Headline: Kulturen der Ökonomie und Kulturen der Nachhaltigkeit

Wir Menschen leben in komplexen ökologischen Systemen, deren Stoffströme uns Atemluft, Trinkwasser und Nahrung liefern. Als Menschen leben wir aber auch in komplexen sozialen Systemen, in denen wir uns organisieren, lernen und Sinn erzeugen. Im Programm Ökonomie und Kultur verstehen wir den Wandel zur Nachhaltigkeit ganzheitlich und forschen darüber, was es bedeutet, sowohl eine ökologische als auch eine soziale Nachhaltigkeit zu erreichen. 

Innerhalb des sozialen Systems interessieren wir uns dabei besonders für zwei Teilsysteme: das ökonomische und das kulturelle System. Im ökonomischen System werden Güter geschaffen und Dienstleistungen bereitgestellt, die den Menschen je nach Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, in der sie leben, mehr oder weniger materiellen Wohlstand ermöglichen. Die Leistungsfähigkeit hängt wiederum davon ab, welche Fähigkeiten die Menschen entwickeln können und welche Mittel in Form von Land, Häusern, Rohstoffen, Maschinen und Werkzeugen ihnen zur Verfügung stehen. Eine entscheidende Rolle spielt die Kreditwirtschaft als Steuerungssystem für die wirtschaftlichen Aktivitäten. Beim kulturellen System schließlich geht es um die Art und Weise, wie wir unsere Weltanschauungen erwerben – angefangen mit der Sprache und den von Menschen benutzten Begriffen bis hin zu den Werten, Routinen und Normen, von denen wir uns leiten lassen. Die emotionale ‚Investition‘ in diese handlungsleitenden Werte wird wiederum auch an „Kultur“ im engeren Sinne, also in den Künsten, ablesbar und darstellbar. 

Im Programm „Ökonomie und Kultur“ interessieren wir uns also für die jeweiligen Eigendynamiken dieser Systeme sowie ihre Wechselwirkungen miteinander – und dafür, wie sie eine Nachhaltigkeitstransformation befördern oder blockieren. Für die Verknüpfung kultureller mit ökonomischen Forschungsinteressen spielt dabei die durch Albert O. Hirschman propagierte Idee des Trespassing eine Rolle. Damit ist das bewusste Überschreiten und Integrieren unterschiedlicher Sozialwissenschaften gemeint, um ökonomische Sachverhalte zu erklären. Hierdurch lässt sich die Herausforderung angehen, neben den drei etablierten Nachhaltigkeitsdimensionen – also neben Ökonomie, Sozialem und Ökologie – die Kultur als vierte Nachhaltigkeitsdimension zu etablieren. Auch für eher mittelbar wirtschaftsrelevante Fragen – wie die nach Naturverhältnissen im Anthropozän – sehen wir es als hilfreich an, Vergleiche von Kulturen (im breiteren Sinne) und Wissenschaften von der Kultur (im engeren, künstlerischen Sinne) in die Arbeit einzubeziehen.

Forschungsfragen in unserem Programm sind derzeit unter anderem:

  • Wie muss das Weltfinanzsystem reformiert werden, damit es in großem Maßstab Investitionen in grüne Infrastruktur mobilisieren kann? 
  • Wie gehen wirtschaftspolitische Entscheider mit Situationen um, in denen sie zukünftige Entwicklungen prinzipiell  nicht abschätzen können („deep uncertainty“), bzw. wie sollten sie damit umgehen? Welche Rolle spielt dies für die Koordination von Erwartungen? 
  • Welche Reflexivitäts-Spielräume in Bezug auf Grundsatzfragen gibt es für Akteure im wirtschaftspolitischen „Tagesgeschäft“?
  • Wie sollten anreizbasierte ökonomische Instrumente für eine nachhaltige Landwirtschaft beschaffen sein? 
  • Ist „Umweltbewusstsein“ im Anthropozän noch ein tragfähiges und handlungsrelevantes Konzept?

Neben solchen Fragen, die genuin aus dem Bereich „Ökonomie und Kultur“ hervorgehen und darin bearbeitet werden, knüpft das Programm auch konkrete Verbindungen zu den anderen Programmen des IASS. Beispiele sind die Suche nach alternativen Strommarktdesigns und die Frage nach den Voraussetzungen einer Beteiligungskultur in öffentlichen Verwaltungen (im Programm „Transformation des Energiesystems“), die Untersuchung und Beeinflussung der ökonomischen und kulturellen Wertschätzung von Böden (im Programm „Nachhaltigkeitsgovernance“) oder die Rolle von ökonomischen und kulturellen Faktoren für die Nachhaltigkeitsforschung in der Arktis (im Programm „Luftqualität im Kontext des globalen Wandels“). 

Derzeit laufen bei uns u.a. folgende Forschungsaktivitäten:

Mehr Team-Mitglieder: 

Visiting Fellow:

  • Dr. Antonio Andreoni (April - July 2015)
  • Ferdinand Knauß (2015)
  • Prof. Robert Hunter Wade (May - June 2015)
  • Prof. Dr. Deirdre McCloskey (October 2014)

Projekt-Team:

  • Moritz Remig
  • Claudia Saalbach
  • Franziska Tietz, Studentin
  • Dr. Edouard Cottin-Euziol
  • Daniela Eskelson

Alumni

  • Dr. Franziska Dübgen (2013)
  • Dr. Philipp Lepenies
  • Anna Barbara Sum (2012 - 2014)

Weitere Informationen:

Abgeschlossene Projekte