Ressourcen und Rechte: Podiumsdiskussion bei der Potsdam Summer School zeigt Herausforderungen für die Arktis

Im Meeresboden der Arktis steckt in 4261 Metern Tiefe eine russische Flagge. Ein Tauchboot setzte sie im August 2007 dort ab. Die Aktion hat zwar nur symbolischen Charakter, verdeutlicht aber die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber den Möglichkeiten in einer sich erwärmenden Arktis. „Die Ansprüche auf einen künftigen Rohstoff-Abbau werden schon jetzt abgesteckt“, sagte die Seerechtsexpertin Prof. Dr. Nele Matz-Lück von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie gehörte zu den vier Wissenschaftlern, die am Montag bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion im Rahmen der 1. Potsdam Summer School über die Folgen des Klimawandels für die Arktis diskutierten. Veranstalter sind das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), die Universität Potsdam, das Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ), das Alfred-Wegener-Institut - Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) sowie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Kooperation mit der Stadt Potsdam.

Zur Einführung informierte Prof. Dr. Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven die Zuhörer in seinem Vortrag „Klimawandel in den Polargebieten – (k)ein Grund zur Sorge?“ über das Ausmaß der Veränderungen im Hohen Norden. „Die Arktis erwärmt sich doppelt so stark wie der Globus im Mittel. In den letzten 30 Jahren ist das Meereis im Sommer um 35 Prozent zurückgegangen“, erklärte der Klimaforscher. Bis 2070 könne die Region im Sommer eisfrei sein, mit schwerwiegenden Folgen für den gesamten Planeten: Ein eisbedeckter Ozean sei gegenüber der Atmosphäre gut wärmeisoliert, doch sobald das Eis schmelze, werde verstärkt Wärme vom Wasser in die Atmosphäre transportiert. Dies verändere das Klima weltweit.

Im Hohen Norden ereigne sich bereits jetzt ein „dramatischer Wandel“, sagte Prof. Dr. Hans-Wolfgang Hubberten von der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts, die die polaren Landregionen untersucht. Denn die Permafrost-Böden, die sonst das ganze Jahr über gefroren waren, haben begonnen zu tauen. Damit ändern sich die Lebensbedingungen für Menschen, Tiere und Pflanzen. So versacken zum Beispiel Häuser in der aufgeweichten Erde, Bahntrassen und Straßen werden unbenutzbar.

In den Permafrost-Böden lagern zudem große Mengen Methan. Zurzeit wird viel über eine „Methan-Klimabombe“ spekuliert, denn das Schmelzen des Permafrostes könnte das Freiwerden des Treibhausgases fördern, das rund 20-mal stärker wirke als CO2. „Wieviel Methan noch gespeichert ist in dem Permafrost, der nicht zugänglich ist, ist eine ganz brennende Frage. Bevor wir das nicht auch nur annähernd verstehen, können wir keine Zukunftsszenarien modellieren, wie sich die Treibhausbilanz in Zukunft entwickelt“, sagte Hubberten. Er rechne jedoch nicht mit einer plötzlichen, gewaltigen Methan-Freisetzung.

Unter dem schmelzenden Meereis und in den Landgebieten der acht Arktisstaaten lagern auch große Vorkommen an Öl, Gas und Erzen, Edelmetallen und seltenen Erden – alles begehrte Ressourcen. Prof. Dr. Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), gehört zu den Forschern, die dieses Rohstoffpotenzial mit geologischen Untersuchungen abschätzen. Diese Rohstoffe nicht zu nutzen, wie es einige Umweltschützer fordern, sei derzeit keine realistische Option, befand  Kümpel: „Dann müssten wir unseren Lebensstandard gänzlich ändern.“ Ziel sei vielmehr eine umweltverträgliche Nutzung. Der Beitrag deutscher Forscher zur Entwicklung von Lösungen für die Probleme der Arktis genieße international große Anerkennung, waren sich die Wissenschaftler auf dem Podium einig.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum ging es vor allem um neue Wege für die Umweltpolitik, etwa ob der Arktische Rat zu einer internationalen Organisation im Sinne des Völkerrechts aufgewertet werden solle, um verbindliche Regelungen zum nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Arktis zu treffen. „Das Völkerrecht ist immer nur so gut, wie es durchgesetzt wird“, antwortete  Rechtsexpertin Nele Matz-Lück. Die Anrainerstaaten hätten Hoheitsrechte an den Ressourcen in ihren Meereszonen, die sie nicht freiwillig an ein übergeordnetes Gremium abtreten würden.

Eine andere Frage beschäftigte sich mit dem in der Klimapolitik etablierten Zwei-Grad-Ziel. Er halte es für unrealistisch, dass die CO2-Emissionen hinreichend reduziert werden könnten, um daran festzuhalten, argumentierte  ein Zuhörer: „Das scheitert an den Egoismen der Länder.“ Tatsächlich seien Verhandlungen zwischen Staaten bislang wenig fruchtbar gewesen, sagte Peter Lemke. Für vielversprechender halte er das Engagement von Metropolen wie Kopenhagen oder Melbourne, die sich eigene, ehrgeizige CO2-Reduktionsziele gesetzt haben. Eine andere Möglichkeit sei es, Unternehmen zum Umdenken zu bewegen: „Wenn man die 20 größten Firmen weltweit dazu kriegt, dann hätte man schon 80 Prozent des Resultats.“

Fotocredits: (c) Uni Potsdam/AVZ