Headline: Boulder: Eine Stadt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

Boulder ist die Heimat zahlreicher Initiativen für mehr Nachhaltigkeit.
Boulder ist die Heimat zahlreicher Initiativen für mehr Nachhaltigkeit.

Gerade komme ich von einer Reise in die USA zurück, wo ich an einem Workshop über Zukunftsperspektiven in der Erforschung arktischer Luftverschmutzung teilgenommen habe. Ursprünglich hatte ich vor, hier über den Workshop zu berichten. Diesen Artikel möchte ich aber verschieben und stattdessen über meine Erfahrung in der Gastgeberstadt Boulder, Colorado, schreiben – eine Stadt mit zahlreichen Initiativen für mehr Nachhaltigkeit.

Die „Volksrepublik Boulder“ ist eine der glücklichsten amerikanischen Städte – und eine der nachhaltigsten

Einmal abgesehen von der atemberaubenden Lage der Stadt in den Ausläufern der Rocky Mountains muss ich sagen, dass ich nur wenige Kommunen kenne, die so viel Wert auf Nachhaltigkeit, lokale Orientierung und Umweltbewusstsein legen wie Boulder. Auch als „Volksrepublik Boulder“ bekannt, war diese aufgeschlossene Stadt mit ihren rund 100.000 Einwohnern schon in den 1960er Jahren ein Anziehungspunkt für Hippies. Dank progressiver Politik hat sie eine einzigartige Entwicklung durchgemacht. Boulder war die erste Stadt in Colorado, die das Rauchen in Kneipen verbot und sich im Bundesstaat für die Legalisierung von Marihuana einsetzte. Die Stadt belegt in den Vereinigten Staaten dauerhaft den Spitzenplatz bei Wohlergeben und Lebensqualität: Sie ist führend in der Umfrage zu den „10 Happiest Cities“ (Moneywatch.bnet.com); sie ist die Nummer eins unter „America’s Top 25 Towns to Live Well“ (Forbes.com) und steht auf Platz zwei einer Liste von Städten, die erfasst, wie viele Leute mit dem Rad zur Arbeit fahren (U.S. Census Bureau).

Mir stellte sich die Frage, wie eine Kommune sich in punkto Umweltbewusstsein einen so guten Ruf erwerben kann, und ich beschloss, ein bisschen tiefer zu graben. Zuallererst verkörpert die Stadt das Konzept „lokal leben“, was im Wesentlichen heißt, dass die Bewohner von Boulder Alltag, Arbeit und Freizeit im eigenen Kiez ansiedeln, also die Firmen vor Ort unterstützen, Nachhaltigkeit praktizieren und Boulders natürliche Ressourcen hüten wie ihren Augapfel.

Nachhaltigkeit fördern: Boulder ist die Heimat zahlreicher Initiativen

Viele Städte in aller Welt haben sich Aktionspläne und Strategien zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen und anderen Umweltschäden ausgedacht, Boulder hingegen gehört zu den wenigen, die keine nennenswerten Anstrengungen unternommen haben, eine kommunale Nachhaltigkeitsvision zu entwerfen. Das erledigen kommunale und Non-Profit-Programme, die wichtige Nachhaltigkeitsziele anstreben und sich weitgehend am Leitgedanken der Zusammenarbeit orientieren - das heißt, das „Wir“, und nicht das „Ich“, steht im Vordergrund. Der Bezirk Boulder hat einen Umwelt-Nachhaltigkeitsplan verabschiedet, der zu mehr lokaler Mitwirkung bei Strategien zum Schutz und zur Erhaltung natürlicher Ressourcen, zur Reduzierung von Müll und Verschmutzung, zur Förderung eines gesunden Lebensstils und einer gesünderen Umwelt aufruft.

Hier sind nur einige Beispiele für erfolgreich umgesetzte grüne Initiativen, die in der Kommune breiten Rückhalt finden:

  •  BuildSmart ist ein grünes Bauprogramm für Wohnungsneubauten, das Anfang 2008 eingeführt wurde; es enthält Vorschriften und Empfehlungen zur Steigerung der Energieeffizienz, zur Einsparung von Wasser und Ressourcen und zur Reduzierung des Abwassers, das bei neuen Bauvorhaben anfällt.
  • EnergySmart ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Boulder, des Bezirks Boulder, der Stadt Longmont, der Energieversorger und des US-Energieministeriums. Der Service bietet technische Hilfe, Informationen, Mittel, Finanzierung und Rabatte, die Firmen bei der Verbesserung ihrer Energieeffizienz unterstützen.
  • 10 FOR CHANGE CHALLENGE ist ein kostenloses Programm, bei dem sich Firmen verpflichten, ihren Energieverbrauch um 10 Prozent jährlich zu senken. Teilnehmer profitieren etwa von Hilfen bei der Steigerung der Energieeffizienz, bei der Unternehmensentwicklung und bei der Öffentlichkeitsarbeit. Teilnehmende Firmen vernetzen sich zudem und tauschen sich über bewährte Verfahren im Bereich Nachhaltigkeit aus.
  • Das Boulder’s Water Conservation Program kooperiert mit Unternehmen, die drinnen und draußen Wasser sparen wollen. Das Programm bietet Landschaftsberatung und Rabatte zur Verbesserung der Wasserbewirtschaftung. Die effiziente Wassernutzung führt zu niedrigeren Wasser- und Stromkosten und ist für die Nachhaltigkeit der Kommune förderlich.
  • PACE bietet als kostenloses Programm im Bezirk Boulder den einheimischen Unternehmen technische Hilfe bei der Verbesserung ihrer Energieeffizienz, ihres Abfallmanagements und der Senkung ihres Wasserverbrauchs. PACE engagiert sich als Partnerschaft von Kommunalverwaltungen vor Ort dafür, eine ökologisch nachhaltige Geschäftswelt zu schaffen.

Erneuerbare Energiequellen spielen eine wichtige Rolle auf Boulders Weg zur Nachhaltigkeit

Bemerkenswert ist auch, dass Boulder 2006 eine „Kohlenstoffsteuer“ auf Strom aus fossilen Energieträgern eingeführt hat, die erste ihrer Art in den Vereinigten Staaten. Die Steuer wird von Haushalten, Geschäften und industriellen Stromkunden entrichtet; wer weniger Energie verbraucht, zahlt auch weniger. Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne sind von der Steuer befreit. Die Kohlenstoffsteuer bringt jährlich Einnahmen von 1,8 Millionen US-Dollar, und diese Mittel fließen in den Klimaaktionsplan der Stadt. Mit dem Geld werden überdies Bildungsarbeit, Energieaudits und Energieberater mitfinanziert, die Einwohnern und Firmeninhabern helfen, Schwachstellen in der Energieeffizienz aufzuspüren; außerdem wird in den öffentlichen Nahverkehr und in Mehrzweckerholungswege investiert. Damit konnte Boulder seine Treibhausgasemissionen senken und verfügt nun landesweit über mit die höchste installierte Photovoltaikleistung pro Kopf, wie aus einem Bericht der Stadt hervorgeht. Solche Vorteile haben die öffentliche Unterstützung für die Kohlenstoffsteuer zementiert, sodass 2012 82 Prozent der Wähler für eine Verlängerung des Programms um weitere fünf Jahre stimmten.

Schließlich hatte ich Gelegenheit, mit einigen der bezaubernden und stolzen Einwohner Boulders zu sprechen, die allesamt betonen, dass „niemand Boulder besitzt“. Das führt mich zu der Überlegung, dass diese Aussage auch global zutrifft: Wir als Gesellschaft besitzen den Boden nicht, auf dem wir gehen und arbeiten. Er ist nur geborgt, und aus diesem Grund sollten wir ihn respektieren und pflegen. Sobald die Menschen auf diese Tatsache aufmerksam werden, sind wir imstande, als Kommune so zu funktionieren wie die Volksrepublik Boulder.

Quellen:

Kent E. Portney Taking Sustainable Cities Seriously: Economic Development, the Environment, and Quality of Life in American Cities, Bd. 67, MIT 2003.

http://www.boulderdowntown.com/business/going-green-downtown

http://www.bouldercounty.org/doc/landuse/2012buildsmartcode.pdf

http://www.smartgrowthamerica.org/

Photo: Campus of the University of Boulder, (c) istock/twilightproductions

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