Headline: Wie sich Klimawissenschaftler fühlen

Würden wir uns klimafreundlicher verhalten, wenn wir in Gesellschaften mit geringeren Einkommensunterschieden lebten? Der Wettbewerb um Status führt zu Stress.
Würden wir uns klimafreundlicher verhalten, wenn wir in Gesellschaften mit geringeren Einkommensunterschieden lebten? Der Wettbewerb um Status führt zu Stress. istock/ljubaphoto

In einem Artikel las ich kürzlich: Klimawissenschaftler sollten häufiger sagen, wie sie sich fühlen. Und ruhig auch mal „Fuck“ sagen.

VERDAMMT!

Da rollt eine Katastrophe auf uns zu. Eine Katastrophe, die wir Menschen verhindern könnten. Und wir schaffen es nicht, unsere selbstsüchtigen Lebensstile zu verändern, die für diese Katastrophe mitverantwortlich sind!

Wer ich bin?

Ich bin Sozialwissenschaftlerin in Ausbildung (will heißen, ich habe noch keinen Doktor), die sich damit beschäftigt, wie Lebensstile und Verkehrsverhalten zusammenhängen, und welche Maßnahmen verschiedene Gruppen dazu bringen könnten, Flugreisen zu vermeiden. Und keine Autos mehr zu benutzen. Und keine Kreuzfahrten mehr zu machen. Jedenfalls bis wir das Problem mit den Emissionen gelöst haben. Aber das wollen die meisten wohl nicht.[1]

Welche Katastrophe?

Wir wissen seit vielen Jahren, dass menschengemachte Emissionen den Klimawandel verursachen. Dennoch steigt die Zahl der Flugreisen kontinuierlich an. Das Statistische Bundesamt vermeldet einen Rekord: Noch nie sind so viele Passagiere von deutschen Flughäfen aus gestartet. Allein im Jahr 2017 waren es 5,1 Prozent mehr Fluggäste als im Vorjahr. Und neben dem Flugverkehr wachsen auch der Warenkonsum, der Autoverkehr, die Emissionen.

Klimaforscher haben nachgewiesen: Wenn sich nicht massiv etwas in unserem Verhalten ändert und wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlen, wird es mehr Stürme geben, und sie werden heftiger, und sie kommen früher. Erst am 16. Mai 2018 tobte ein Tornado durchs beschauliche Boisheim in Nordrhein-Westfalen; so etwas hatte man dort noch nie gesehen.
Es wird mehr starke Regengüsse und Überschwemmungen geben, die Häuser zerstören, in deren Fluten Menschen ertrinken, und deren Folgen Menschen wirtschaftlich ruinieren und psychisch stressen.
In einigen Regionen wird das Zeitfenster, in dem man säen und die Ernte einholen kann, immer kleiner. Mancherorts sind die Böden zu nass. An anderen Orten wird’s zu trocken.
Infolgedessen werden Menschen ihre Heimat verlassen und anderswo ein Zuhause suchen. Das wird politische Konflikte verursachen.
Arten werden aussterben, da sie nicht an die aktuellen Klimabedingungen angepasst sind. Und die Klimaveränderungen – die menschengemachten – vollziehen sich schneller als je zuvor in der Erdgeschichte. Außerdem stressen wir Menschen das, was von der Natur noch übrig ist, ja noch mit  Gift und Müll, mit Überdüngung, Verlust von Habitaten durch Landwirtschaft, Flächenverbrauch durch Siedlungsflächen und Verkehrswege, Energieerzeugung. Die Liste ließe sich fortsetzen …  So sterben Arten aus – zunächst lokal, dann regional, dann flächendeckend. Die Gefährdungen etablierter Ökosysteme sind bereits immens.

Zu jedem Beispiel könnte ich eine Geschichten erzählen. Aber das mache ich, um der Kürze willen, nicht in diesem Artikel.

Mit dem Auto zur Arbeit, mit dem Flugzeug in die Ferien – viele empfinden das als normal.
Mit dem Auto zur Arbeit, mit dem Flugzeug in die Ferien – viele empfinden das als normal. istock/egdigital

Warum wir nicht handeln?

Weil wir in einem stahlharten Gehäuse der Moderne eingesperrt sind. Stahlhart, aber ausgepolstert wie eine Gummizelle. Shiny. Flauschig. Bei uns hier im westlichen Europa zumindest, unter aufgeklärten Akademiker*innen. Der Konsumismus. Ein Hamsterrad aus Arbeit, Reproduktion und Statussuche in der verbliebenen Freizeit. Hätten wir weniger Statusstress, wie in „gleicheren“ Gesellschaften mit geringeren Einkommensunterschieden, hätten wir mehr Zeit, könnten wir uns klimafreundlicher und netter verhalten. Und die anderen, in anderen Teilen der Erde, streben ja oft auch in dieses Konsumparadies, mit Autos, Fernsehern, jahreszeitlich wechselnder Mode und jahreszeitlich unpassender Nahrung.

Wie’s mir damit geht?

Diese Entwicklung, diese Borniertheit macht mich traurig. Und wütend. Unruhig. Unzufrieden. Wahnsinnig! Unglücklich! Jedenfalls, wenn ich es an mich heranlasse. Wenn ich mir dessen bewusst bin, und dessen, was ich tue und tun könnte.
Um nicht ständig traurig, wütend, unruhig, unzufrieden, wahnsinnig und unglücklich zu sein, lasse ich mich allzu oft auf die unmittelbaren Logiken um mich herum ein. Lasse mich ablenken, reise, treffe Freunde, lerne interessante Menschen kennen, versuche meine Arbeit als Wissenschaftlerin gut zu machen. Ich versuche mich in den Trott des Paper-Schreibens, Angemessen-auf-Konferenzen-Aussehens, Andere-auf-Konferenzen-fliegen-Sehens, Über-den-letzten-tollen-Kurzurlaub-Redens, Konzepte-Abstimmens einzufinden. Und lerne meditieren, um mit meinem Stress und den mich betreffenden Widersprüchen umgehen zu können. Einatmen, Ausatmen. Einatmen…

Ist es noch Wissenschaft, wenn man ein brennendes Herz hat?

Ein paar Einschränkungen. Erstens. Von wem spreche ich, wenn ich „wir“ sage? Ich bin eine der reichen[2], weißen, westlich sozialisierten Privilegierten, die verhältnismäßig wenig vom Klimawandel abbekommen werden. Wenn ich „wir“ sage, meine ich Menschen, die mir irgendwie ähnlich sind. „Wir“ sind all diejenigen, die imperiale Lebensmöglichkeiten haben und diese auch nutzen.[3] Auf Kosten der Regenerationsfähigkeit der Natur und der Armen dieser Welt. Und auch auf unsere eigenen Kosten, schließlich trifft uns Klimawandel auch. „Wir“ wissen das alles. Dieser Widerspruch zu „unserer“ Handlungsweise macht es für mich umso schmerzhafter.
Zweitens. Dieser Beitrag ist nicht rein wissenschaftlich. Er beschreibt, wie es mir in Reaktion auf die wahrgenommenen wissenschaftlichen Fakten und die beobachteten Realitäten geht. Mein Gefühl verkürzt dabei, und natürlich empfinde ich  nicht immer gleich. Besonders nahe gehen mir die langsamen Schritte und Widersprüche im Klima- und Umweltschutz, wenn mich weitere Dinge belasten. Wie Berufseinstieg. Pendeln. Findung einer neuen Welt. Unklare Aufgaben. Unstimmigkeiten im Team. Aber ein eigenständiger Teil sind eben auch inhaltliche Widersprüche. Der verbreitete Stress unter Klimawissenschaftler*innen hat inzwischen auch einen eigenen Namen: „Prätraumatische Belastungsstörung“. Das ist, wenn Klimawissenschaftler*innen darunter leiden, dass sie wissen, was auf die Welt zukommt, aber nicht gehört werden.

Wenn es mir nahegeht, frage ich mich: Soll ich es mir wirklich gemütlich machen in meiner privilegierten Position, an meiner Karriere basteln, keine Formulierungen in Umfragen verwenden, die darauf schließen lassen, dass erforschte Maßnahmen realisiert werden sollen, um den Klimawandel zu begrenzen?[4] Seelenruhig zuhören, wenn Kolleg*innen von erflogenen Kurzurlauben oder Konferenzflügen erzählen?

Was ich tue.

Ich fliege nicht. Ich esse vegetarisch. Ich repariere meine Klamotten, kaufe fair, und wenn ich es einmal nicht tue, habe ich ein richtig schlechtes Gewissen. Oft legen mir die Konventionen des Arbeitslebens nahe, mich anders zu  verhalten, als ich es für richtig halte. Dann ärgere ich mich. Ich versuche, möglichst „richtig“ zu leben, möglichst klima- und umweltfreundlich,  aber das ist manchmal ganz schön anstrengend. Manchmal denke ich frustriert: Wir wissen, was passiert, wir wissen, was wir tun könnten, aber wir tun’s nicht. Menschliche Gewohnheiten, Glückserwartungen, Statussuche, Kultur, Rechtsordnung, Einkommensverteilung bilden ein stahlhartes Gehäuse.

Gott.

Man sagt, Menschen können besser mit Naturkatastrophen umgehen als mit menschengemachten Unglücken. Aber wir wissen, dass CO2-Emissionen menschengemacht und tödlich sind und unglücklich machen. Zwar habe ich hier von „stahlhartem Gehäuse“ der aktuellen Institutionen gesprochen, gleichzeitig weiß ich, als Sozialwissenschaftlerin: Alles ist menschengemacht, konstruiert, kontingent. Es könnte alles anders sein.

Und trotzdem können wir den Klimawandel vielleicht nicht verhindern, weil so viele Menschen an ihren aktuellen Routinen hängen. Das macht mich manchmal wahnsinnig.

Jede einzelne schafft das System, und das System beschränkt unsere Handlungsspielräume. Weil wir hier und jetzt nicht stören wollen, schaffen wir es nicht, uns andere Regeln zu geben. Welche Regeln? Nur ein paar unkomplizierte Beispiele für den Anfang: Kerosin hoch besteuern, Fahrradschnellwege flächendeckend bauen, das Dienstwagenprivileg abschaffen, Werbung beschränken. Wir alle wissen, was der gesunde Menschenverstand uns sagt – und wer es braucht, findet auch große Studien, die es belegen: Veränderungen heute sind viel billiger sind als die Aufräumarbeiten später, wenn wir weitermachen wie bisher. Die globale Ungerechtigkeit, dass wir Privilegierten mit durchsichtigen Ausreden das Leben vieler Menschen und von unschuldigen anderen Lebewesen schwer machen, macht mich sauer und traurig.

Was ich damit sagen will?

Es wurde gefragt, wie Klimawissenschaftler*innen sich fühlen. Und darauf muss ich sagen: öfter mal auch so: VERDAMMT!

Wir müssen uns verändern. Aber tun’s nicht. Das stresst mich. Was ihr damit macht: euer Ding. Ich würd’s euch gerne  vorschreiben, aber das geht aus gutem Grund in einer Demokratie nicht.[5] Adieu, Eisbär, Biene, Trauerschnäpper. Adieu, jede sechste Tierart. Tschüss, erwartbare Ernteerträge, Küste Bangladeschs, Ozeanien. Gehab dich wohl, politische Stabilität, liebe Seelenruhe.  Es war schön, euch kennengelernt zu haben, und ich hätte unsere Beziehung gerne fortgesetzt.

Eine Einschränkung. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin und strikt den Fakten verpflichtet. Einige Punkte sind in ihrer Dramatik unsicher: Ob zum Beispiel wirklich jede 6. Art ausstirbt, ist umstritten. Erstmal wandern sie gen Norden und in die Höhen; da es dabei dank Zerschneidung der Ökosysteme viele Sackgassen gibt, werden in jedem Fall viele dabei sterben. Der Eisbär mischt sich mit dem Grizzly und wird vielleicht zum Prizzly. Welchen Anteil der Klimawandel an Konflikten hat und wer genau damit als Klimaflüchtling gilt, ist fraglich.

Trotzdem bleibe ich dabei: An ziemlich vielen Verschärfungen haben wir Menschen entscheidenden Anteil, selbst wenn sich dieser nicht exakt prozentual bestimmen lässt.

Post Skriptum

Gegen meinen Text ist eingewandt worden: Indem ich den Blick auf den Einzelnen richte, „Lebensstile ändern“, laste ich dem Individuum die Verantwortung auf und spreche das Gesamtsystem beinahe frei. Man könne im Falschen gar nicht richtig leben, ich solle mir und anderen nicht zu viel zumuten.

Das möchte ich natürlich nicht. Wir brauchen auf jeden Fall neue kollektive Regelungen, in den Gesetzen, Schulen, Betrieben, in der Freizeit. Andere Anreize.
Aber wie kommen wir da hin? Die psychologische Forschung hat herausgefunden: Wir passen nicht nur unser Verhalten an unsere Werte an, sondern ebenso unsere Werte an unser Verhalten. Wenn nun alle sich dem hingeben, all die hübschen, glänzenden, leider klima- oder umweltschädlichen Dinge zu tun, sind alle verleitet, diese Dinge auch zu verteidigen. Deshalb möchte ich mit Emphase ausdrücken, dass ich es für wichtig halte, manchmal nicht den leichtesten, glänzendsten Weg zu gehen.

Denn es gibt Möglichkeiten. Nicht fliegen. Kein Fleisch essen. Kein Auto fahren. Sich mit anderen organisieren und Bio im Großhandel bestellen. Vergessene Obstbäume beernten. Klamotten ausbessern und lange tragen. Wenig konsumieren. Das macht – jedenfalls mir  – sogar ziemlich viel Spaß. Das geht, auch heute schon.[6]

Persönliche Wut ist vielleicht nicht gerechtfertigt. Niemand sollte sich überfordern. Man sollte keine strenge Öko-Elite fordern, die nicht mehr versteht, wie „normale“ Menschen ticken. Irgendwie bleibt es eine Strategiefrage: Wie kommen wir zu einer klimafreundlicheren, faireren Welt[7]? Wie schaffen wir neue Regelungen? Was ist effektiv? Wieviel können wir vom Einzelnen fordern?

Was den Ton angeht: Gefühle, um die es hier ging, kennen keine Strategie, sie sind einfach da. Die fassen auch mal unwissenschaftlich zusammen und werden polemisch. Trauer, Wut, Verzweiflung. Unruhe.   

Ich hoffe, ihr seid trotzdem mit dabei, uns andere Bedingungen zu geben, sodass es leicht und schön wird, fair und klimafreundlich zu leben!

 

[1] Würde ich einen emotionsarmen, reflektierten, wutfreien Beitrag schreiben, schriebe ich vielleicht etwas wie „Wie kommen wir in einer demokratischen Gesellschaft dazu, dass sich die progressive Minderheit der ‚early performers‘ zur Mehrheit entwickeln kann?“. Aber in diesem Beitrag geht es mir um Gefühle, die manchmal eben zugespitzt formuliert werden wollen.

[2] Reich? Akademikerin in Deutschland. Global: reich.

[3] Also so grob:„wir“ Mittelklasse in industrialisierten Ländern, auch wenn es da auch sicher große Unterschiede gibt.

[4] Ja, das ist unter Umständen sauberer.

[5] In einer Demokratie sollte niemand etwas diktieren können, das ist auch meine Überzeugung. Allerdings finde ich, dass die derzeitigen Demokratien strukturell zu kurzfristig arbeiten, und mich macht diese Trägheit und Zukunftsblindheit manchmal wütend.

[6] Aber ja, es umfasst bestimmte Lebensstil-Entscheidungen.

[7] Und um Fairness oder gutes Leben kann es auch in der Wissenschaft gehen. Beispielsweise ist jede Emissionsberechnung letztlich ein Versuch, Fairness möglich zu machen. Die Auswahl der Forschungsfrage setzt ein Thema, nimmt einen Blickwinkel ein. Ich möchte mit dem, was ich erforsche, einen Beitrag zum gemeinsamen guten Leben leisten.

 

Comments

Kommentar von Horst Bröhl-Kerner (nicht überprüft) am 29.06.2018 - 13:36

Ein interessanter und in vielem sehr gut nachvollziehbarer Beitrag. Allerdings würde ich mir gerade von einer Sozialwissenschaftlerin (ich selbst bin, oder war mal, Physiker) eine differenziertere Auseinandersetzung erwarten mit der Aussage: "Jede einzelne schafft das System, und das System beschränkt unsere Handlungsspielräume". Wie kommt die Machtverteilung in diesem System zustande, und was erhält und legitimiert sie? Warum können ganzseitige Anzeigen in Tageszeitungen erscheinen mit der Forderung, dass "auch in der Zukunft die Freiheit des Fliegens grenzenlos ist", während qualifizierte Aussagen zu den Folgen des Massen(flug)tourismus bestenfalls auf Wissenschaftsseiten oder im Feuilleton abgehandelt werden? Warum können Wissenschaftler*innen und NGOs noch so viele Beweise für die Schädlichkeit und Überflüssigkeit von Verbrennungsmotoren liefern, aber die Politik in Brüssels und Berlin wird von der Autolobby bestimmt? Oder allgemeiner: was sind die Hebel, um an diesem System etwas zu verändern, ausser dem Arbeiten am eigenen Lebensstil?
Die traditionellen politischen Ansätze zeigen immer wieder ihre Beschränktheit, aber vielleicht geht es ja doch auch anders?

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