Headline: Der Klimawandel und die Phantasie: Interview mit Manjana Milkoreit

Kürzlich hielt Manjana Milkoreit, Postdoktorandin an der Arizona State University, am IASS einen Vortrag zum Thema Phantasie in der Weltpolitik – Klimawandel, das Denken und die Zukunft. In einer anschließenden "Flash Fiction"-Übung entwickelten die Teilnehmer gemeinsam sehr kurze fiktive Geschichten über die Zukunft, in denen die Auswirkungen des Klimawandels Realität geworden sind und die europäischen Gesellschaften darauf reagieren müssen. Milkoreit leitet die Imagination and Climate Futures Initiative und arbeitet an Projekten zur konzeptionellen Entwicklung des Anthropozän mit, zur Schnittstelle zwischen Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsdiplomatie, zu Populärkultur und klimabezogener Mobilisierung sowie zur Natur von Ideologien. Anerkennung fand auch ihre Forschung zur HBO-Serie Game of Thrones als Beispiel für „Climate Fiction”.

 Wir stellten ihr einige Fragen zur Rolle der Phantasie in der Klimapolitik sowie zu ihrer Forschungsarbeit und wollten wissen, ob der Winter kommt.

Manjana Milkoreit is a postdoctoral fellow with the Walton Sustainability Solutions Initiatives at the Julie Ann Wrigley Global Institute of Sustainability at Arizona State University.
Manjana Milkoreit is a postdoctoral fellow with the Walton Sustainability Solutions Initiatives at the Julie Ann Wrigley Global Institute of Sustainability at Arizona State University.

Als ich zum ersten Mal eine Vorlesung in Politikwissenschaft besucht habe, hörte ich, in der Politik gehe es um die vernünftige Anwendung von Macht. Was hat Phantasie mit Politik im Allgemeinen und mit Klimapolitik im Besonderen zu tun?

Politik beginnt immer im Kopf, selbst wenn sie mit rationalen Entscheidungen arbeitet. Ob es nun um einen revolutionären Wandel geht, um die Erfindung der Demokratie oder den Entwurf einer neuen Politik, zum Beispiel zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen, man muss sich eine neue Wirklichkeit vorstellen, die noch nicht existiert. Ein Kognitionswissenschaftler wird Ihnen erklären, dass daran die Phantasie beteiligt ist! Das Interesse an Kognition und Emotion wächst in den Sozialwissenschaften ganz generell; Wissenschaftler interessieren sich dafür, wie das Gehirn funktioniert und wie Emotionen Menschen beeinflussen. Das spezifische Phänomen der Phantasie ist ein mentaler Prozess und ermöglicht uns die Beschäftigung mit wünschenswerten und weniger wünschenswerten Versionen der Zukunft, bevor sie eintreten. Es geht darum, eine Diskussion darüber einzuleiten, wie die Zukunft aussehen könnte und wie wir sie haben möchten. Wenn sich zwischen der wahrscheinlichen Zukunft und unseren Wünschen eine Kluft auftut, brauchen wir einen Weg, der die Kluft überbrückt oder der mit Entscheidungen, die wir heute treffen, unsere Richtung korrigiert.

Für das Thema Klimawandel könnte Phantasie wichtiger sein als für andere politische Gebiete, denn die Entscheidungen, die wir treffen – oder nicht treffen –, werden über sehr lange Zeit Früchte tragen. Zudem ist der Klimawandel selbst eine abstrakte Idee, die Vorstellungskraft erfordert: Man kann ihn weder sehen noch anfassen! Das Gehirn muss Bilder, Ideen und Begriffe – mentale Repräsentationen – schaffen, um das Phänomen real zu machen. Alle politischen Entitäten, die wir nicht mit unseren Sinnen erfahren können – Klimawandel, die Nation, Demokratie –, müssen wir uns vorstellen.

Die Phantasie hilft uns also zu begreifen, welchen Einfluss die langfristige Dynamik auf diesem Planeten darauf hat, wie wir leben. Sie zwingt uns, in komplexen Systemen zu denken, trainiert unseren Verstand in der Kunst, die Beziehung zwischen ökologischen und sozialen Veränderungen zu erkennen. Weil sie uns in die Zukunft versetzt, hat die Phantasie Einfluss auf die Motivation unserer Wünsche in der Gegenwart. Sie prägt unser individuelles und kollektives Verständnis der Wahlmöglichkeiten, die uns offen stehen, und wir begreifen, wie sie diese langfristigen Veränderungsmuster beeinflussen könnten. Die Phantasie schafft geistige Rahmenbedingungen, die uns eine Vorstellung vom Zustand und Funktionieren der Welt und ihrer Richtung geben. Einzelne Entscheidungsträger können diese Hintergrundinformation nutzen und darauf aufbauend politische Entscheidungen treffen oder ihr persönliches Verhalten beim Verfolgen zukunftsorientierter Ziele ändern.

Gleichzeitig stellt sich heraus, dass Menschen nicht besonders gut darin sind, sich die Zukunft vorzustellen. Unsere Fähigkeit, uns Dinge auszumalen, die wir noch nie gesehen haben und die in der Vergangenheit noch nicht passiert sind, ist schwach ausgeprägt. Zum Beispiel wissen wir nicht, was ein Temperaturanstieg um 1,5 Grad Celsius für das menschliche Leben im Jahr 2074 bedeutet im Vergleich zu einem Anstieg um 3 Grad. Die Phantasie brauchen wir, weil sie uns aussagekräftige Repräsentationen der Zukunft gibt und uns in die Lage versetzt, in diesem Kontext politische Ziele festzulegen.

Kunst und Kultur spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich vorzustellen, wie eine Klimazukunft aussieht! Unser Verstand ist nicht dafür geeicht, in Diagrammen und Grafiken die Zukunft zu erblicken. Aber er kann gut Geschichten erzählen und verstehen, denn das war in der Menschheitsgeschichte über Generationen und quer durch Kulturen die wichtigste Form der Informationsübermittlung und des Lernens. Geschichtenerzählen hilft Menschen, die vor komplexen Herausforderungen stehen, es vereinfacht und beleuchtet schwierige Dimensionen der menschlichen Existenz und hilft somit bei Entscheidungen.

Wie kann die Phantasie unsere traditionelle Herangehensweise verändern, mit der wir erforschen, wie Politik gemacht wird?

Bei der Phantasie geht es nicht nur darum zu erforschen, wie das Denken und die Vorgänge im Gehirn individuell ablaufen – das ist nur der erste Schritt. Menschen und ihr individuelles Denken sind tief eingebettet in soziale Zusammenhänge und Netzwerke. Und sie interagieren mit der Natur und der menschengemachten Umwelt, bestehend aus Gebäuden, Städten, Straßen und so weiter. Alle drei Faktoren beeinflussen, was wir uns vorstellen und tun können – also den „Möglichkeitsraum der Existenz“. Wenn mögliche Versionen der Zukunft durch natürliche Vorgänge genauso geprägt werden wie durch soziale, technische und wirtschaftliche Veränderungen, wie interagieren dann diese Teile miteinander?

Die Erforschung der individuell-kognitiven ebenso wie der kollektiv-sozialen Vorstellungsprozesse ist eine Herausforderung. Mentale und emotionale Phänomene sind fließend und der Forschung nicht leicht zugänglich. Wir sind auf ziemlich rudimentäre Beobachtungswerkzeuge und Selbstberichtmethoden (zum Beispiel Interviews und Umfragen) angewiesen. Aber angesichts neuester Forschritte in den Kognitiv- und Neurowissenschaften bin ich zuversichtlich, dass sich unser methodologisches Instrumentarium bald erweitern und uns neue Möglichkeiten zur Erforschung der politischen Phantasie eröffnen wird.

Wenn Menschen schlecht dabei abschneiden, sich die Zukunft vorzustellen, legt das doch den Schluss nahe, dass wir nur Probleme anpacken, die eine klare, gegenwärtige Gefahr darstellen. Glauben Sie, die Phantasie könnte kreativere, langfristige, offene Möglichkeiten der Steuerung von Problemen – oder unserer gesamten Zivilisation fördern?

Das halte ich für möglich. Aber man kann auch die Prämisse infrage stellen, dass die Phantasie immer alles zum Guten wendet. Womöglich beruhen Vorstellungen der Menschen von der Zukunft auf Fehldeutungen, das könnte den Übergang erschweren. Oder vielleicht lenkt die Zukunft psychologisch zu sehr ab und verlangsamt die produktiven Prozesse in der Gegenwart, die wir für die Veränderung brauchen. Und die Phantasie ist ein zweischneidiges Schwert, das das Denken öffnen oder stilllegen kann. Man kann Ideen über eine Version der Zukunft schaffen und somit einen Punkt in einem riesigen Möglichkeitsraum beleuchten. Aber alle anderen Möglichkeiten liegen noch im Dunkeln. Nun zoomt sich unser Gehirn auf diese eine verengte Realität ein und lässt Dinge außen vor, die vielleicht wichtig oder wünschenswert sind. Folglich könnte die Vielfalt der Geschichten, die wir erzählen, ein sehr wichtiger Faktor sein, damit wir nicht in einer Geschichte hängen bleiben.

Erzählen Sie uns von der Imagination and Climate Futures Initiative, die Sie an der Arizona State University leiten.

Die Initiative gibt es seit etwa einem Jahr. Wir wollen die Rolle der Phantasie – oder Phantasielosigkeit – bei der Reaktion des Menschen auf den Klimawandel untersuchen. Gibt es eine Beziehung zur Politik? Mit welchen Methoden können wir den Einfluss der Phantasie verfolgen? Wie kommt es, dass manche Menschen offenbar mehr Vorstellungskraft besitzen als andere, und wie können wir Phantasie fördern? Welche Rolle spielen Kunst und Kultur bei der Anregung der Phantasien über Versionen der Klimazukunft, und können wir solche Phantasien verstärken, damit sich die Öffentlichkeit energischer – auch mit kreativen Reaktionen – der Herausforderung des Klimawandels stellt?

Die Initiative läuft auf drei Schienen. Mit mehreren öffentlichen Veranstaltungen wollen wir mit einem breiten Publikum über Phantasie, Geschichtenerzählen und Versionen der Klimazukunft ins Gespräch kommen. Unsere Lesereihe begann letztes Jahr mit Margaret Atwood. Diesen Herbst freuen wir uns auf den Besuch von Paolo Bacigalupi, Autor von Biokrieg und The Water Knife. Außerdem bauen wir ein Forschungsprogramm auf und integrieren phantasiebezogene Themen wie Climate Fiction (cli-fi) in die Lehre.

Wollen Sie auch Klimamodelle und Strategiepapiere untersuchen, die ebenfalls Imaginäres oder Bilder der Zukunft enthalten könnten?

Auf jeden Fall. Modelle sind das wichtigste Werkzeug für die Phantasien von der Zukunft in der Klimapolitik, und ihre Wirksamkeit wirft viele Fragen auf. Ich beschäftige mich bereits mit Strategiepapieren von Akteuren aus der Wirtschaft und dem Energiesektor. Natürlich schildern sie Zukunftsbilder, in denen die Konzerne nicht nur weiterhin existieren, sondern wachsen und gedeihen, meist in einer Welt, die der heutigen verblüffend ähnelt. Sie gehen einfach für viele kommende Jahrzehnte von einer stabilen Identität aus, ungeachtet der heutigen Signale für eine bevorstehende globale Dekarbonisierung der Wirtschaft, wie etwa die jüngste Erklärung der G7-Staaten zum Klimawandel. Bestimmt ist es interessant zu verfolgen, wie sich diese Papiere und Identitätsannahmen im Lauf der Zeit verändern.

Auch eine damit verwandte Frage beschäftigt mich: In welchem Maße nutzen Künstler und Autoren wissenschaftliche (modellbasierte) Informationen? Müssen ihre fiktionalen Welten wissenschaftlich korrekt sein?

Sprechen wir über Game of Thrones! In einem Blog habe ich gelesen, dass die Handlungsstränge der Serie ein Labyrinth blutrünstiger Intrigen der politischen Elite aufbauen, in dem man sich leicht verirrt. Aber die einzige reale, kollektive, existenzielle Bedrohung rückt aus dem Norden heran – aus den Augen und aus dem Sinn.

Der Winter kommt! Das ist die Verbindung, die Zuschauer zwischen dem Klimawandel und der Serie herstellen. Bei meinen Recherchen habe ich auch sehr viele dieser Blogs gelesen, und es gibt viele andere Parallelen, die Blogger zwischen der fiktionalen Welt von Westeros und der unseren erkennen. Die Klimabedrohung in Game of Thrones mag kalt sein und die unsere heiß, aber es geht auch hier um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und Wasser und das Wohlergehen der Menschen in Abhängigkeit von einer langfristigen Klimaveränderung. Eine zweite Parallele besteht zwischen der Nachtwache und den real existierenden Klimawissenschaftlern und Umweltschützern, die ohne großen Erfolg Anpassungsmaßnahmen und Hilfen fordern. Drittens hängt die fehlende Aufmerksamkeit für die sich abzeichnende Gefahr damit zusammen, dass man sich mit kurzsichtigen, unmittelbaren und teilweise belanglosen Themen beschäftigt wie Machtkämpfen, internen Streitereien und Schulden.

Aber Game of Thrones firmiert nicht ausdrücklich als „Climate Fiction“; Leute, die das Bewusstsein für das Thema schärfen wollen, haben die Serie vereinnahmt.

Aber das zeichnet ja gerade ein gutes Kunstwerk aus: dass es für Interpretation offen ist. Umwelt- und Klimaaktivisten haben die Verbindung zwischen den Themen der Serie und ihren eigenen Überlegungen und Überzeugungen zum Klimawandel geknüpft; sie instrumentalisieren sozusagen die Serie und ihre Popularität für politische Zwecke. Ihre Botschaft an die Öffentlichkeit lautet: Wenn ihr die Ereignisse in der Serie so und so beurteilt, dann solltet ihr bestimmte Dinge im wirklichen Leben auch so beurteilen! Die Game-of-Thrones-Metapher hilft den Menschen, ein schwieriges Thema zu verstehen und emotional zu bewältigen, ein Thema, das chaotisch und umstritten ist und auf der moralischen Ebene Schuldgefühle weckt! Verknüpft man es nach dem Huckepackprinzip mit einem Phänomen der Populärkultur, ist das Thema leichter zu verdauen und man kann beispielsweise bei Tisch über den Klimawandel reden. Über die Serie erreichen politische Akteure zudem wohl weit mehr Menschen, als es je mit IPCC-Berichten gelingen dürfte.

Als Mitarbeiter des IASS, eines Instituts, das zwischen Wissenschaft und Gesellschaft Brücken bauen will, überlege ich: Hat Zugänglichkeit eine dunkle Seite? Verwässert sie etwa die Ernsthaftigkeit des Problems oder verdreht sie irgendwie die Tatsachen?

Ja, ich denke, die Gefahr besteht, wenn man die Metapher überspannt. Wie brauchbar diese Form der politischen Kommunikation ist, hängt weitgehend davon ab, welches Stadium die öffentliche Debatte erreicht hat. In Deutschland ist ein Game-of-Thrones-Blog zum Klimawandel vielleicht weder nötig noch wirkungsvoll. In den Vereinigten Staaten leuchtet es ein, Menschen mit einer vereinfachten Botschaft hereinzuholen, damit sie sich überhaupt engagieren. Wenn es um kompliziertere Überlegungen geht – zum Beispiel sollen wir eher die Anpassung an den Klimawandel oder den Klimaschutz finanzieren – sind Blogs vielleicht nicht mehr so sinnvoll.

Headerbild: istock/Balacz Kovacs

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