Headline: Armutsorientierte Ressourcen-Governance in der Praxis

Seit einigen Jahren herrscht zunehmend Einigkeit darüber, dass die Anpassung an den Klimawandel eine vielschichtige Herausforderung darstellt, die nicht mit einfachen Lösungen bewältigt werden kann. So wurden Begriffe wie „integriert“, „Mehrebenen-“ und „umfassend“ verwendet, um die erforderlichen Maßnahmen zu kennzeichnen; sie alle verweisen darauf, dass die Komplexität des Problems zu berücksichtigen ist!

Gut, diese Botschaft haben wir verstanden, aber es bleibt die Frage: Wie sollte diese Anpassung in der Praxis aussehen? Können wir – die „Klimaleute“ – wirklich Anpassungsmaßnahmen entwickeln, ohne ins Feld zu gehen und uns mit denen zu befassen, die im Klimakampf an vorderster Front stehen? Ohne einen direkten Dialog mit der armen Landbevölkerung? Gewiss nicht. Doch zugleich müssen wir bis zu einem bestimmten Grad von spezifischen Kontexten abstrahieren. Wir dürfen nicht auf der Ebene einzelner Fallstudien und Maßnahmen verharren; es können und sollten allgemeinere Lehren gezogen werden.

Mit dem Ziel, dieses Gleichgewicht zwischen Einzelfällen und Verallgemeinerung herzustellen, haben sich das IASS und der International Fund for Agricultural Development (IFAD) mit sieben zivilgesellschaftlichen Organisationen aus sechs Ländern weltweit zusammengetan, um allgemeine Lehren für eine armutsorientierte Anpassung herauszuarbeiten, mit Schwerpunkt auf Ressourcen-Governance. Die Studie mit dem Titel Pro-Poor Resource Governance under Changing Climates stützt sich auf sieben Fallstudien, die mit den folgenden zivilgesellschaftlichen Organisationen gemeinsam geplant und durchgeführt wurden:

Land Organisation
Bangladesh BRAC
Bolivien 1 Fundación Tierra
Bolivien 2 Universität Bern, UMSA/Faculty of Agronomy und Fundación PIAF-El Ceibo
Brasilien PATAC
Burkina Faso GRAF
Ecuador SIPAE
Indien Seva Mandir

Die Studie – die auch in spanischer und französischer Sprache vorliegt – dokumentiert, analysiert und schildert Beispiele der armutsorientierten Governance von Ressourcen und geht der Frage nach, wie sie sich auf die Vulnerabilität der menschlichen Lebensgrundlagen auswirkt. Sie zeigt, in welchem Maße sich veränderte Institutionen auf die Lebensgrundlagen auswirken, indem sie sie anfällig für externe Veränderungen machen, die aus klimatischen und nicht-klimatischen Prozessen erwachsen.

Was haben wir also herausgefunden? Jede Fallstudie lieferte ihre eigenen spezifischen Erkenntnisse und Resultate. Dennoch sind wir bei unserem Versuch, Lehren zu ziehen, die allen gemeinsam sind, zu einigen allgemeinen Kernaussagen gekommen:

Technologien müssen dem Kontext angepasst sein

Angepasst an die Bedürfnisse von Kleinbauern können technische Lösungen die Lebensgrundlage der Armen auf dem Land zwar verbessern, doch da Technologien tief in der Geschichte und Politik verwurzelt sind, gibt es schwerwiegende Hindernisse, sie auch auf der höheren lokalpolitischen Ebene umzusetzen.

Solche technischen Lösungen wurden beispielsweise in Brasilien gut aufgenommen und auch fortgeführt, nachdem sie von lokalen Bauern getestet und in ihren sozialen Kontext eingebettet worden waren. Die größten Hindernisse aber stellten die lokalen Governance-Strukturen dar, in denen meist die politischen und wirtschaftlichen Interessen der traditionellen Eliten überwiegen.

Gemeinschaftsrechte reichen nicht

Die Anerkennung von Gemeinschaftsrechten einschließlich der Institutionen des Gemeinschaftseigentums ist ein Weg, um die Verwundbarkeit der Lebensgrundlagen armer ländlicher Bevölkerungen zu verringern. Dies muss jedoch mit anderen unterstützenden Maßnahmen einhergehen wie etwa der Begleitung von Verhandlungen der Gemeinschaft über die Aufteilung der Gewinne oder der Durchführung von boden- und wasserkonservierenden Maßnahmen. Ohne solche Schritte reichen Gemeinschaftsrechte möglicherweise nicht aus, einen umfassenden Entwicklungsprozess in Gang zu setzen, der Armut beendet.

Sehen kann man das beispielsweise in Indien, wo marginalisierte Stammesgemeinschaften für ihre Lebensgrundlage extrem abhängig von natürlichen Ressourcen sind und kaum Alternativen haben. Selbst wo dort Gemeinschaftsrechte etabliert waren und unterstützende Maßnahmen durchgeführt wurden, reichten die Ergebnisse in der Regel nicht, um die Gemeinschaften aus ihrer chronischen Armut zu befreien.

Armutsorientierte Anpassung ist Politik

Eine armutsorientierte Anpassung an den Klimawandel kann eine Neugestaltung der Zugangsrechte zu Ressourcen bewirken, und solche Prozesse sind eindeutig politisch. Um die Gefährdung menschlicher Lebensgrundlagen zu vermindern, muss bei Reformen des Ressourcenmanagements mitbedacht werden, wie arme ländliche Gruppen mit solchen politischen Prozessen interagieren, das heißt, inwieweit sie bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt und beteiligt werden.

Ecuador liefert uns ein gutes Beispiel dafür, wie durch politisches Handeln die strukturelle Marginalisierung indigener Gemeinschaften angesichts des steigenden Drucks auf ihre natürlichen Ressourcen beendet werden kann. Dieser Fall zeigt, wie es einigen Gemeinschaften gelang, sich selbst zu organisieren und damit Einfluss auf lokalpolitische Prozesse zu nehmen. Sie befanden sich bei Wasserkonflikten in einer viel besseren Position und konnten besser auf eine Welle des Landerwerbs durch Ausländer reagieren.

Schlussfolgerung

Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die Forschungszusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, eine Form der transdisziplinären Forschung, sehr fruchtbar sein kann. Sie führt zu bedeutenden Einblicken in die lokale Situation, die auch für höhere Ebenen sowohl in Forschung als auch in Politik relevant sind.

Insgesamt zeigt die Studie, dass Klimaveränderungen in Wechselwirkung stehen mit der bereits bestehenden sozio-ökologischen Situation. In einigen Fällen können neue Gefährdungen der menschlichen Lebensgrundlagen auf jüngste Veränderungen von Klimamustern zurückgeführt werden, bei denen es sich nicht um einfache Klimaschwankungen handelt. In anderen Fällen werden in der Zukunft zusätzliche Bedrohungen durch den Klimawandel erwartet, sie spielen aber momentan nur eine untergeordnete Rolle für die Verwundbarkeit armer ländlicher Gruppen.

Laden Sie die verschiedenen Versionen dieser Studie kostenlos herunter:

Foto 1 Foto 2    
ZUSAMMENFASSUNG DER STUDIE für politische Entscheidungsträger und in der Praxis Tätige GESAMTE STUDIE mit den sieben Fallstudien in englischer Sprache    
Foto 3 Foto 4    
Gesamte Studie auf SPANISCH Gesamte Studie auf FRANZÖSISCH    

Dieser Beitrag erschien zuerst im Climate & Development Knowledge Network blog.

Header-Photo: Judith Rosendahl

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