Energiewende nachhaltig gestalten: IASS übernimmt Federführung für Kopernikus-Forschungsprojekt

Das IASS hat die Ausschreibung für eines der vier Kopernikus-Forschungsprojekte gewonnen, die bislang größte Forschungsinitiative zur Energiewende, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) aufgelegt wurde. Damit übernimmt das IASS die Federführung für das Projekt ENavi im Themenfeld „Systemintegration“ mit dem Ziel der sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Gestaltung der Energiewende. In dem Konsortium sind 64 Partner zusammengeschlossen. Das ENavi Projekt ist bei einer Laufzeit von zehn Jahren mit maximal 100 Millionen Euro dotiert.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka hat am Dienstag neben dem IASS auch die Gewinner der drei anderen technisch orientierten Kopernikusprojekte des Bundes öffentlich bekannt gegeben: Insgesamt wurden vier Forschungsverbünde ausgewählt, die zentrale Weichenstellungen für eine gelingende Energiewende untersuchen sollen. Das Konsortium ENavi unter der Leitung des neuen wissenschaftlichen Direktors am IASS, Ortwin Renn, konnte sich mit einem Antrag zur systemischen Analyse der Energieversorgung gegenüber einer Großzahl von Konkurrenten durchsetzen und soll Schnittstellen zu den anderen drei Projekten aufbauen.

Die Ausschreibung des Bundes umfasste vier Forschungsfelder: drei beleuchten vor allem technische Systemlösungen für eine nachhaltige Energieversorgung, das vierte (ENavi) beschäftigt sich mit der systemischen Verknüpfung zwischen Technik, sicherer und wirtschaftlicher Energieversorgung, neuen Geschäftsmodellen, sozialverträglicher Systemgestaltung und energierelevantem Verhalten von Groß- und Kleinverbrauchern. „Unser Ziel ist“, so Projektsprecher Ortwin Renn, „das hochkomplexe Energiesystem besser zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus Lösungsoptionen für eine gesicherte, sozial akzeptable und verträgliche Energieversorgung zu erarbeiten, die auch international Impulse gibt“. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat das IASS eine Vielzahl wissenschaftlicher Partnerinstitute eingebunden, gleichzeitig aber auch Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und den wirtschaftlichen Akteuren in das Forschungsvorhaben integriert.

Kernstück des Forschungsplans ist die Erstellung eines Navigationsinstrumentes, mit dessen Hilfe die Forscher die Wirkungen und Nebenwirkungen von wirtschaftlichen oder politischen Maßnahmen im Voraus abschätzen wollen. Dieses Instrument soll dazu beitragen, Fragen zu beantworten wie: Wie kann man verhindern, dass die Energiewende die einkommensschwachen Gruppen in Deutschland nicht zu stark belastet? Mit welchen Maßnahmen kann man effektiv und effizient die Elektromobilität in Deutschland fördern? Oder: Wie können mehrere zehntausend Lieferanten von Solarstrom auf privaten Dächern sinnvoll synchronisiert werden?

Schlüsselwort: transdisziplinäre Forschung

Nach Ansicht der Forscher des ENavi-Konsortiums kann die Energiewende nur gelingen, wenn sie die folgenden Bedingungen erfüllt: 1. Die Technik muss ziel- und zeitgerecht gestaltet werden; 2. relevante Entscheidungen müssen wirtschaftlich tragfähig und 3. ökologisch nachhaltig sein; 4. alle Maßnahmen müssen politisch und ökonomisch effektiv koordiniert und organisiert werden; 5. Eingriffe ins Energiesystem müssen durch verschiedene gesellschaftliche Akteure mitgestaltet werden können und die damit verbundenen Veränderungen von den Betroffenen akzeptiert und als fair und sozialverträglich anerkannt werden; 6. die Vorhaben müssen durch rechtliche Vorgaben innovationsorientiert gesteuert und angereizt werden sowie 7. alle Interventionen müssen ethisch z. B. unter Gesichtspunkten von Gerechtigkeit und Fairness vertretbar sein.

Das Forschungsprojekt hat folgende Ziele: ein besseres und tieferes Verständnis des komplexen Energiesystems zu gewinnen, auf der Basis dieser Erkenntnis wissenschaftsbasierte Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie die Komponenten des zukünftigen Energiesystems unter Berücksichtigung der energiepolitischen Ziele (Klima- und Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit) systemisch integriert werden können, zudem so präzise wie möglich abzuschätzen, welche Folgen eine bestimmte Maßnahme (Intervention), die die geforderte Integration bewirken soll, kurz-, mittel- und langfristig auf die Energieversorgung haben würde und schließlich in einem transdisziplinären Diskurs Optionen für kollektiv wirksame Maßnahmen (Interventionen) zu generieren.

Mit dem transdisziplinären Vorgehen ist ein Forschungsansatz gemeint, der auf eine gemeinsame Erarbeitung von Wissen und Optionenabwägung im Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft abzielt. Dieser Dialog soll zum einen ermöglichen, dass die Anregungen, Vorstellungen und Anfragen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft konstruktiv integriert und wissenschaftlich bearbeitet werden. Zum anderen sollen die Ergebnisse der Forschungsarbeiten mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diskutiert und kritisch reflektiert werden. Für diesen transdisziplinären Dialog wird das IASS die Federführung übernehmen.

05.04.2016