Headline: Gesundheitsfachleute an vorderster Front für nachhaltige Entwicklung

Die Natur hat viele Schutzfunktionen, die wir durch die Urbanisierung verlieren. Aktivitäten in der Natur können positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.
Die Natur hat viele Schutzfunktionen, die wir durch die Urbanisierung verlieren. Aktivitäten in der Natur können positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. istock/vitomirov

Für die heutige Entwicklungsagenda gibt es kein dringenderes Thema als den Klimawandel, der mit vielen nachhaltigkeitsrelevanten Fragen im Zusammenhang steht. Mehr und mehr kommt man zur Einsicht, dass sich die globale Herausforderung, die der Klimawandel darstellt, besser durch bereichsübergreifende Zusammenarbeit angehen lässt. Das hat mich als Gesundheitsexpertin von dem auf den ersten Blick weit entfernten Gebiet der öffentlichen Gesundheit zum IASS geführt. Erstmals hieß mich das IASS im Jahr 2016 willkommen – mit einem dreimonatigen Forschungsstipendium, in dessen Rahmen ich die Fachliteratur zu den gesundheitlichen Folgen von Stickstoffdioxid aufarbeitete. Diese Zusammenarbeit führte schließlich zu einem größeren Projekt. Dabei bot mir das IASS die Möglichkeit, vertieft zu untersuchen, in welchem Zusammenhang die Luftqualität in Berlin mit dem Anstieg von Atemwegserkrankungen wie Asthma und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) steht. Es handelt sich hierbei um das Projekt, das ich aktuell in Zusammenarbeit mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin umsetze.

Als Gesundheitsexpertin ist mir klar, dass Gesundheit sehr breit zu fassen ist und nicht einfach als die reine Abwesenheit von Krankheit betrachtet werden darf. Und ich weiß, dass das Wohlbefinden der Menschen eindeutig mit der Gesundheit des Planeten, auf dem wir leben, verbunden ist. Meine Forschung zum Thema Luftverschmutzung und Gesundheit soll aufzeigen, in welchem Umfang unser Wohlbefinden mit unserer Umwelt verknüpft ist. Sie soll verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass wir uns um unsere Umwelt kümmern.

Menschen können auf einem kranken Planeten nicht leben

Vor diesem Hintergrund ist erfreulich zu erleben, dass Ärzte dazu ermutigt werden, als Verfechter des Umweltschutzes aufzutreten. Und tatsächlich sind gesundheitliche Konsequenzen sichtbare Folgen von Umweltzerstörung. Es ist auch äußerst beachtenswert, dass wichtige medizinische Konferenzen, die ich in jüngster Zeit besucht habe, als Plattform dienten, um medizinische Fachleute zu Umweltbewusstsein zu ermutigen. Sie betonten den Nutzen, den die Erhaltung der biologischen Vielfalt für die menschliche Gesundheit hat.

In Zukunft werden Einzelpersonen und Gemeinschaften eine größere Rolle bei der Gestaltung der Gesundheitsversorgung spielen, doch wir dürfen uns nicht allein auf die menschliche Gesundheit konzentrieren: Die Menschen können auf einem kranken Planeten nicht leben. Somit bedeutet es nicht, dass wir unserem Planeten einen „Gefallen“ tun, wenn wir ihn schützen, denn wir bekommen etwas dafür zurück. Diese Themen wurden in jüngerer Zeit bei zwei Konferenzen zur Atemwegsgesundheit einem medizinischen Fachpublikum vorgestellt: bei der 9. Weltkonferenz der International Primary Care Respiratory Group (IPCRG), die im Mai 2018 in Porto abgehalten wurde, und bei der 12. Generalversammlung der Globalen Allianz gegen Atemwegserkrankungen (GARD), die im August 2018 in Helsinki stattfand.

Naturverbundenheit, Schutz der Biodiversität: das beste Rezept für eine gute Gesundheit.
Naturverbundenheit, Schutz der Biodiversität: das beste Rezept für eine gute Gesundheit. Sebastien Couderc

Der Weg nach vorn: ein von Menschen gesteuertes Gesundheitswesen

In Porto hatte ich das Privileg, Co-Chair einer Veranstaltung zum Thema chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und Umwelt zu sein. Die während der Sitzung vorgestellten Abstracts thematisierten die Weitergabe von Daten zu zwei Aspekten: zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung in Gebäuden sowie zu Interventionen für die Bekämpfung chronischer Lungenerkrankungen im Fall geringer Ressourcen. Die Bekämpfung chronischer Atemwegserkrankungen in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen war ein besonderer Schwerpunkt der Konferenz. Viele Vortragende sprachen über die Notwendigkeit, vor der Planung von gesundheitsrelevanten Interventionen lokale Stakeholder einzubeziehen. Sie schlugen vor, dass dies durch sogenannte „Priorisierungsprozesse“ erreicht werden könnte. Dabei hätten Stakeholder vor Ort die Gelegenheit, die lokalen Bedürfnisse in Bezug auf Gesundheitsforschung zu identifizieren.

Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit war der Höhepunkt des Kongresses die Plenarversammlung. Hier schlugen die Rednerinnen und Redner vor, dass wir zuerst einmal darüber nachdenken, warum wir überhaupt gesund sein müssen. Wie es Fachpersonen aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit oft tun, zitiere ich in diesem Zusammenhang Arthur Schopenhauer, der sagte: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.” Aus dieser Perspektive ist Gesundheit also notwendig, damit man „alles“ erleben kann – Momente mit nahestehenden Menschen in vollen Zügen genießen, auf Konzerte oder zu Ausstellungen gehen und so weiter. Hierbei kommt dem Wohlbefinden eine größere Bedeutung zu als den „Ambitionen des öffentlichen Gesundheitswesens“, wie es die Wissenschaftsjournalistin und Autorin Vivienne Parry bei der IPCRG-Konferenz ausdrückte. Gemäß Parry verfolgt das öffentliche Gesundheitswesen normalerweise drei Ziele: 1.) die Beherrschung von Risiken, 2.) die Organisation von Gesundheitssystemen und 3.) eine Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft. Parry sprach über ihre Zukunftsvorstellungen eines „von Menschen gesteuerten Gesundheitswesens“. Sie erörterte diesen von ihr erwarteten Wandel vor dem Hintergrund einer „Demokratisierung“ des Gesundheitswesens und erklärte, wie künftig die Entscheidungsgewalt von Gesundheitsfachleuten auf Einzelpersonen und Gemeinschaften übergehen werde. Laut Parry werden die Patienten in der nahen Zukunft ihre eigenen medizinischen Akten mit von ihnen selbst generierten Daten in der Cloud verwalten und dabei von virtuellen Gesundheitsassistenten unterstützt werden. Der Hauptschwerpunkt werde statt auf der Behandlung von Krankheiten auf der Erhaltung des Wohlbefindens liegen. Krankenhauszimmer würden in der Folge schließlich in eine Art Schlafzimmer umgewandelt werden. Als abschließende Prognose sagte Parry voraus, dass Länder mit niedrigem Einkommen zu Vorreitern werden. Zusammengefasst trat bei der IPCRG-Konferenz die Ansicht zutage, dass Patienten und Gemeinschaften in Zukunft eine führende Rolle bei der Gestaltung der Gesundheitsversorgung einnehmen werden.

Menschliche Gesundheit und Gesundheit des Planeten

All das wirft die Frage auf, ob Einzelpersonen und Gemeinschaften lernen müssen, nicht nur für ihre eigene Gesundheit, sondern auch für die Gesundheit des Planeten zu sorgen. Schließlich können wir auf einem kranken Planeten kein gesundes Leben führen. Es handelt sich hierbei um ein im medizinischen Bereich aufkommendes Konzept, das dank der Unterstützung der Rockefeller-Stiftung und der Fachzeitschrift The Lancet bei vielen Konferenzen mehr und mehr ins Zentrum der Diskussionen rückt.

Die 12. Generalversammlung der GARD fand vom 30. August bis zum 1. September 2018 am Nationalen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt (THL) in Helsinki in Finnland statt. Das übergeordnete Thema dieses Treffens war „The Natural Step to Respiratory Health“ („Der natürliche Schritt hin zu Atemwegsgesundheit“), wobei die „planetare Agenda“ ein stark diskutierter Aspekt dieses Themas war.

Die Redner Tari Haahtela und Nikolai Khaltaev riefen uns den gesundheitlichen Nutzen und Schutz, den die Natur uns bieten kann, in Erinnerung. Eines der wichtigsten Ergebnisse war die Verabschiedung des Dokuments „Helsinki Alert of Biodiversity and Health“. Darin werden eine Reihe von Punkten angesprochen, die für eine Verbesserung der Atemwegsgesundheit von Bedeutung sind:

  • der Verlust der Schutzwirkung durch die Natur infolge von Urbanisierung
  • die wichtige Rolle der biologischen Vielfalt für die Erhaltung der menschlichen Gesundheit
  • die Notwendigkeit für Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften, sich in der Natur zu betätigen; dies bringe eine ganze Reihe gesundheitlicher Vorteile und verbessere das Wohlbefinden insgesamt sowie die psychische Gesundheit
  • die Bedeutung von Aktivitäten wie Gartenarbeit und Zugang zu Grünflächen in oder in der Nähe von Wohngegenden als Mittel zur Verringerung von Allergien bei Kindern und zur Stärkung des Immunsystems

Die medizinische Gemeinschaft im Bereich der Atemwegsgesundheit wurde dazu ermutigt, über Umweltprobleme wie Erderwärmung und Luftverschmutzung als Risikofaktoren für die Atemwegsgesundheit nachzudenken. Auf der anderen Seite wurden sie auch aufgefordert, häufige Risikofaktoren für die menschliche Gesundheit aus der Perspektive der natürlichen Umwelt zu betrachten. Zum Beispiel fördert der Anbau von Tabak in zahlreichen Ländern die Wüstenbildung, während unsere nicht nachhaltigen Lebensmittelsysteme den massiven Einsatz von Insektiziden, Herbiziden, Fungiziden sowie Begasungsmitteln und Dünger erforderlich machen.

Neue Perspektiven für die öffentliche Gesundheit

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass beide Konferenzen wichtige Themen zur Sprache gebracht haben, die zukünftige Ansätze im Bereich der öffentlichen Gesundheit prägen könnten und sollten. Als Gesellschaft müssen wir damit anfangen, uns zu überlegen, wie unser Handeln nicht nur die menschliche Gesundheit, sondern auch die Gesundheit unseres Planeten beeinflusst. Gesunde Menschen können nicht auf einem kranken Planeten leben. Wie dies an der GARD-Versammlung erörtert wurde, sind manche Dinge sowohl für die menschliche Gesundheit als auch für den Planeten schlecht (Rauchen, Autos, Chemikalien). Andere sind sowohl für die menschliche Gesundheit als auch für den Planeten vorteilhaft (körperliche Betätigung, nachhaltige Ernährung). Und schließlich gibt es Dinge, die zwar für die menschliche Gesundheit gut, für den Planeten jedoch schlecht sind (Antibiotika, Gesundheitstechnologien, energieintensive Krankenhäuser). Es ist deshalb von grundlegender Bedeutung, dass wir bei unseren Alltagsentscheidungen Umsicht walten lassen und uns daran erinnern, dass die Erde die beste bisher „erprobte“ Heimat der Menschen ist. Wir müssen sorgfältig mit ihr umgehen, denn auf einem kranken Planeten können wir kein gesundes (und glückliches) Leben führen.

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