Overline: Interview
Headline: In der Arktis sind die Auswirkungen des Klimawandels besonders spürbar

Der Arktische Ozean ist besonders stark vom globalen Temperaturanstieg betroffen, weshalb ein Mehr an Wissen über diesen besonderen Lebensraum notwendig ist. Mit sechs Studien zum Thema stellen das Ecologic Institut und das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) die Arktische Meeresumwelt und die Umweltbelastungen vor, der sie ausgesetzt ist. Im Interview stellt Hauptstudienautorin Nicole Wienrich vom IASS das Projekt und sein Ergebnis vor.

Nicole Wienrich
Nicole Wienrich IASS/Lotte Ostermann

1. Gerade werden vom IASS vier Studien zum Thema Meeresschutz in der Arktis veröffentlicht. Was ist das Ziel dieser Arbeiten?

Nicole Wienrich: Mit den Fallstudien möchten wir einen Überblick über Themen geben, die für den Meeresschutz in der Arktis relevant sind. Insgesamt haben wir zusammen mit unseren Kollegen und Kolleginnen vom Ecologic Institut sechs Studien erstellt: Jeweils einen Bericht zu den fünf arktischen Küstenstaaten und einen, in dem die Informationen für die ganze Arktis zusammengeführt sind. In den Studien geht es um eine Charakterisierung der arktischen Meeresumwelt, aber auch um wesentliche Belastungen. Dabei gehen wir unter anderem darauf ein, welche soziokulturelle und wirtschaftliche Rolle Aktivitäten wie die Fischerei, die Schifffahrt oder die Förderung von Erdöl und Erdgas in den verschiedenen arktischen Staaten haben. Im letzten Teil geben wir dann jeweils noch einen Überblick über Regulierungen, Vorschriften und Instrumente, die zum Schutz der arktischen Meeresbiodiversität eingesetzt werden oder eingesetzt werden könnten.

2. Welche grundsätzliche Empfehlung können Sie als Hauptautorin bezüglich des Meeressschutzes in dieser Region geben?

N. W.: Ganz grundsätzlich sollte das Thema Meeresschutz in der Arktis stärker vorangetrieben werden. Die Zeit drängt, da die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis besonders stark zu spüren sind und neben der Meeresumwelt die einheimische Bevölkerung vor große Herausforderungen stellt.

Das bestehende Netzwerk von Meeresschutzgebieten in der Arktis müsste erweitert werden, um Lebensräume für Meeresbewohner zu schützen. Gleichzeitig müssen auch andere Schutzmaßnahmen eingeführt und koordiniert werden, um den Schutz der arktischen Ökosysteme und die nachhaltige Nutzung der Ressourcen der Region sicherzustellen. All diese Maßnahmen brauchen eine angemessene Finanzierung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit der lokalen Bevölkerung sowie über Sektoren und Ländergrenzen hinweg.

Zudem sind auch Maßnahmen in anderen Regionen der Welt nötig, da viele der Belastungen denen die arktische Meeresumwelt ausgesetzt ist, ihren Ursprung in menschliche Aktivitäten in anderen Regionen der Welt haben.

3. Welchen Hauptbelastungen ist die biologische Vielfalt in den arktischen Meeresgebieten ausgesetzt?

N. W.: Der Klimawandel stellt aktuell sicher eine der Hauptbelastungen dar. Bedingt durch die globale Erwärmung heizt sich die Arktis rapide auf. Und zwar substanziell schneller als der globale Durchschnitt. Dieser rasche Temperaturanstieg verändert die arktischen Meeresökosysteme bereits tiefgreifend - und wird dies weiterhin tun - mit noch unbekannten Folgen für die Region und die ganze Welt.

Die beobachteten Temperaturerhöhungen führen beispielsweise dazu, dass sich die Verbreitung von Meeresorganismen wie Fischen verschieben. Insgesamt gibt es dabei eine Verschiebung der Verbreitungsgebiete Richtung Norden. Dies ist jedoch problematisch für Arten, die bereits im hohen Norden leben und kaum Ausweichgebiete zur Verfügung haben. Auch können weniger mobile Arten wie beispielsweise Korallen oder Schwämme kaum durch Abwanderung auf die Veränderungen reagieren.

Gleichzeitig erweitern sich durch das Schmelzen des Meereises in der Arktis die Möglichkeiten, die Öl- und Gasreserven, Fischbestände und Seewege der Arktis zu nutzen. Eine verstärkte Nutzung wiederum wird unweigerlich Umweltbelastungen hervorrufen und bringt ein erhöhtes Risiko von Meeresverschmutzung mit sich.

4. Welche Rolle spielen Meeresschutzgebiete in der Arktis?

N. W.: Meeresschutzgebiete haben sich international als unverzichtbare Instrumente erwiesen, um die Gesundheit der Meere zu erhalten. Sie bieten Rückzugsgebiete für seltene, bedrohte Arten. Sie ermöglichen es im Idealfall, ein Gleichgewicht zwischen Meeresschutz und nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung zu schaffen. Allerdings ist die Ausweisung von Meeresschutzgebieten oft komplex und langwierig. Zudem beziehen sich die Maßnahmen auf klar definierte Gebiete, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Meeresschutzgebiete durch die Auswirkungen des Klimawandels gegebenenfalls in Zukunft nicht mehr die Arten oder Artengruppen enthalten, zu deren Schutz sie geschaffen wurden.

Deshalb werden zusätzlich zu Meeresschutzgebieten dringend andere Werkzeuge und Maßnahmen benötigt, um die Meeresumwelt zu schützen. Dazu zählen beispielsweise Maßnahmen zur Schiffsführung, die sich an der aktuellen Verbreitung von Meeressäugern orientieren oder spezielle Fangbeschränkungen für die Fischerei. Zudem wäre wichtig darüber nachzudenken, wie dynamische Komponenten des Ökosystems — etwa das Meereis — geschützt werden können.

5. Welche Aspekte haben Sie bei Ihrer Recherche überrascht?

N. W.: Mich hat vor allem die Schnelligkeit der Umweltveränderungen überrascht. Und ich fand es sehr inspirierend, mehr über die indigene Bevölkerung in der Arktis und ihre starke Verbundenheit mit der Meeresumwelt zu lernen.

6. Welche laufenden multilateralen Prozesse sind für den Meeresschutz in der Arktis von besonderer Bedeutung?

N. W.: Im Arktischen Ozean, wie auch in anderen Meeresgebieten, gelten das internationale Völkerrecht sowie verbindliche internationale Abkommen und Regelwerke zur Nutzung und zum Schutz der Meere und ihrer Ressourcen. Zwei wichtige, laufende multilaterale Prozesse sind die Entwicklung des "Post-2020 Global Biodiversity Framework" im Rahmen des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (CBD) und die Entwicklung eines internationalen rechtsverbindlichen Instruments über den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt der Meere in Gebieten jenseits der nationalen Zuständigkeit im Rahmen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen.

Das post-2020 Global Biodiversity Framework wird Ziele und Vorgaben für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt bis 2030 enthalten. Zu den Zielen, über die derzeit verhandelt wird, gehört bis 2030 mindestens 30 Prozent der Erde durch ein gut vernetztes und wirksames System von Schutzgebieten und andere wirksame gebietsbezogene Maßnahmen zu erhalten. Wenn dieses Ziel im Dezember dieses Jahres bei der CBD-Vertragsstaatenkonferenz in Montreal angenommen wird, würde es die Notwendigkeit unterstreichen, in der Arktis weitere Meeresschutzgebiete auszuweisen.

Das geplante internationale Instrument über den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt der Meere in Gebieten jenseits der nationalen Zuständigkeit wiederum soll einen übergreifenden Rechtsrahmen bieten, der auch in der Arktis Anwendung findet. Damit ist ein weiterer Impuls gegeben, um Governance-Ansätze für diese Region auszuarbeiten.

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