliegenden Konzepte und Methoden.

Die Ziele der Post-2015-Agenda stellen nicht zuletzt für Deutschland eine große Herausforderung dar. Um diese zu bewältigen, sind die Beiträge der Wissenschaft zu transformativem Wissen zwingend erforderlich. Die beschriebenen Projekte zeigen aber auch, dass hierfür das Wissenschaftssystem noch konsequenter um die transdisziplinäre Arbeit ergänzt werden muss, um zu transformativem Wissen zu gelangen.

[1] Mit Blick auf die großen globalen Herausforderungen haben die Vereinten Nationen 2010 beschlossen, eine Agenda für die Zeit nach dem Ablaufen der Millenniumsentwicklungsziele zu erarbeiten: die Post-2015-Agenda für nachhaltige Entwicklung, kurz Post-2015-Agenda. In der Agenda sind die Sustainable Development Goals festgeschrieben. Um möglichst viele Länder und Menschen in die Beratungen über diese neue Agenda einzubeziehen, leiteten die Vereinten Nationen im September 2012 einen breit angelegten Konsultationsprozess auf nationaler, regionaler und globaler Ebene ein. https://sustainabledevelopment.un.org/topics/sustainabledevelopmentgoals

[2] Die Gedanken zu Transdisziplinarität, auf die ich mich beziehe, sind maßgeblich Produkt der Diskussionen zwischen Klaus Töpfer, Alexander Müller, Carolin Sperk, Falk Schmidt, Sebastian Unger und mir.

Dieser Artikel erschien zuerst in der GAIA 3/2015.

Header-Photo: Judith Rosendahl

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