Headline: Die Energiewende 2014

Da das Jahr 2014 nun definitiv hinter uns liegt, ist es an der Zeit für eine Bestandsaufnahme, welche Entwicklungen es in der Energiewende gab und welche Kernfragen für 2015 maßgebend sein werden. War 2014 ein gutes Jahr für die ehrgeizige Energiestrategie Deutschlands? Welche positiven Ergebnisse sind zu verbuchen und welche Punkte bereiten Sorge?

Die Energiewende ist ein umfassendes Programm, das darauf abzielt, Deutschland zu einer nachhaltigeren Energieversorgung zu führen, dabei die Emissionen von Treibhausgasen (THG) drastisch zu senken und zugleich die Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Effizienz zu stärken. Die wesentlichen Säulen dieser Politik sind der Ausbau der erneuerbaren Energien (EE) wie Wind und Sonne, eine Senkung des Verbrauchs durch Energieeffizienz, der Ausstieg aus der Kernenergie (der 2022 abgeschlossen sein soll) und die schrittweise Zurückdrängung fossiler Energieträger.

In den letzten zehn Jahren hat die Energiewende erhebliche Erfolge erlebt, darunter den rasanten Start der Erneuerbaren, aber sie war auch mit Hindernissen konfrontiert und zog Kritik auf sich, zum Beispiel wegen der hohen Strompreise für Privathaushalte und des langsamen Absinkens der THG-Emissionen, das hinter den Erwartungen zurückblieb.

Für viele dieser Streitfragen wird 2014 als das Jahr gelten, in dem sich positive Trends festigten und die Überwindung einiger Hindernisse in greifbare Nähe rückte; hingegen wurden andere Probleme bestenfalls teilweise angegangen und könnten in den kommenden Jahren eine wachsende Belastung darstellen.

Der Stromsektor wird grüner

Anteil der Energieträger an der Bruttostromerzeugung 2014 (Angaben zu 2013 in Klammern)

Die erste gute Nachricht aus 2014 ist der stetig wachsende Anteil der Erneuerbaren im Stromsektor, der sich heute auf 25,8 Prozent der Bruttostromerzeugung beläuft. Das Wachstum bei Windkraft, Photovoltaik (PV) und Biomasse entspricht den Erwartungen, und das Ziel für 2020 (40 Prozent Erneuerbare) wird höchstwahrscheinlich erreicht.

Umgekehrt ist eine stetige Abnahme des Beitrags fossiler Energieträger zur Stromerzeugung zu verzeichnen. 2014 erreichte die Stromerzeugung aus Steinkohle das zweitniedrigste Niveau seit 1990 (noch niedriger lag es 2009, ein statistischer Ausreißer aufgrund der Wirtschaftskrise). Der Gasverbrauch im Stromsektor ist ebenfalls gesunken, eine Fortsetzung des Trends seit 2011. Leider verbleibt die Nutzung von Braunkohle auf einem hohen Niveau, ein Trend, der seit zehn Jahren ungebremst anhält.

Die Kernenergie blieb 2014 konstant, weil keine Reaktoren stillgelegt wurden.

Das Stromnetz bleibt stabil, Preise für Haushalte könnten sinken

Bruttostromerzeugung und -verbrauch

Eine oft geäußerte Sorge betrifft das Risiko, die zunehmende Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen könnte den Ausstieg aus der Kernkraft nicht ausgleichen und zu Versorgungsengpässen oder einer wachsenden Abhängigkeit von Kohle führen, um die Lücke zu schließen. Erschwerend käme hinzu, dass naturgemäß Strom aus Wind und PV nicht ständig verfügbar ist und deshalb hohe Anteile an Erneuerbaren die Netzsicherheit gefährden könnten.

Die Daten aus 2014 zeichnen ein optimistischeres Bild: Die Stabilität des deutschen Netzes nimmt tatsächlich zu, und es kommt nur sehr selten zu Stromunterbrechungen. Die Gesamtproduktion ist weit davon entfernt, Versorgungslücken aufzuweisen: 2014 erzeugte Deutschland erneut mehr Strom, als es benötigte, was Nettoexporte von 34 TWh zur Folge hatte. Dementsprechend setzt sich beim Großhandelsstrompreis der Abwärtstrend fort, der 2008 begann, und im Jahr 2014 lag er im Durchschnitt unter 40 Euro/MWh.

Der Anstieg der Strompreise für Privathaushalte, der im vergangenen Jahrzehnt zu verzeichnen war, wurde 2014 gebremst, und Experten prognostizieren für 2015 eine mögliche leichte Preissenkung.

Senkung des Energieverbrauchs

Schwankungen des Primärenergieverbrauchs 2014, nach Energieträger Quelle: AG Energiebilanzen

Bemerkenswert war im vergangenen Jahr auch der fast fünfprozentige Rückgang im Primärenergieverbrauch (d.h. quer durch alle Sektoren, einschließlich Transport). Das kann zwar zumindest teilweise dem milden Winter zugeschrieben werden, der zum Beispiel den zum Heizen benötigten Energiebedarf senkte, aber damit wird auch ein eher struktureller Trend deutlich: Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich der Energieverbrauch in Deutschland stabilisiert oder ist sogar gesunken, obwohl das BIP stetig gewachsen ist.

Entwicklung des Primärenergieverbrauchs, der Stromerzeugung und der Energieeffizienz

Entwicklung des Primärenergieverbrauchs, der Stromerzeugung und der Energieeffizienz Quelle: AG Energiebilanzen, Statistisches Bundesamt

Das bedeutet, dass sich die Auswirkungen des BIP-Wachstums auf den Energieverbrauch abgeschwächt haben und dass sich Energieeffizienzmaßnahmen als wirksam erweisen. Das ist ein positives Signal für künftigen Fortschritt in diesem Bereich.

Das Ergebnis: THG-Emissionen sinken endlich

THG-Emissionen nach Sektor

Die wichtigste Nachricht des Jahres 2014: Das Zusammenspiel von wachsender Stromerzeugung aus Erneuerbaren und einem insgesamt verminderten Energieverbrauch hat zu einem höchst willkommenen Absinken der THG-Emissionen geführt. Die Gesamtemissionen aus dem Energiebereich (die über 90 Prozent aller Emissionen ausmachen) sind schätzungsweise um ~30 Mt CO2-Äquivalente gesunken; im Stromsektor wurden die CO2-Emissionen um fünf Prozent reduziert. Dieses Ergebnis hat eine praktische und zugleich symbolische Bedeutung: Es zeigt, dass die Energiewende sich endlich im Hinblick auf Emissionssenkungen „auszahlt“, und es erhöht in dem Moment, in dem Zweifel angemeldet wurden, die Wahrscheinlichkeit, dass die Ziele für 2020 erreicht werden.

Ausblick: Vor welchen Herausforderungen steht die Energiewende?

Im Jahr 2015 werden Wind und Sonne ihren Anteil am Energiemix weiter steigern, und damit wird es umso wichtiger zu analysieren, wie das System gestaltet werden sollte, um die wachsenden Mengen an erneuerbarem Strom, der schwankend eingespeist wird, bestmöglich aufzunehmen. Die Tatsache, dass Deutschland im Jahresdurchschnitt keine Stromversorgungslücke aufweist, sollte nicht die erheblichen Schwankungen verschleiern, die von Tag zu Tag (und manchmal von Stunde zu Stunde) auftreten:

Tägliche Stromerzeugung aus Wind und Sonne

Es gibt Tage, an denen die Stromerzeugung aus Erneuerbaren sehr gering ausfällt und die Nachfrage hauptsächlich durch konventionelle Kraftwerke gedeckt wird, an anderen Tagen ist sie so hoch, dass sie drei Viertel des Bedarfs deckt. Diese Spitzenwerte tragen zu negativen Energiepreisen bei, was 2014 insgesamt 64 Stunden lang der Fall war. Niedrige oder negative Preise senken die Wirtschaftlichkeit von Kapazitätsreserven (vor allem in Form von konventionellen Kraftwerken), die Deutschland immer noch benötigt. Und selbst in einem langfristigen Szenario, in dem die Erneuerbaren über 90 Prozent des Strombedarfs decken, wird man nach Bedarf verfügbare Energiequellen brauchen, um die Spitzenlastnachfrage zu befriedigen.

Die Debatte um dieses Problem wird 2015 zweifellos an Bedeutung gewinnen; zu den vorgeschlagenen Lösungen gehört die Einrichtung eines Kapazitätsmarkts; andere Ansätze zielen darauf ab, die schwankende Einspeisung der Erneuerbaren durch die Umwandlung von Strom in Brennstoffe (power-to-gas, power-to-liquid) auszugleichen.

Im letzten Sommer verabschiedete der Bundestag eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes , die unter anderem angepasste Ziele für die Förderung der Erneuerbaren, flexible Einspeisevergütungen und einen Marktprämienmechanimus vorsieht, wobei der Schwerpunkt auf Kostendämpfung liegt. Einige Klauseln gaben Anlass zur Kritik, und die Auswirkungen dieser Reform auf den Stromsektor müssen genau beobachtet werden, vor allem im Licht der geplanten Ablösung der Einspeisevergütung durch ein Ausschreibungsverfahren (im Fall von Photovoltaik beginnt diese Maßnahme bereits im April 2015).

Auf jeden Fall darf das gute Abschneiden der Erneuerbaren im Stromsektor die Probleme in den größeren Zusammenhängen nicht verschleiern: In Deutschland entfällt nur ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs (und rund 40 Prozent der THG-Emissionen) auf Strom; sonstiger Energiebedarf, zum Beispiel Verkehr und nichtelektrische Heizungen, wird vorwiegend durch fossile Energieträger gedeckt.

Deutschlands Gesamtenergieverbrauch 2014, nach Energieträger

Wie im Diagramm gezeigt, fällt in der umfassenderen Betrachtung der Anteil der Erneuerbaren auf 11,1 Prozent, ein Niveau, das in den letzten 5 Jahren nicht wesentlich gestiegen ist. Überdies macht der Beitrag der Biomasse hier den Löwenanteil aus; Sonne und Wind liefern gemeinsam weniger als 3 Prozent des deutschen Energieverbrauchs.

Wenn wir den Stromsektor grüner machen, ergeben sich daraus unmittelbar niedrigere Emissionen, und das reicht vielleicht, um die Ziele für 2020 zu erreichen; aber wie sieht es mit den nächsten Meilensteinen aus? Wie wird man insbesondere mit der Nutzung fossiler Energieträger für Heizung und Transport umgehen? Derzeit ist das, mit Ausnahme sektorübergreifender Energieeffizienzmaßnahmen, eine weitgehend offene Frage. Heizungsanlagen für Wohngebäude sind immer noch hauptsächlich auf fossile Energieträger angewiesen, und 2014 wurden über die Hälfte der neu gebauten Wohnungen mit Erdgasheizungen ausgestattet. Unter den 44 Millionen Fahrzeugen im deutschen Transportsektor gibt es nur 24.000 Elektroautos – zu dem von der Bundesregierung vorgegebenen Ziel von einer Million Plug-in-Fahrzeugen im Jahr 2020 ist es noch ein weiter Weg.

Das von der Regierung im vergangenen Dezember vorgelegte Klimapaket enthält in dieser Hinsicht einige Maßnahmen; sie gehören zu einer umfassenden Anstrengung, die Senkung der THG-Emissionen mit Blick auf 2020 zu beschleunigen. Ob sie 2015 und in den kommenden Jahren Früchte tragen, wird maßgeblich dafür sein, die Energiewende auf Kurs zu halten.

Photo: istock/vschlichting

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