Headline: Wider den Wachstumswunschpunsch!

Wider den Wachstumswunschpunsch: ein Einwurf von Philipp H. Lepenies
Wider den Wachstumswunschpunsch: ein Einwurf von Philipp H. Lepenies

Wachstum ist auch nicht mehr, was es war. „Qualitativ“ soll es heute sein. „Pro-poor“, „inclusive“, „sustainable“, „green“, sogar „smart“. Kann man sich nicht auf ein Attribut einigen, tun es auch Kombinationen: „Smart, sustainable and inclusive growth“ (EU-Kommission), „sustained, inclusive and sustainable growth“ (UN) oder „inclusive pro-poor green growth“ (Weltbank). Was wie ein zauberhafter Wachstumswunschpunsch klingt, dessen Genuss alle Probleme des 21. Jahrhunderts lösen kann, ist heiße Luft. Es ist völlig unklar, ob sich die Wunschparameter qualitativen Wachstums auf den Entstehungsprozess oder die Verwendung der durch Wachstum generierten Einkommen beziehen. Und welches Land wird auf Wachstum verzichten, nur weil es bestimmte qualitative Normen nicht erfüllt? Oder Wachstumseinbußen hinnehmen, nur um „pro-poor“ zu sein? Das Problematischste ist aber, dass es qualitatives Wachstum nicht gibt. Denn was Wachstum ist, ist klar und unmissverständlich in einer internationalen Konvention festgelegt. Wachstum ist die Zuwachsrate des BIP, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Eine Qualifizierung ist gar nicht vorgesehen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Wachstum das Ziel praktisch aller Regierungen – unqualifiziertes Wachstum. Man muss kein Wachstumsgegner sein. Aber man sollte nicht so tun, als könne Wachstum etwas, was es per Definition gar nicht leisten kann. Lassen wir Wachstum Wachstum sein und kümmern wir uns um die Dinge, die man mit qualitativem Wachstum erreichen will, für die man Wachstum aber gar nicht unbedingt braucht: Armutsbekämpfung, Inklusion, Nachhaltigkeit usw.

Photo: istock/Wicki58

Dieser Blog-Beitrag erschien zuerst auf der Website der Denkwerkstatt Zukunft.

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