Zwei neue Berichte definieren klimapolitische Maßnahmen für die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels

Die Verringerung der CO2-Emissionen ist unverzichtbar, doch diese Maßnahme allein kann einen gefährlichen und möglicherweise katastrophalen Temperaturanstieg nicht verhindern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von 33 führenden Expertinnen und Experten.

Zwei neue Studien kommen zu dem Schluss, dass der weltweite Temperaturanstieg – wie es die Regierungen der Welt im Pariser Abkommen vereinbart haben – auf weniger als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Stand begrenzt werden kann, aber nur, wenn die internationale Gemeinschaft schon bald die folgenden drei Strategien für den Klimaschutz umsetzt: Das weltweite Energiesystem muss bis zur Mitte des Jahrhunderts dekarbonisiert werden; die Freisetzung von kurzlebigen stark klimawirksamen Schadstoffen wie FKW, Methan und Ruß muss bis 2020 drastisch verringert werden; die CO2-Extraktion aus der Luft muss ausgebaut werden, denn wenn die CO2-Emissionen nach 2020 weiter steigen, wird diese Technologie langfristig notwendig sein.

Zu diesen Ergebnissen kommen zwei miteinander verknüpfte Berichte, die am 15. September im Rahmen der UN-Klimawoche veröffentlicht wurden: der Bericht Well Under 2 Degrees Celsius: Fast Action Policies to Protect People and the Planet from Extreme Climate Change, erstellt von 33 bekannten Wissenschaftlern und Politikexperten, und der im Peer-Review-Verfahren überprüfte Bericht Well Below 2°C: Mitigation strategies for avoiding dangerous to catastrophic climate changes von Yangyang Xu und Veerabhadran Ramanathan, veröffentlicht in Proceedings of the National Academy of Science (PNAS). Beide Forschungsarbeiten skizzieren spezifische politische Ansätze, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und sich als Module einer mit drei Hebeln ausgestatteten Strategie eignen, die den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad begrenzen könnte. Dies ist wahrscheinlich das erste Mal, dass von Klimaforscherinnen und -forschern verfasste wissenschaftliche Berichte vorhersagen, dass ungebremste klimatische Veränderungen eine existenzielle Bedrohung für die gesamte Menschheit sowie für viele andere Spezies darstellen. Als Ko-Autor des Berichts Well Under 2 Degrees Celsius war IASS-Direktor Mark Lawrence besonders am Abschnitt über die CO2-Extraktion aus der Luft und am Vorwort von Paul Crutzen beteiligt.

CO2-Extraktion aus der Luft: eine Notwendigkeit

„Weltweit wurden bislang insgesamt rund 2,2 Billionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen. Die politischen Entscheidungsträger gingen bisher davon aus, dass wir bis zu 3,7 Billionen Tonnen CO2 freisetzen könnten und damit immer noch unter einem gefährlichen Niveau blieben. In unserer Forschungsarbeit zeigen wir jedoch, dass eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 20 besteht, dass Emissionen über den aktuellen 2,2 Billionen Tonnen das Risiko einer Katastrophe oder sogar ein existenzielles Risiko mit sich bringen. Dazu gehören die Gefahr einer tödlichen Wärmebelastung für rund 7 Milliarden Menschen, die Gefahr von Viren wie Zika und Chikungunya für 2,5 Milliarden Menschen sowie die Gefahr des Aussterbens von fast 20 Prozent aller Spezies“, warnt Prof. Veerabhadran Ramanathan, Ko-Leiter der dem Bericht zugrunde liegenden Studie und einer der beiden Erstautoren der PNAS-Studie. „Zur Veranschaulichung: Wer würde seine Enkel auf einem Flugzeugsitz festschnallen, wenn er weiß, dass das Flugzeug mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 20 abstürzen wird? Im Hinblick auf den Klimawandel, der existenzielle Gefahren verursachen kann, haben wir unsere Enkel bereits in dieses Flugzeug gesetzt. Die gute Nachricht unserer zwei Studien ist, dass wir noch Zeit haben, katastrophale Veränderungen zu verhindern.“

Emissionsstopp für kurzlebige stark klimawirksame Schadstoffe dringend notwendig

„Der Klimawandel ist ein dringendes Problem, das schnelle Lösungen erfordert“, erklärt Dr. Mario Molina, Nobelpreisträger und Ko-Leiter der dem Bericht zugrunde liegenden Studie. „Wir haben weniger als ein Jahrzehnt Zeit, um diese Lösungen überall auf der Welt einzuführen und damit die Natur und unsere Lebensqualität für die nächsten Generationen zu bewahren. Wir müssen handeln – und zwar jetzt.“

Wenn der erste Hebel, nämlich eine drastische Verringerung der Emissionen von kurzlebigen stark klimawirksamen Schadstoffen, ab sofort greifen würde, könnte bis 2100 eine Erwärmung um bis zu 1,2 Grad verhindert werden. Der Hebel, der bei den kurzlebigen stark klimawirksamen Schadstoffen (Short-Lived Super Climate Pollutant, SLCP) ansetzt, ist unverzichtbar, wenn die Erwärmung kurzfristig gebremst werden soll. Er kann schon heute mit bestehenden Technologien und oft im Rahmen vorhandener Gesetze und Institutionen (wie der schrittweisen FKW-Reduzierung gemäß dem Montrealer Protokoll mit der wichtigen im Jahr 2016 in Kigali beschlossenen Änderung) verwirklicht werden.

Der zweite Hebel, die CO2-Neutralität, erfordert die Dekarbonisierung des weltweiten Energiesystems bis 2050 durch die Nutzung erneuerbarer Energien und durch Verbesserungen bei der Energieintensität. Damit ließe sich im Idealfall eine Abmilderung des Temperaturanstiegs von 2,8 Grad bis 2100 erreichen. Wenn zusätzlich zu einer Abflachung der SLCP-Emissionskurve die CO2-Emissionen ab 2020 nicht mehr steigen und bis 2050 auf Null zurückgehen, besteht laut den Autoren eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 20 Prozent, dass das Zwei-Grad-Ziel überschritten wird.

Der dritte Hebel, die Extraktion von CO2 aus der Atmosphäre, stellt eine zusätzliche Absicherung gegen Überraschungen durch strategische Fehler, Verzögerungen beim Klimaschutz und nicht lineare klimatische Veränderungen dar. Wenn die CO2- und SLCP-Emissionen ab 2020 zurückgehen und bis 2050 CO2-Neutralität erreicht wird, dann werden die abzuscheidenden CO2-Mengen fast zu vernachlässigen sein. Wenn die Freisetzung von CO2 allerdings auch nach 2030 weitergeht, muss die kaum vorstellbare Menge von einer Billion Tonnen CO2 aus der Luft gefiltert werden.

„Das Problem ist, dass nicht bei einer einzigen bekannten Technologie feststeht, dass sie zuverlässig in einem Ausmaß hochskaliert werden kann, das bis Mitte des Jahrhunderts die Extraktion der benötigten Menge CO2 aus der Luft ermöglicht“, erklärt IASS-Direktor Mark Lawrence. „Dies ließe sich nicht einmal mit einer Kombination aus verschiedenen Techniken der CO2-Extraktion erreichen. Ein solches Verfahren wäre wohl in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts denkbar, würde aber enorme Investitionen und große Infrastrukturentwicklungen im Umfang der heutigen Kohle- oder Ölindustrie erfordern. Außerdem würde dies bedeuten, dass wir das Zwei-Grad-Ziel überschreiten, bevor wir genügend CO2 extrahieren, um dann wieder unter diesen Wert zurückzukehren. An all dem wird umso deutlicher, wie wichtig sofortige Maßnahmen mit den zwei erstgenannten Hebeln sind, damit sich die Temperaturkurve schon im nächsten Jahrzehnt abzuflachen beginnt.“

Die Berichte machen deutlich, dass eine erfolgreiche Einführung der genannten strategischen Module eine weltweite Mobilisierung von finanziellen und technischen Ressourcen erfordert. Der Bericht Well Under 2 Degrees Celsius beschreibt zehn skalierbare Lösungen, mit denen es Wirtschaft und Gesellschaft weltweit gelingen kann, bis 2030 die Emissionen von kurzlebigen stark klimawirksamen Schadstoffen kurzfristig zu senken sowie bis 2050 CO2-Neutralität und Klimastabilität zu erreichen. Diese Lösungen stammen ursprünglich aus dem Bericht Bending the Curve von fünfzehn Forschern der University of California und wurden angepasst und abgeändert.

Kipppunkte und existenzielle Risiken: Nur rasches Handeln kann helfen!

„Das Klima hat sich bereits um ein Grad erwärmt. Wir rennen dem Problem hinterher: Wenn die Entwicklung so weiter geht, dann erreichen wir wahrscheinlich in den kommenden fünfzehn Jahren 1,5 Grad, überschreiten bis Mitte des Jahrhunderts die Zwei-Grad-Marke und sind mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis Ende des Jahrhunderts bei vier Grad“, prophezeit Durwood Zaelke, einer der drei Leiter der dem Bericht Well Under 2 Degrees Celsius zugrunde liegenden Studie und Präsident des IGSD. „Wir müssen jetzt handeln und unsere Lösungen so schnell ausbauen, dass sie möglichst bald auf globaler Ebene eingesetzt werden können.“

Werden keine offensiven Maßnahmen über die im Übereinkommen von Paris vereinbarten Lösungen hinaus ergriffen, besteht eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit für existenzielle Gefahren – und die Autoren drängen darauf, dass dies die Menschheit anspornen sollte, mit bislang beispielloser Dringlichkeit tätig zu werden. Solange keine raschen, offensiven Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden, sind nicht lineare klimatische Kipppunkte zu erwarten, die zu selbstverstärkenden, einander verursachenden Auswirkungen des Klimawandels führen können. Dazu gehören unter anderem die Eis-Albedo-Rückkopplung des schmelzenden arktischen Meereises, das Abtauen der tibetischen Himalaja-Gletscher durch Treibhausgasemissionen und Ruß, die Verkleinerung außertropischer Wolkensysteme, die den Planeten durch die Reflexion enormer Mengen an Sonnenlicht ins All vor Erwärmung schützen, die Freisetzung von Methan und CO2 aus Feuchtgebieten sowie die verringerte Aufnahme von CO2 durch die erwärmten Ozeane. Diese plötzlichen Veränderungen bzw. unbekannten Größen sind, in menschlichem Maßstab gemessen (< 100 Jahre), unumkehrbar. Sie würden das Klimasystem beträchtlich verändern und zu einer Erderwärmung führen, die die bisherigen Projektionen übertrifft.

Die Klimaschutzstrategie mit vier Modulen und drei Hebeln, die durch die zehn Lösungen verwirklicht werden, erscheint vielleicht ehrgeizig und anspruchsvoll, aber es gibt bereits zahlreiche Umsetzungsbeispiele. Dazu gehören Städte wie Stockholm und große Staaten wie Kalifornien (die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt), die Klimaschutzverpflichtungen wie eine 40-prozentige Verringerung der CO2-Emissionen bis 2030 und eine 50- bis 80-prozentige Reduzierung der Emissionen von kurzlebigen stark klimawirksamen Schadstoffen eingegangen sind. Die CO2-Emissionenskurven der USA und der EU werden bereits seit 2005 flacher. Diese zahlreichen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit (im Bericht noch ausführlicher dargestellt) geben Hoffnung, dass die Menschheit in der Lage ist, sich für ihre gemeinsamen Umweltziele zu engagieren.

„Dieser Bericht beleuchtet die existenzielle Gefahr, die der Klimawandel für die gesamte Menschheit bedeutet“, erklärte der kalifornische Gouverneur G. Brown Jr. „Die Wissenschaftler haben viele Ideen, wie die Emissionen reduziert werden können – aber alle sind sich einig, dass starkes, entschiedenes Handeln mit dem Ziel einer CO2-freien Wirtschaft notwendig ist.“

Die gute Nachricht lautet, dass es rasch wirksame, praktikable Lösungen gibt, die schon jetzt eingesetzt werden können und ihre Wirkung in den entscheidenden nächsten Jahrzehnten entfalten können. Damit nähme die Welt Kurs auf die langfristigen Ziele des Übereinkommens von Paris und auf die kurzfristigen Ziele für nachhaltige Entwicklung. Die Zeit läuft uns davon. Offensive, sofortige Klimaschutzmaßnahmen sind notwendig, damit die drohenden verheerenden Auswirkungen vermieden werden können.

Well Under 2 Degrees Celsius: Fast Action Policies to Protect People and the Planet from Extreme Climate Change ist hier erhältlich.

Der Bericht Well Below 2°C: Mitigation strategies for avoiding dangerous to catastrophic climate changes ist hier erhältlich. Die PR-Materialien der SCRIPPS Institution of Oceanography zum Bericht sind hier erhältlich. Die Zusammenfassung des Berichts durch das IGSD in einfachem Englisch ist hier erhältlich.

15.09.2017