Anpassung an den KlimawandelSchmelzendes Eis in der Arktis erfordert neue Wege der internationalen Zusammenarbeit

Die Arktis galt lange Zeit als abgeschiedene, isolierte Region. In den letzten Jahren ist sie jedoch aufgrund des Klimawandels und sich neu eröffnender wirtschaftlicher Perspektiven auf der politischen Agenda weit nach oben gerückt. In dem Buch „Governing Arctic Change: Global Perspectives“, herausgegeben von den Politikwissenschaftlern Kathrin Keil (IASS) und Sebastian Knecht (Freie Universität Berlin), untersuchen führende Arktisforscher und jüngere Wissenschaftler die Governance der sich wandelnden Arktis aus internationaler Sicht. Sie beleuchten die Ursachen und Folgen der derzeitigen Entwicklungen in der Arktis und analysieren, wie staatliche und nichtstaatliche Akteure auf entscheidende Probleme für die Weltgemeinschaft reagieren.

Klimaveränderungen in der Arktis beeinflussen schon heute das Wetter in mittleren Breitengraden

Die Temperaturen in der Arktis steigen doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Dies verursacht einen dramatischen Rückgang der Ausdehnung des arktischen Meereises und eine Abnahme der Eisdicke im zentralen Arktischen Ozean. Zudem ist die Arktis eine Senke für Schadstoffe wie Ruß, Quecksilber und persistente organische Schadstoffe, die aus Quellen südlich des Polarkreises stammen, aber durch Meeresströmungen und die Atmosphäre in die Arktis transportiert werden. Sie haben schwerwiegende Konsequenzen für Mensch und Umwelt.

„Die Klimaveränderungen und die Umweltverschmutzung haben ihren Ursprung nicht ausschließlich in der Arktis, aber sie führen dort zu großen Problemen. Diese Probleme bleiben nicht dort, sondern wir beobachten bereits heute Konsequenzen für das Wetter in mittleren Breitengraden“, sagt Kathrin Keil. Das steigende Interesse an der Arktis-Forschung sei daher keine Überraschung.

Die Temperaturen in der Arktis steigen doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Die Auswirkungen sind bereits heute weltweit spürbar. © Kathrin KeilDie Temperaturen in der Arktis steigen doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Die Auswirkungen sind bereits heute weltweit spürbar. © Kathrin Keil

Der Schutz der Arktis erfordert grenzüberschreitendes Denken

Die Buchautoren betrachten die Arktis nicht isoliert, sondern liefern Empfehlungen dafür, wie die Herausforderungen der Region in Zeiten von globaler Vernetzung, Mehrebenenpolitik und Multi-Stakeholder-Ansätzen besser gesteuert werden können. Um die Heterogenität der relevanten Akteure, Prozesse und Politikbereiche analytisch fassen zu können, plädieren Keil und Knecht in ihrem Einführungskapitel für ein neues Paradigma einer „globalisierten Arktis“. Im Kern geht es dabei um die Öffnung der Arktisforschung für neue Ideen und Forschungsansätze, um die Arktis als Region, die von globalen Prozesse beeinflusst wird, besser zu verstehen. Ebenso müsse das globale Arktis-Paradigma in die Politikgestaltung Einzug halten. Denn nur durch ein besseres Verständnis der komplexen Verbindungen zwischen regionalen und globalen Veränderungsprozessen könnten nachhaltige Lösungen gefunden werden, argumentieren die Herausgeber.

Einfluss nicht-staatlicher Akteure ist gewachsen

Vor diesem Hintergrund setzen sich mehrere Autoren des Buches damit auseinander, wie relevante Akteure  institutionell eingebunden werden können, um dem Thema des arktischen Wandels mehr Gewicht zu verleihen. Die Wissenschaftlerin Dorothea Wehrmann vom Center for InterAmerican Studies an der Universität Bielefeld untersucht die Einbindung nicht-staatlicher Akteure in die Governance-Prozesse des Arktischen Rates, des zentralen Forums für die Region. In ihrer Analyse kommt sie zu dem Schluss, dass der Einfluss nicht-staatlicher Akteure von vielerlei Faktoren abhängt, unter anderem von ausreichenden Wissens-, Personal- und finanziellen Ressourcen und den Diskussionsformaten, an denen sie im Arktischen Rat teilnehmen. Wie groß ihr Einfluss ist, sei jedoch nicht einfach zu messen, so Wehrmann. Allerdings lasse sich eine deutliche Veränderung in der klassischen Hierarchie zwischen Staaten und nicht-staatlichen Akteuren feststellen: Letztere seien nicht mehr nur reine „Konsumenten“ von staatlichen Entscheidungen sind, sondern wirkten aktiv an Agenda-Setting und Politikformulierungen für die Arktis mit.

Weitere Beiträge befassen sich mit einer Vielzahl von Akteuren,  wichtigen politischen Fragen und Vorstellungen in Bezug auf eine globalisierte Arktis. Neue institutionelle Formen des Engagements verschiedener Interessengruppen auf mehreren Ebenen kommen ebenso zur Sprache wie Governance-Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels, regionale und überregionale Vor- und Nachteile der Erschließung arktischer Ressourcen sowie lokale und grenzüberschreitende Verschmutzungsprobleme.

Keil, K., Knecht, S. (2017): Governing Arctic Change: Global Perspectives, Basingstoke, UK : Palgrave Macmillan, 319 p.

Stimmen zum Buch:

„Mit ihrer Analyse des dynamischen Wechselspiels verschiedener Probleme, Interessen, Institutionen und Vorstellungen liefern die Autoren dieses gut integrierten, anspruchsvollen Sammelbands erhellende Einsichten in das zunehmend komplexe Muster arktischer Governance. Und dabei fördern sie zudem unser Verständnis globaler Governance ganz allgemein.“ (Professor Oran R. Young, University of California, Santa Barbara, USA)

„Die Arktis unterliegt einer rapiden Veränderung. Dieses wichtige, aktuelle Buch zeigt, dass es nicht um den Wandel in einer abgelegenen Region geht, sondern dass der arktische Wandel in globalen Zusammenhängen und durch globale Vorstellungen Einfluss ausübt, aber auch beeinflusst und gestaltet wird. Hier liegt einfach eine überragende und differenzierte Analyse der heutigen globalen Arktis in den Sozialwissenschaften vor.“ (Professor Mathias Albert, Universität Bielefeld)

„Mit seinem tiefer gehenden globalen Ansatz leistet dieser Sammelband einen wertvollen Beitrag zur Arktisforschung und ist eine willkommene Fortsetzung der Debatte um die Globalisierung und den zirkumpolaren Norden. Ich kann dieses Buch all jenen Wissenschaftlern, Experten und Postgraduierten empfehlen, die mit grundsätzlichen Fragen der internationalen Beziehungen, der Weltpolitik, des Völkerrechts, der Governance sowie der Arktis vertraut sind.“ (Professor Lassi Heininen, Universität Lappland, Finnland)

17.02.2017