Industrie 4.0: Chinesische Angestellte erwarten drastischere Folgen als deutsche

Fördert die Digitalisierung den Umweltschutz? Welche Auswirkungen hat sie auf die Zahl der Jobs und die Anforderungen an Arbeitnehmer? Eine Umfrage unter Industrie-Angestellten in Deutschland und China zeigt, dass chinesische Arbeitnehmer von den neuen Technologien drastischere Veränderungen für die Umwelt und den Arbeitsmarkt erwarten als deutsche. IASS-Wissenschaftler haben ihre Studie im International Journal of Precision Engineering and Manufacturing veröffentlicht.

„Die Ergebnisse unserer Umfrage spiegeln wider, dass Industrie 4.0 in verschiedenen Regionen der Welt ganz unterschiedliche Auswirkungen zeitigen wird, je nach den vorherrschenden industriellen Voraussetzungen“, sagt Leitautor Grischa Beier. Deutschland als hochindustrialisierter Pionier der „Industrie 4.0“ mit einem hohen Automationsgrad (292 Roboter pro 10.000 Angestellte) hat manche Prozesse bereits durchlaufen, die das Schwellenland China (36 Roboter pro 10.000 Angestellte) noch vor sich hat.

Unterschiedliche Erwartungen auch beim Energiebedarf der Industrie 4.0

Obwohl in beiden Ländern ein ähnlich hoher Anteil der Bruttowertschöpfung auf die Industrie entfällt – in Deutschland 26, in China 32 Prozent – unterscheidet sich der Anteil der Industrie am gesamten Energieverbrauch erheblich: In China liegt dieser bei  70, in Deutschland bei 28 Prozent. Durch ihre hohen Emissionen verursacht die Industrie in China erhebliche Umweltprobleme.

Die Befragten aus China rechnen künftig mit einem deutlich niedrigeren Energiebedarf durch die Digitalisierung der Warenherstellung. Deutsche Industrie-Angestellte hingegen prognostizieren mehrheitlich einen gleichbleibenden oder steigenden Energiebedarf. „Möglicherweise lässt sich diese unterschiedliche Einschätzung damit erklären, dass in vielen deutschen Unternehmen bereits Energieeffizienz-Maßnahmen implementiert wurden. Das führt dazu, dass weitere große Einsparpotentiale schwerer zu realisieren sind. Zugleich gibt es bereits  Erfahrungen zum erwartbaren Fortschritt“, erläutert Beier. In beiden Ländern geht eine Mehrheit davon aus, dass das Thema Ressourceneffizienz zukünftig an Bedeutung gewinnt. Die chinesischen Teilnehmer erwarten dabei mit großer Mehrheit ein hohes Einsparpotenzial beim Material durch die Digitalisierung.

Weniger Jobs in der Fertigung und Montage, mehr Jobs in der Entwicklung

Auch bei der Zahl der Jobs und den Anforderungen an die Arbeitnehmer schätzen Chinesen die Auswirkungen der Digitalisierung als gravierender ein als Deutsche. 88 Prozent der chinesischen Befragten nehmen an, dass es künftig weniger oder viel weniger Arbeitsplätze in der Fertigung, Montage, Logistik und in technischen Dienstleistungen geben wird. Hingegen rechnet nur gut die Hälfte der Deutschen (56 bzw. 53 Prozent) mit einer abnehmenden Zahl der Arbeitsplätze in der Fertigung und Montage. Eine sichere Zukunft prognostizierten die Deutschen dem Bereich Entwicklung: 77 Prozent erwarten eine steigende Zahl von Arbeitsplätzen, gegenüber 46 Prozent der Chinesen.

Eine große Mehrheit der Chinesen geht davon aus, dass die Anforderungen an die Qualifikationen der Mitarbeiter steigen – am meisten in der Fertigung (93 Prozent). Die befragten Deutschen erwarten einen weniger dramatischen Anstieg der Ansprüche. So rechnen in der Fertigung 66 Prozent mit höheren Anforderungen. Die Frage, ob ihre tägliche Arbeit infolge der Digitalisierung bereits anspruchsvoller oder sogar deutlich anspruchsvoller geworden sei, bejahten 25 Prozent der Deutschen und 30 Prozent der Chinesen.

Da das Konzept der Industrie 4.0 noch recht jung ist, gibt es bislang nur wenig Forschung, die die  Auswirkungen der Digitalisierung und der  Verknüpfung von industriellen Prozessen im Hinblick  auf Nachhaltigkeitsaspekte wie Ressourceneffizienz untersucht. Die IASS-Studie trägt dazu bei, diese Forschungslücke zu füllen.

16.05.2017